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14/03/2018 21:21 CET | Aktualisiert 14/03/2018 22:44 CET

Putin ließ meinen Mann ermorden – der Westen muss ihn endlich aufhalten

Morde sind für Putins Regime Mittel zur Politik.

Toby Melville / Reuters
Marina Litwinenko, die Witwe 2006 des ermordeten Ex-KGB-Agenten Alexander.

Im Jahr 2006 wurde in London der ehemalige Agent des russischen Geheimdienstes KGB Alexander Litwinenko mit Plutonium vergiftet. Die Strahlung nahm ihm das Leben. Ein Richter stellte später fest: Der Kreml war für den Mord an Litwinenko verantwortlich. 

Zwölf Jahre später wurde mit Sergej Skripal wieder ein russischer Agent in Großbritannien vergiftet. Alexander Litwinenkos Witwe Marina berichtet in der HuffPost, was das Attentat in ihr auslöst.

Als ich von dem Giftgasanschlag auf Sergej Skripal hörte, kamen die alten Schmerzen wieder hoch: Ich musste sofort daran zurückdenken, welche Hölle mein Mann durchlebt hat, nachdem ihn 2006 russische Agenten mitten in London mit dem radioaktiven Polonium vergiftet hatten.

Sein Tod war langsam, grausam, unmenschlich. 

In Gedanken bin ich ganz bei Sergej Skripal und seiner Tochter, die jetzt um ihr Leben ringen. Und bei ihren Angehörigen. Ich weiß aus trauriger Erfahrung, wie schrecklich das ist, was sie jetzt durchmachen.

Schrecklich war für mich auch, wie viele auf die Ermordung meines Mannes reagierten. Die britischen Ermittler leisteten zwar exzellente Arbeit.

Aber später wollte die Politik offenbar keinen Ärger mit Putin. Und deshalb auch kein Verfahren. Ausgerechnet Theresa May, die heutige Premierministerin, machte sich damals als Innenministerium für die Einstellung stark.

Ich musste selbst den britischen Staat verklagen, damit der Fall vor einen Richter kam. Der stellte fest: Der Kreml ist für den Mord an meinem Mann verantwortlich. Putin selbst hat die Tat wahrscheinlich gebilligt.

Schritte, die Putin und seinem System wirklich weh getan hätten, wurden trotz dieses Richterspruchs nicht unternommen.

Ich halte das für einen fatalen Fehler.

Der Westen lässt Putin mit den Morden davonkommen

Nur diese Zurückhaltung kann etwa erklären, dass Putins Außenminister Sergej Lawrow sich auch jetzt wieder erlaubt, die Fakten zynisch zu verdrehen – sowohl was den Mord an meinem Mann angeht, als auch den aktuellen Giftanschlag.

Die Art, wie hier gelogen wird, wie die Opfer- und Täterrolle verdreht werden, ist haarstäubend. Das Ziel ist ganz offensichtlich: uns herauszufordern, zu provozieren.

► Ich bin überzeugt: Dass man Putin den Mord an meinem Mann quasi durchgehen ließ, war geradezu eine Ermunterung zu weiteren dreisten, geradezu demonstrativen Gesetzesverstößen bis hin zu Morden.

Warum sollten sich die Machthaber im Kreml davor fürchten, wenn ihnen der Westen doch gezeigt hat, dass er selbst einen Mord durchgehen lässt?

Mehr zum Thema: Mord ist sein Hobby: Wie Putin mit Mafiapolitik sein Image in Russland pflegt

Laut “Buzzfeed” sind in Großbritannien 14 Menschen unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen, die entweder aus Russland geflohen oder als Briten geschäftliche Konflikte mit Russland hatten.

Leider wurden viele dieser 14 Fälle nicht alle ausreichend aufgeklärt. Erst die jüngste Tragödie hat vielen Politikern die Augen geöffnet – jetzt gibt es endlich Hoffnung, dass in diesen Fällen weiter ermittelt wird.

Ich frage mich: Könnten einige dieser Opfer noch leben, wenn die Verantwortlichen in Großbritannien, in der EU und in den USA klar eine rote Linie gezogen hätten? Zumindest nach dem Richterspruch? Wären Skripal und seiner Tochter die Vergiftung möglicherweise erspart geblieben?

Ich appelliere an Politiker und Journalisten: Hören Sie auf, wegzusehen

Spätestens jetzt sollten die Politiker und Journalisten im Westen das tun, was wir schon nach dem Mord an meinem Mann hätten tun müssen: Sie sollten umdenken.

► Ich appelliere an sie: Hören Sie auf, wegzusehen, und sich die Probleme mit Putin schönzureden. 

Wiederholen Sie jetzt nicht den Fehler, den der Westen nach dem Mord an meinem Mann begangen hat: Sie dürfen jetzt Großbritannien nicht allein stehen lassen in der Auseinandersetzung mit dem Kreml.

Europa, der gesamte Westen muss zusammenstehen. Gerade Deutschland kommt dabei eine zentrale Rolle zu.

Nur gemeinsam können wir die Bedrohung durch Putins aggressive Politik abwehren. Und nur, wenn wir endlich seine Denkweise verstehen, und die Logik seines Systems.

Hier im Westen werde ich auch dieser Tage immer wieder gefragt: Warum sollte der Kreml Menschen umbringen lassen, das kann doch nicht sein. Oder ich höre: Der Giftanschlag schadet Putin doch. Umso mehr vor den Wahlen.

Solche Aussagen zeugen von einem völligen Unverständnis des Systems Putin. Wir übertragen unsere eigenen, friedlichen Absichten auf ihn, den gelernten KGB-Offizier.

► Die Wahrheit ist: Morde passen zu diesem System. Es basiert auf der Sowjetunion und dem KGB – und für die waren Morde immer schon Mittel zur Politik.

Wer die Menschen in Russland liebt, muss dem Regime entgegen treten

Mit den Morden wird Angst gesät. Sie sind ein Warnschuss an Regimegegner und potentielle Überläufer.

Und die russischen Medien zelebrieren die Taten regelrecht als Beleg für das Wiedererstarken Russlands unter Putin. Das Leitmotiv: Er ist so stark, dass er tun kann, was er will. Und es dem Westen so richtig zeigt. Gerade vor den Wahlen helfen Putin solche Muskelspiele.

Wer sich das nicht vorstellen kann im Westen, sollte sich das Schicksal des Mörders meines Mannes ansehen: Alexej Lugowoj ist heute ein geachteter Abgeordneter der Duma, gern zitiert in den russischen Medien.

Ausgerechnet kurz nach dem Mord an Oppositionsführer Boris Nemzow bekam Lugowoj, an dessen Händen das Blut meines Mannes klebt, noch persönlich aus der Hand von Putin einen der höchsten Orden Russlands.

► Kann man wirklich noch die Unschuldsvermutung für Putin gelten lassen, wenn man solche Fakten kennt?

Ich denke, das wäre unverantwortlich.

Ich appelliere an die Politiker im Westen: Ziehen Sie eine rote Linie. Lassen Sie diese Morde nicht durchgehen. Sonst sind sie mitverantwortlich für die nächsten.

Erste Schritte wären etwa Einreiseverbote und Kontensperrungen für hochrangige Vertreter des Systems Putin.

Wer die Menschen in Russland liebt, muss diesem Regime entschieden entgegentreten.

Wer dieses Regime verteidigt wie einige westliche Politiker und Journalisten, gerade auch in Deutschland, macht sich mitverantwortlich für seine Verbrechen.

Der Text wurde von Boris Reitschuster aufgezeichnet und übersetzt.