POLITIK
30/03/2018 07:31 CEST | Aktualisiert 30/03/2018 09:05 CEST

"Lanz": Ex-Ministerin Zypries spricht bittere Wahrheiten über SPD-Führung aus

"War das eine Falle für Martin Schulz?"

  • Bei “Markus Lanz” hat die frühere SPD-Ministerin Zypries über das politische Ende von Martin Schulz gesprochen
  • In ihren Antworten wurde deutlich, wie hinterlistig der Berliner Politikbetrieb sein kann
  • Im Video oben seht ihr, wie Schulz erfuhr, dass sein politisches Ende besiegelt ist

Eine “Schlangengrube” hat die Schwester des ehemaligen SPD-Chefs Martin Schulz die Berliner Politik genannt. Als klar war, dass das politische Ende des gescheiterten Kanzlerkandidaten besiegelt war. 

Ein Eindruck, der sich am Donnerstag in der ZDF-Talksendung von Moderator Markus Lanz bestätigten sollte. Eingeladen war der “Spiegel”-Journalist Markus Feldenkirchen, der für sein Buch “Die Schulz-Story” den Mann aus Würselen ein Jahr lang begleitete.

Einzelne Passagen sollte die ehemalige SPD-Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries kommentieren. In ihren Antworten – und manchmal nur in einem nervösen Lachen – wurde deutlich: Was Zyniker schon immer über die Politik dachten, über die Machtkämpfe und Intrigen zwischen vermeintlichen Freunden, ist nicht weit von der Wahrheit entfernt.

Der Intrigantenstadl in der SPD

 “So eine Geschichte durchzumachen – das wünscht man ja niemandem”, sagt Zypries in der Sendung auf die Frage von Markus Lanz, ob ihr das Schicksal von Schulz leid tue. 

“Und Sigmar Gabriel?”, hakt der Moderator nach. Der ehemalige Außenminister hatte sich mit einem Interview zu Schulz selbst ins Abseits manövriert – und ist nicht mehr Teil des neuen SPD-Kabinetts.

“Ich glaube, das hat eine etwas längere Geschichte als nur ein Jahr”, sagt Zypries da und schweigt erstmal. Dann lacht sie. Leicht nervös klingt das.

► Zu viel will die SPD-Politikerin offenbar nicht verraten über ihren einstigen Chef im Wirtschaftsministerium. Unter Gabriel arbeitete sie von 2013 bis 2017 als Parlamentarische Staatsekretärin, bevor Gabriel Außenminister und Zypries selbst Wirtschaftsministerin wurde.

“Die Auseinandersetzung gibt es schon länger”, erklärt Zypries, “und man wusste, wer auf welcher Seite steht. Ich meine jetzt, im Verhältnis Nahles zu Gabriel.” Feldenkirchen zitiert die SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles in seinem Buch mit den Worten: “Entweder du killst ihn oder er killt dich.” Gesagt hatte sie das laut dem Journalisten zu Schulz, gemeint war Gabriel.

Lanz fragt nach: “Das heißt, man hat sich da gegenseitig sehr weh getan?” Zypries bittere Antwort: “Das scheint so zu sein.”

“In der Politik gibt es keine Freundschaft”

Der Moderator möchte für die Zuschauer erklären, wo die Gräben in der SPD nach der Bundestagswahl verlaufen sind. Er benennt ein Lager um Nahles und den kommissarischen Vorsitzenden der Partei, Finanzminister Olaf Scholz. Und Gabriel und Schulz auf der anderen Seite.

“Ich glaube nicht, dass Gabriel und Schulz ein Lager waren”, betont Zypries. Habe es die Freundschaft zwischen den beiden Politikern, die sie gerne öffentlich beschworen hatten, gar nicht gegeben?

► Es habe sicherlich eine “freundschaftliche Beziehung” gegeben, sagt die SPD-Politikern. “Aber ich glaube nicht, dass es eine Freundschaft gab.”

Dann ihre bittere Wahrheit: “Wenigstens nicht, was ich unter Freundschaft verstehe. Das gibt es in der Politik sowieso nur sehr selten.” Wieder lacht Zypries. Es klingt leicht gequält dieses Mal.

Auch Parteifreunde konkurrieren eben miteinander. “Das ist ein völlig normaler Prozess”, stellt sie klar. 

Zu viel Testosteron

Lanz legt der ehemaligen Ministerin dann noch ein altes Zitat von ihr vor: “Sie haben einmal gesagt: ’Mir war da zu viel Testosteron im Spiel.′

► Die antwortet: “Naja, zu viel Testosteron ist ganz oft im Spiel in der Politik.” Das Publikum lacht, Lanz grinst und nickt mit dem Kopf.

Zypries selbst lacht dann auch. Aber von einer Ministerin gesprochen, die nach vielen Jahren in der Politik 2017 aus dem Bundestag schied, hat der Satz einen bitteren Beigeschmack.

Die Falle für Martin Schulz

Wenig später geht es in der ZDF-Sendung um den einen Satz, der Martin Schulz wohl seine Karriere gekostet hat. Auf Nachfrage bei einer Pressekonferenz nach der Bundestagswahl hatte der damalige SPD-Chef auf Oppositionskurs gesagt, er werde nicht in Kabinett Merkel eintreten.

Nach vielen Wenden und einem spektakulären Schlingerkurs wollte Schulz bekanntlich Außenminister in der großen Koalition werden und den Parteivorsitz abgeben. Eine Entscheidung, die vom SPD-Vorstand abgesegnet worden war.

► Markus Lanz fragt daher den Journalisten Feldenkirchen, ob nicht auch der Führung der Sozialdemokraten klar sein musste, dass Schulz diese Wende nicht überstehen würde. Weil sie seine Glaubwürdigkeit komplett zerstörte. “War das eine Falle”, fragt der Moderator direkt.

Feldenkirchen meint, er könne die Frage nicht beantworten. “Da müssen sie die zehn, zwölf anderen befragen.”

Lanz wendet sich an Zypries mit der gleichen Frage. Die sagt: “Ich war nicht dabei. Gott sei Dank!” Auch eine vielsagende Antwort. Die Politikerin ist offenbar froh, bei dieser Entscheidung – oder: Intrige? – keine Rolle gespielt zu haben. 

Sie habe mit den Beteiligten darüber nicht gesprochen. “Ich kann von meiner Wahrnehmung sagen, dass sehr schnell klar war, dass das nicht funktionieren würde.”

“Wenn man so dicht dran ist wie Sie”, sagt Lanz, “können Sie mir nicht erzählen, dass Sie mit denen nicht gesprochen haben.”

Zypries bleibt aber dabei. “Doch so ist das, so ist Politik: Man spricht nicht immer miteinander.” Eine Antwort, die wieder viel Raum zur Interpration ließ. Zu dem, über was in der Politik gesprochen werden kann – oder nur in kleinen Kreisen, in Hinterzimmern hörbar ist.

Lanz sagt über den SPD-Vorstand: “Ich interpretiere das jetzt für Sie: Das hätte auch den anderen zwölf Aposteln klar sein müssen.” Zypries nickt.

► Entweder war die Führung der Sozialdemokraten blind für die Folgen von Schulz’ Entscheidungen – oder sie haben ihn ins Messer laufen lassen. Das ist die letzte bittere Wahrheit über die SPD an diesem Abend.