POLITIK
06/09/2018 10:03 CEST | Aktualisiert 07/09/2018 06:04 CEST

"Markus Lanz": Journalistin erklärt, was Özil bei Rassismus nicht versteht

Tekkal, deren Eltern aus der Türkei stammen, beklagt "bigottes" Verhalten.

ZDF
"Markus Lanz": Journalistin erklärt, was Özil bei Rassismus nicht versteht
  • Bei “Markus Lanz” kritisiert die Journalistin Düzen Tekkal das Erdogan-Foto Mesut Özils.
  • Sie sieht darin einen Fehler Özils – und ein Versagen der deutschen Gesellschaft.

Die Journalistin und Kriegsberichterstatterin Düzen Tekkal kritisiert den früheren Fußballnationalspieler Mesut Özil wegen seines Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recept Tayyip-Erdogan und den Rassismus-Vorwürfen, die Özil und seine Berater gegen den DFB erhoben haben.

Tekkal warf Özil bei “Markus Lanz” am Mittwochabend in der Talkshow von Moderator Markus Lanz vor, mit zweierlei Maß zu messen:

Einerseits lasse er sich mit einem Staatschef fotografieren, der die Kurden im eigenen Land rassistisch diskriminiere, andererseits beklage er Rassismus im Umgang des DFB mit ihm selbst.

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“Beim Rassismus in der Türkei ein Auge zugedrückt”

“In dem Moment, wo er Rassismus in Deutschland beklagt hat, hat er beim Rassismus in der Türkei ein Auge zugedrückt”, sagte Tekkal. Die Journalistin sagte in dem Zusammenhang, sie finde das “bigott”. Rassismus gebe es in allen Ländern, man dürfe da keinen Unterschied machen.

Sie betonte: “Ich finde schon, dass wir von einem Leistungsträger eine gewisse Loyalität für das Land verlangen können für das Land, für das er aufläuft.”

Tekkals Eltern sind Jesiden und kamen in den 60er-Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Der Vater arbeitete in Deutschland als Fliesenleger, die Mutter, Analphabetin, brachte elf Kinder zur Welt.

Für Tekkal ist das Özil-Erdogan-Foto ein Beweis dafür, “dass wir alle ein bisschen gescheitert sind”. Denn offenbar sei die Wertevermittlung nicht erfolgt.

Tekkal warnt bei “Lanz” vor einseitigen Schuldzuweisungen

Tekkal warnt davor, die Dinge einseitig zu sehen. Auf der einen Seite sei sie genervt von der kollektiven Opfermentalität vieler Migranten, noch viel weniger aber wolle sie die Opfermentalität akzeptieren, die sie an Deutschen beobachtet.

Sie ärgert sich, dass sie von Jesiden, von Migranten, von ihrer Community oft als “zu deutsch”, zu emanzipiert kritisiert wird. Und dass sie umgekehrt von Deutschen zu hören bekommt, dass sie für eine Migrantin aber ganz schön selbstbewusst sei.

Tekkal sagte, jeder, dem man den Migrationshintergrund ansehe, erlebe Diskriminierung. Auch ihr Vater. Sie erinnerte sich bei “Markus Lanz” an eine Schlüsselszene aus ihrer Kindheit:

Ihr Vater habe lange für die deutsche Staatsbürgerschaft gekämpft. Als er dann im Amt die Einbürgerungsurkunde entgegennahm, habe er gesagt: “Wir sind jetzt Deutscher! (sic)”

Sie selbst, damals acht Jahre alt, habe noch gedacht, oh nein, ein R zu viel. Das war auch der Frau vom Amt nicht entgangen. Sie entgegnete dem Vater:

“Sind sie nicht.”

Dass sie trotz ihrer wenig privilegierten Situation bestens integriert ist, führt Tekkal darauf zurück, dass sie und ihre Geschwister ein “Produkt der Solidargemeinschaft” seien.

Tekkal fordert Pflicht zur Förderung von Migrantenkindern

Ihre Eltern schickten sie in den Kindergarten, erinnert an Lehrer, Trainer und Nachbarn, die sich ihrer angenommen hätten.

Tekkal fordert verpflichtende frühkindliche Förderung für die Kinder von Migranten und warnt, die religiöse Erziehung nicht Verbänden wie der Ditib zu überlassen.

(ll)