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11/10/2018 15:20 CEST | Aktualisiert 11/10/2018 15:20 CEST

Ich dachte, ich hätte nie eine Frau belästigt - bis zu diesem Moment

Da ich selbst ungemeinen Respekt vor Frauen habe, war ich mir immer sicher, dass ich mir nichts vorzuwerfen habe.

Tzido via Getty Images
Es war absolut niederschmetternd zu hören, dass ich einem anderen Menschen solchen Schaden zugefügt habe.

Mit Verachtung habe ich die Nachrichten über sexuelle Belästigung, Missbrauch und Gewalt gegen Frauen verfolgt. Egal ob in Hollywood, im täglichen Leben oder in der Politik, diese Taten machen mich krank.

Da ich selbst ungemeinen Respekt vor Frauen habe und sie immer sehr geschätzt habe, war ich mir immer sicher, dass ich mir nichts dergleichen vorzuwerfen habe.

► Wie ich jedoch vor Kurzem herausfinden musste, lag ich mit dieser Annahme falsch.

Sexuelle Belästigung gab es auch in meiner Klasse

Vor kurzem hat eine ehemalige Klassenkameradin von mir, Robyn Swirling, einen Blog für die HuffPost geschrieben. Darin beschreibt sie, wie Spekulationen und Gerüchte um ihre angebliche sexuelle Freizügigkeit ihr das Leben zur Hölle gemacht haben.

Weil sie als leicht zu haben galt, war Robyn sozusagen zum Abschuss freigegeben. Während ihrer gesamten Schulzeit wurde sie sexuell belästigt und missbraucht. 

Die meisten Männer, die Robyn missbraucht haben, waren mit ihr aufgewachsen.

Viele gingen auf dieselbe Schule in Bethesda, Maryland ― dort stammt auch der neue Mann am Obersten Gerichtshof der USA, Brett Kavanaugh her. Kavanaugh wird sexueller Missbrauch von mehreren Frauen vorgeworfen.

Es muss mehr als 15 Jahre her gewesen sein, dass Robyn und ich zuletzt Kontakt hatten. Aber als ich ihren Blog las, beschloss ich, mich bei ihr zu melden - ihre Erzählung dessen, was ihr widerfahren ist, hat mich zutiefst berührt.

Also dankte ich ihr für ihren Mut, dass sie all diese schrecklichen Erinnerungen wieder hochkommen hat lassen und sie mit der Welt geteilt hat. Und ich machte einen Witz darüber, dass wir ja in der Mittelstufe auch mal “miteinander gegangen” waren - für etwa eine Woche.  

Zum Schluss wollte ich wissen, ob ich denn auch etwas getan habe, dass sie verletzt hat. Mit ihrer Antwort hatte ich nicht gerechnet: Ja, das hatte ich.

Wir müssen Frauen zuhören

Ich war vollkommen fassungslos. Und auch ein wenig verwirrt. Robyn und ich hatten nie ein besonders enges Verhältnis und ich konnte mich an keine einzige Situation erinnern, in der ich ihr zu Nahe getreten sein könnte.

Ich halte mich für einen überaus rücksichtsvollen Menschen. Ich bin ein liebender Ehemann und Vater, ein guter Geschäftsmann und setze mich für soziale Gerechtigkeit ein.

► Wie kann es sein, dass ich mich in sexueller Hinsicht falsch verhalten habe? Dass ich jemanden belästigt habe?

Mehr zum Thema: Nach #MeToo: Junge Männer setzen sich immer stärker gegen sexuelle Belästigung ein

Doch je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr sah ich ein, dass jemand, dem sexuelle Gewalt widerfahren ist, sich dessen vermutlich besser bewusst ist, als derjenige, von dem sie ausgegangen ist.

Ich entschuldigte mich bei Robyn, aber so ganz war ich noch nicht bereit, mein eigenes Fehlverhalten zu akzeptieren.

Weil mich die Sache nicht los ließ, bat ich Robyn um ein Telefonat.   

Jemand, dem sexuelle Gewalt widerfahren ist, kann sich vermutlich besser daran erinnern, als derjenige, von dem sie ausgegangen ist.

