POLITIK
05/04/2018 05:43 CEST | Aktualisiert 05/04/2018 07:51 CEST

"Markus Lanz": "Zeit"-Journalist findet wahre Worte zum Aufstieg der AfD

"Es ist logisch, dass es so etwas gibt."

  • Im ZDF-Talk von Markus Lanz spricht Autor Ijoma Mangold über das Entstehen extremer Positionen
  • Er glaubt: Die AfD ist mit legitimen Positionen gestartet und wurde zu stark stigmatisiert
  • Oben im Video seht ihr, wie die AfD in der jüngsten Sonntagsumfrage abschneidet

Mehr als ein halbes Jahr ist es nun her, dass die AfD mit mehr als 10 Prozent der Stimmen in den Bundestag einzog. Und noch immer scheint die Ursachenforschung noch nicht abgeschlossen.

Am Mittwochabend äußerte “Zeit“-Journalist und Literaturchef Ijoma Mangold in der ZDF-Talkshow “Markus Lanz“ eine beachtenswerte These zum Aufstieg der Rechtspopulisten. Mangold kritisierte die “Reflexartigkeit“ der Medien und plädierte dafür, politische Vorfälle weniger ideologisch und mit dem Blick auf die konkreten Einzelfälle zu betrachten.

“Ich würde auch sagen, dass die Medien die Grenzlinie zu lange zu weit links gezogen haben“, sagte Mangold. Der Erfolg der AfD habe wesentlich damit zu tun, dass legitime Positionen – etwa in der Eurokrise und dann bei der Flüchtlingspolitik – nicht mehr im Parlament repräsentiert gewesen seien.

Die Positionen der AfD seien nun mal in der Öffentlichkeit da – “und auch logisch, wenn man über eine politische Herausforderung nachdenkt“. Es sei die Idee der Demokratie, dass es auch solche Meinungen gebe. Dass weder die eurokritische noch die kritische Position in der Flüchtlingspolitik eine Stimme im Bundestag gehabt habe, sei ein “Problem“.

“Bei Pegida läuft es mir kalt den Rücken runter”

“Wenn man sich parlamentarisch nicht artikulieren kann, muss man sich nicht wundern, dass man plötzlich die Straße sucht und plötzlich hat man dann Pegida, wo es mir dann natürlich kalt den Rücken runter läuft“, sagte der Sohn eines nigerianischen Vaters.

Die 25-jährige Extremismusforscherin Julia Ebner erklärte, das Fehlen dieser Repräsentation ändere sich gerade. “Weil sie es geschafft haben, sehr stark in den Mainstream zu geraten“, erklärte die Österreicherin, die unter anderem über die rechtsextreme Identitäre Bewegung geforscht hat.

Eine Erfolgsstrategie der Extremisten sei es, im Internet den Eindruck zu erwecken, “dass sie noch viel mehr sind“. Vertreter von Randpositionen seien der Mitte in dieser Hinsicht zuletzt immer einen Schritt voraus gewesen. Sie wüssten, “wie man Algorithmen austrickst“, um mit Kommentaren in sozialen Medien den Eindruck einer zahlenmäßig sehr starken Bewegung zu erwecken.

So hätten die Extremisten die “Online-Agenda bestimmen“ und erheblichen Druck auf die Politik aufbauen können. So sei die Grenze des Sagbaren weiter nach rechts verschoben worden, resümierte Moderator Markus Lanz.

Mangold: Deutschland hat sich verändert

Mangold kam später noch einmal zur Wort – und sprach über seine eigene Erfahrung, als Kind mit afrikanischen Wurzeln in Deutschland aufzuwachsen. Viele Freunde am Gymnasium hätten ihn immer gefragt, warum er so ein “scharfes Hochdeutsch“ spräche.

Heute glaube er, dass sei eine “internalisierte Rettungsmaßnahme“ gewesen: “Als schwarzer Mensch in Deutschland, wenn sie Menschen nach dem Weg fragen, klar, zucken die für den Bruchteil einer Sekunde kurz zurück.“ Wenn der dann aber einen “syntaktisch anspruchsvollen Satz in geschliffenem Hochdeutsch sagt, schon beruhigt sich das Gegenüber“, berichtete Mangold unter Gelächter des Publikums.

Deutschland habe sich diesbezüglich aber ohnehin zum Positiven verändert. Als Jugendlicher oder Student habe er noch erlebt, dass Menschen mit ihm sprächen, als verstehe er kein Deutsch. “Das hörte aber Mitte der 90er auf“, berichtete der “Zeit“-Journalist auf Nachfrage von Lanz.

(ll)