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04/09/2018 10:26 CEST | Aktualisiert 04/09/2018 13:38 CEST

"Mannsein nervt kolossal"

Mannsein ist unübersichtlicher denn je.

Eichborn Verlag / Anatol Kotte

Mannsein nervt kolossal. Wir Kerle haben keinen guten Lauf gerade. Die falschen Männer sind zu laut, die guten kaum zu hören. Sieht so aus, als ob Männer vor allem “nur” oder “noch” sind, unzureichend, Mängelwesen, Auslaufexemplare.

Ich erfahre dauernd, wie ich nicht sein darf; wie Trump, wie Kollegah, wie unsere Väter, wie der Chef, wie früher. Dabei gibt es viele Männer, verdammt viele, die mehr als okay sind, bewusst, aufmerksam, empathisch, nicht autoritär. Leider verschwinden diese Brüder im Pesthauch einer globalen toxischen Männlichkeit.

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Offenbar grassiert weltweit ein Herrenmännerfimmel, den ich massiv unterschätzt habe. Aber es gibt eben auch die vielen, vielen anderen, denen ihre Geschlechtsgenossen unendlich peinlich sind. Je verbissener ich forschte, desto rätselhafter erschien er mir, der Mann.

Bilanz heute: Mannsein ist unübersichtlicher denn je.

Was ist los mit uns?

Ich bin verwirrt, von mir, von uns. Warum nehmen sich, und zwar überall auf der Welt, dreimal mehr Männer als Frauen das Leben, über alle Altersklassen und sozialen Schichten hinweg? Was ist los mit uns?

An welchem Beispiel erkläre ich mir und meinen Söhnen, wie ein positives Männerbild aussieht? Stattdessen verspüre ich permanenten Erklärzwang, wie ein liberaler Muslim: Ich soll mich für irgendwelchen Mist rechtfertigen, den andere verbocken, die zufällig zu meinem “Klub” gehören, auch wenn ich sie weder kenne noch verstehe, noch mag.

Bitte keine weitere Abhandlung über die Krise des Mannes. Nase voll von Komödiantinnen, die Späße über notgeile Vollhirnis machen. Ich mag auch nicht schon wieder beteuern müssen, wie sehr ich Übergriffe von Männern verabscheue, dass ich natürlich für Equal Pay bin, aber auch dafür, dass meine Söhne in ihrem jungen Mannsein nicht nur diskreditiert werden.

Ich fühle mich in einer Endlosdebatte gefangen, geführt in einem schmalen Korridor. Auf dessen rechter Wand steht: “Du musst ...” und auf der linken: “Du darfst nicht ...”

Toxische Männlichkeit richtet sich gegen alle, die anders ticken

Wie lange soll das so weitergehen? Diese Frage quält mich vor allem als Vater. Denn die Verunsicherung frisst sich durch bis in die Familie. Wie soll ich meinen Söhnen in Zeiten von Youporn, Schulmassakern, Patriarchatsbürde, vergifteten alten und unklaren neuen Rollenbildern ein halbwegs gutes Vorbild sein? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich es allein nicht schaffe.

Ich brauche Hilfe, von guten Männern und guten Frauen. Denn eines ist klar: Toxische Männlichkeit richtet sich nicht nur gegen Frauen, sondern gegen alle, die anders ticken. Und es gibt durchaus toxische Frauen, die diese Kerle noch anfeuern.

Der Graben verläuft nicht zwischen Männern und Frauen, sondern zwischen Gut und Böse. 

Ich wünsche mir ein Gender-Camp-David

Es stimmt ja: Die alten Konzepte von Männlichkeit sind erledigt, die neuen noch sehr unscharf. Viele Männer sind verunsichert in dieser Zwischenzeit, verängstigt, verwirrt. Ich auch. Wer unsicher ist, beißt leicht mal um sich.

Das mag nicht souverän sein, zumal Beißen und Zurückbeißen und Weiterbeißen nicht weiterführt. Ich sehne mich nach einem offenen, ehrlichen Gespräch, bei dem alle Beteiligten ihre Bedürfnisse formulieren, Grenzen ziehen und Respekt bewahren. 

Vielleicht bin ich heillos romantisch, aber: Ich wünsche mir ein Gender-Camp-David. Ich würde gern Frieden schließen, mit mir selbst, mit uns Männern, mit euch Frauen und all den anderen, schon unseren Kindern zuliebe. Dieses Buch ist weder Jammer-Prosa noch Macho-Gedröhne, sondern eine Freundschaftsanfrage, ein Annäherungsversuch, ein Friedensangebot.

Sollen wir’s noch mal versuchen, ernst und aufrichtig, wir, die wir diese Beklommenheit spüren, weil die Aggression, die wir verurteilen, weltweit marschiert, das Toben und Ballern und Erniedrigen?

Geht doch so nicht weiter.

Versöhnen statt spalten, das ist mein Ziel. Verstehen statt scharfrichtern. Dazu gehört auch das Akzeptieren von einigen tausend Jahren herrischer Männlichkeit und ihren Verwüstungen.

Stattdessen relativieren Männer reflexhaft die Leidensgeschichten von Frauen: Warum hat sie sich denn nicht gewehrt? Warum hat sie so lange geschwiegen? Warum ist sie überhaupt mit aufs Hotelzimmer gegangen?

Ein erster Schritt, um einen grundsätzlichen Schwenk im Denken hinzubekommen, wäre, die Abwehrhaltung aufzugeben, die historischen Machtverhältnisse zu erkennen und einfach nur zuzuhören. Das Tückische an Privilegien ist, dass alle sie sehen, nur die Privilegierten nicht.

Ist es Männern möglich, wütende Rückzugsgefechte, auch wenn sie im Einzelfall nicht falsch sein mögen, einfach zu unterlassen, um ihrerseits Ängste, Reflexe, Gelerntes zu betrachten?

Nein, keine 180-Grad-Wende, eher ein Erweitern der bisherigen Denk-, Fühl- und Kommunikationsmuster, um echte Gespräche möglich zu machen. Interessenkonflikte lassen sich gemeinsam lösen; Glaubenskriege schließen Kompromisse dagegen aus.

Resolute Offenheit

Männer öffnen sich nicht gern, ich möchte es dennoch versuchen. Ich inspiziere mich zunächst mal selbst, schonungslos. Das kann hässlich werden, denn ich werde in den finsteren Keller steigen, dorthin, wo meine Dämonen hausen: Versagenspanik, Scham, der Heldenfimmel, das Testosteron, all die in gut fünf Jahrzehnten Mannsein eingeschlossenen, womöglich giftigen Emotionen.

Von Freude, Liebe, Leidenschaft wird auch die Rede sein, aber erst später. Zunächst werde ich mir diese lichtscheuen Untiere anschauen, um ihnen dann in einer liebevollen Umarmung die Luft abzudrücken, so lange, bis sie verträglich sind. Das Unausgesprochene nährt die Dämonen, als Gegenmittel hilft resolute Offenheit. Dann sehen wir weiter. 

“Männerspagat” von Hajo Schuhmacher ist im Eichborn-Verlag erschienen und unter anderem über Amazon erhältlich.