Während unseres Gesprächs am nächsten Tag erzählte mir Robyn von einer Situation als wir in der Mittelstufe waren, die sie sehr verstört und verletzt hat.

Ich habe wirklich ein gutes Gedächtnis, aber ich kann mich beim besten Willen nicht an dieses Vorkommnis erinnern.

Allerdings deuten einige Details der Geschichte daraufhin, dass Robyn sie sich nicht einfach ausgedacht hat. Warum sollte sie auch? Ich glaube ihr, dass es sich zugetragen hat.

Männer sind sich der Tragweite ihrer Handlungen nicht bewusst

Wir haben auch darüber gesprochen, dass viele Männer sich nicht darüber im Klaren sind, welche Tragweite ihre Handlungen haben können. Was für den Einen nur ein harmloser Scherz ist, kann der Psyche des Anderen einen richtigen Knacks zufügen.

Und wir sprachen darüber, welchen Einfluss unser Medienkonsum auf unsere Wahrnehmung hat. Filme und Lieder, die uns Männern suggerieren, dass wir Frauen “erobern” müssen, oder sammeln wie Trophäen. Diese Botschaften formen nicht zuletzt unsere sexuelle Identität.

Was für den Einen nur ein harmloser Scherz ist, kann der Psyche des Anderen einen richtigen Knacks zufügen.

Es war absolut niederschmetternd zu hören, dass ich einem anderen Menschen solchen Schaden zugefügt habe. Ich kann mich nicht genug dafür entschuldigen.

Ich frage mich, ob es vielleicht noch andere Frauen gibt, die ich enttäuscht habe, ohne es zu ahnen.

Also habe ich weitere Jugendfreundinnen angeschrieben und wollte wissen, ob ich ihnen vielleicht zu nahe getreten war. Hatte ich sie je versucht dazu zu bringen, etwas zu tun, was sie nicht wollten?

Ich stellte in meinen Emails klar, dass wenn es so war, es mir Leid tut und dass ich gerne bereit bin, mir ihre Sicht der Dinge anzuhören und daraus lernen möchte.

Eine einfache Geste kann so viel bewegen

Ich war sehr erleichtert, wie die Antworten ausfielen: Meine Bekannten versicherten mir, dass ich sie mit Respekt behandelt hätte und dass sie die Nachfrage sehr zu schätzen wüssten.

Meine Schulfreundin Sasha bat mich, unseren Nachrichtenverlauf bei Facebook posten zu dürfen. Ich konnte es nicht glauben, aber Sashas Post wurde mit positiven Reaktion überschüttet.

Viele Frauen fanden es ein wichtiges Zeichen und waren dankbar für unseren Austausch. Einige sagten, sie wünschten, dass Männer, denen sie in ihrem Leben begegnet waren, sich ein Beispiel daran nehmen würden.

Es ist schon erstaunlich, was eine einfache Geste ausmachen kann. Ich habe den Eindruck, dass ermutigende Botschaften wie diese den Graben zwischen den Geschlechtern schmälern können.

Ich wünsche mir, dass mehr Männer sich die Mühe machen über ihr Leben zu reflektieren und sich zu fragen, ob es Situationen gab, in denen sie Frauen unfair behandelt haben. Dass sie den Mut fassen, sich bei diesen Frauen zu melden und zu fragen, wie sie es empfunden haben - und sich gegebenenfalls aufrichtig zu entschuldigen.

Ich denke, dass unsere Gesellschaft davon profitieren würde. Denn dann fangen wir vielleicht endlich an, Frauen den Respekt zu zollen, den sie verdienen.

Unter dem Hashtag #MeToo erzählen Frauen seit einem Jahr von ihren Erfahrungen mit sexueller Belästigung und Gewalt. Das sollte bald nicht mehr nötig sein. 

Stattdessen sollten wir Männer anfangen, Verantwortung für unser Verhalten zu übernehmen und zu sagen: #EsTutMirLeid.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Anna Rinderspacher aus dem Englischen übersetzt.

(ben)