POLITIK
09/03/2018 14:10 CET

“Markus Lanz”: Journalist rechnet erbarmungslos mit den etablierten Parteien ab

"Die demokratische Seite hat versagt."

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Der Journalist Olaf Sundermeyer bei "Markus Lanz"
  • Markus Lanz sprach am Donnerstagabend über Rechtsextremismus in Deutschland
  • Der Journalist Olaf Sundermeyer sparte dabei nicht mit Kritik an der politischen Klasse

Kandel, Cottbus, Dresden: Diese und viele andere Orte sorgten in den vergangenen Wochen wegen rechtsextremer Demonstrationen für Schlagzeilen.

Der Zulauf der Demos war teilweise beträchtlich. Gegendemonstrationen? Vielfach Fehlanzeige.

Gewinnen die Rechten immer mehr an Einfluss? Und woran liegt das, fragte deshalb auch Moderator Markus Lanz am Donnerstagabend seine Gäste. 

Zu Gast bei “Markus Lanz” waren: 

Sabine Leutheusser-Schnarrenberger: Zweimalige Bundesjustizministerin

Olaf Sundermeyer: Journalist und Rechtsextremismusexperte

Stefanie Brachtel: Kellnerin, engagiert sich für Flüchtlinge

Fabian Kahl: Antiquitätenhändler

Moritz Fürste: Hockeyspieler

Die Erklärung lieferte der Journalist Olaf Sundermeyer, der seit Jahren über die rechte Szene in Deutschland berichtet und immer wieder Orte besucht, wo sie besonders viel Einfluss hat. 

Mehr zum Thema: Kandel zeigt, dass die AfD keine Berührungsängste mehr mit Rechtsextremen hat

“Die Angst ist teilweise berechtigt”

“Viele Kommunalpolitiker in Ostdeutschland haben Angst”, hielt Sundermeyer gleich zu Anfang fest. 

Die Angst sei dabei teilweise auch berechtigt, berichtet Sundermeyer.

Viele Politiker würden von Rechtsextremisten bedroht und teilweise auch tätlich angegriffen. 

Aber es sei teilweise nicht so sehr die Angst vor den Rechtsextremisten selbst, “sondern vor den Menschen in ihrer Stadt, vor den Wählern.”

Die politisch Verantwortlichen hätten Angst, als jemand zu gelten, der zum Beispiel für Flüchtlinge Verständnis äußert. Deshalb würden viele Politiker vor allem in Ostdeutschland und vor allem in Städten mit einer großen rechtsextremen Szene das Problem leugnen.

Mehr zum Thema: “So viel Aggressivität wie noch nie”: Aktuelle Zahlen der Polizei zeigen, wie der Wahlkampf in Ostdeutschland eskaliert

“Fatale Wirkung auf die Menschen”

“Das Versagen von demokratischer Seite ist für mich das sehr viel größere Problem, als die tatsächlich harte rechtsextremistische Szene”, analysierte Sundermeyer. So würden zum Beispiel auch auf den Demonstrationen gegen Rechts zu oft Lokalpolitiker fehlen.

Lanz kommentierte die Aussage mit einem treffenden Satz:

► Wenn Politiker sich nicht entschieden gegen Rechts stellten, dann habe das “eine fatale Wirkung auf die Menschen, dann ist Unsicherheit jeder Raum geboten, den sie braucht, um sich katastrophal zu entfalten.”

Sundermeyer gab dem Moderator recht. Wenn niemand mehr dagegenhalte, dann bekämen die Rechten das Gefühl, dass sie die Deutungshoheit haben, was ihnen noch weiteren Zulauf beschere.

Und der Journalist wurde noch deutlicher:

► “Wenn sie ihre Haltung als Politiker nicht auf die Straße bringen, egal welcher Partei sie angehören, dann wird die Wirkungsmacht dieser Gruppierungen größer, dann wachsen sie und das ist das, was wir gerade bundesweit erleben.”

Politik ist zu weit weg von den Menschen

Dabei blieb Sundermeyer aber nicht und schob seine vielleicht größten Vorwurf an die etablierte Politik an diesem Abend nach:

► “Die Politik muss vor Ort sein.” Die AfD mache mittlerweile an jeder “Gießkanne, in jeden Kaff, in jedem Dorf Hinterzimmergespräche, Bürger- und Unternehmerstammtische”. Gerade an Orten, wo sich Menschen gegen Flüchtlinge wenden. Politiker anderer Parteien fehlten dort zu häufig. 

So pauschal, wie er es kritisiert, mag seine Aussage nicht stimmen. Denn vor allem Politiker der Linken und Grünen sind seit Jahren auch im Kampf gegen Rechts vor Ort involviert.

Wo Sundermeyers Beobachtung aber richtig ist: “Die Politiker müssen den Menschen zuhören und sich mit ihrer Meinung auseinandersetzen.”

Grünen-Politiker macht einen Tag Wahlkampf für die AfD

Dass das tatsächlich funktionieren kann, bewies der Münchner Grünen-Politiker Dieter Janecek vergangenes Jahr als für einen Tag Wahlkampf für die AfD machte und mit deren potentiellen Wählern in Kontakt kam.

Janeceks Fazit am Ende: “Auch Wutbürger können zuhören, zumindest einige.” Aber Janecek bildet mit seinem Versuch eine Ausnahme.

Journalist Sundermeyer stellt deshalb auch nicht ganz zu Unrecht am Ende fest:

► “Die Distanz zwischen den Politikern und den Bürgern ist in den vergangenen Jahren gewachsen, das spüren die Leute und werfen es auch gerade der regierenden Politik vor. Die AfD weiß und nutzt das.”  

(lp)