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11/06/2018 11:44 CEST | Aktualisiert 11/06/2018 11:44 CEST

An die Männer, die mir ständig Bilder von ihren Penissen schicken

Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele solche Fotos ich schon bekommen habe.

Hero Images via Getty Images
Die Reaktion auf Penisfotos ist nicht so, wie ihr glaubt. (Symbolbild)

Neulich war ich mit einer Freundin unterwegs. Sie und ein Bekannter waren für den Tag eigentlich verabredet – um sich intimer kennenzulernen. Doch seine Pläne hatten sich geändert.

Er wollte mit seinen Freunden das schöne Wetter genießen – auf den Sex aber trotzdem nicht verzichten. Aus dem geplanten Nachmittag zu zweit sollte seiner Meinung nach ein kurzes romantisches Intermezzo werden.

Natürlich formulierte er sein Vorhaben diplomatisch: “Komm doch vorbei. Für einen Quicky habe ich Zeit”. Die Begeisterung meiner Freundin hielt sich erwartungsgemäß in Grenzen.

Während wir noch darüber diskutierten, was wir mit dem freien Nachmittag anfangen wollten, vibrierte ihr Handy erneut.

Als sie die Nachricht öffnete, wurden ihre Augen groß und sie schluckte hörbar. Der Ausdruck, der halb schockierte, halb angeekelte Blick, der über ihr Gesicht huschte, hat sich auch schon diverse Male in meinem Gesicht gespiegelt. “Penisfoto?”, fragte ich sie. “Jap”, fiel ihre Antwort mit einem knappen Nicken aus. Mit den Augen rollten wir dann wieder unisono.

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Ästhetisch ist was anderes 

► Wieso, liebe Männer, schickt ihr uns Frauen Dickpics?

Seid ihr wirklich davon überzeugt, Frauen mit einem ungebetenen Penisfoto von euch einnehmen zu können?

“Oh wow, ein voll erigierter Penis vor der Kulisse deines unaufgeräumten Wohnzimmers. Da bin ich doch direkt dabei, und wenn ich später schon mal da bin, räum ich auch noch dein schmutziges Geschirr auf”, hat bisher bestimmt noch keine Frau gedacht.

Ich erinnere mich noch gut an das erste Foto eines fremden Penis’, das ich ungefragt geschickt bekommen habe. Es war in einer lauen Sommernacht, ein paar Wochen nachdem ich mich bei einer Dating-App angemeldet hatte, die auf den ersten Blick nicht auf schnellen Sex ausgerichtet ist. 

Denn zunächst müssen die potenziellen Partner zahlreiche Fragen beantworten, bevor die App sie dann nach vermeintlicher Kompatibilität zusammenführt. Ich dachte: Wer diesen aufwendigen Prozess auf sich nimmt, der hat zumindest ein Fünkchen ehrliches Interesse

► Falsch gedacht.

An dem lauen Sommerabend saß ich mit einem Glas Wein auf dem Bett, als mein Handy vibrierte. Ein Mann, den ich ein paar Stunden zuvor über die App kennengelernt hatte, hatte mir ein Foto geschickt. 

Während meine Freundin über irgendetwas tratschte, öffnete ich das Foto und kippte laut lachend zur Seite. Mit Blitz hatte der Absender seinen erigierten Penis in voller Pracht fotografiert, im Hintergrund konnte man deutlich dreckige Wäsche und herumliegendes Zeug erkennen. 

Leider gilt für Dickpics das selbe wie für Foodfotos. Wenn’s schön werden soll, nutzt das Tageslicht. Aber selbst, wenn ihr euer bestes Stück in schönerem Licht und Ambiente fotografiert: Ungefragt ein Penisfoto zu schicken, hat in den seltensten Fällen den gewünschten Effekt.

► Auch bei meiner Freundin und ihrem Bekannten kam es so: “Da wäre seine Hand ästhetischer gewesen”, war der trockene Kommentar meiner Freundin zu dem geschickten Bild. 

Er hatte damit also genau das Gegenteil von dem erreicht, was er ursprünglich wollte. Statt einem Treffen, gab es Enttäuschung auf beiden Seiten. Denn eine Frau mit einem ungefragten Dickpic zu beglücken, ist in in den wenigsten Fällen eine Freude, sondern eine Form von sexueller Belästigung.

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Dickpics sind beim Online-Dating längst Gewohnheit geworden

Ein Blick auf mein eigenes Handy und in meinen Freundeskreis zeigt, unter Datingapp-Nutzern ist es längst zur Gewohnheit geworden, solche Fotos zu verschicken. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Männer mir einfach so, ohne mich je davor gesehen zu haben, ein Foto ihres Penis’ geschickt haben – so oft habe ich die Situation schon erlebt.

Ich kenne wenige Single-Frauen, die nicht schon das ein oder andere Bild bekommen haben. Dafür muss man nicht mal eine Dating-App nutzen, ein öffentlicher Instagram-Account kann schon reichen. Frauen denen es gefällt, ungefragt Penisfotos zu bekommen, kenne ich hingegen nur vom Hörensagen.

► Dabei sind diese sehr eindeutigen Bilder übergriffig, manchmal ziemlich unästhetisch und erhöhen die Hemmschwelle, sich zu treffen, statt uns Lust auf euch machen. 

Nicht umsonst bringen sich 55 Prozent der Frauen am liebsten mithilfe ihrer Fantasie auf Touren, also könnt ihr uns bitte auch etwas für die Vorstellungskraft übrig lassen.

Wenn ihr wisst, dass euer Gegenüber darauf steht und sich über so ein deutliches Foto freuen würde, oder explizit darum gebeten wird, bitte gern: Fotografiert euch, bis das Stehvermögen nachlässt. 

Aber wie im echten Leben sollte auch online die Regel gelten, erst nachzufragen. Ihr würdet doch auch nicht, direkt, nachdem ihr eine Frau in einer Bar angesprochen habt, blankziehen und sie dabei fragen, ob sie mit nach Hause kommen möchte.

Mittlerweile gehe ich mit ungewollten Penisfotos rigoros um. Ich sage dem Mann, dass ich das Bild übergriffig finde, und lösche es und den dazugehörigen Kontakt von meinem Telefon.

Damit kommt ihr bei mir wahrscheinlich noch glimpflich weg. Bei anderen Frauen kann es schon vorkommen, dass frau, gemütlich bei einer Flasche Wein, die Nachteile des besten Stücks mit ihren Freundinnen bespricht. Im Normalfall wird das ziemlich witzig für sie und sehr unangenehm für euch.

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Niemand wartet auf den Traumprinzen

Müsste ich eine Liste schreiben, wie man Frauen beim Onlinedating am schnellsten los wird, ständen ungewollte Penisfotos auf Platz 1. Doch selbst wenn die Frau mit den Bildern nicht so rigoros umgeht, weiter mit dem Mann schreibt und ihn trifft, gründet das auf übergriffiges und respektloses Verhalten.

Niemand erwartet heute noch, dass der Traumprinz auf dem weißen Schimmel um die Ecke kommt, ihr müsst auch nicht das Essen bezahlen oder die Tür aufhalten, aber ein bisschen mehr Respekt als ein ungefragtes Dickpic nach  “Hey. Wie geht’s?” haben wir alle verdient.

(ks)