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26/02/2018 10:37 CET | Aktualisiert 26/02/2018 10:54 CET

Nach Selbstmordversuch: Der Tag, an dem mein Mann aus der Psychiatrie zurückkam

Als Gary das letzte Mal zu Hause war, wollte er sich umbringen.

mrusty via Getty Images
Wie sollte irgendwas an diesem Tag normal sein?

Als Gary in die Psychiatrie eingewiesen wurde, war ich sehr erstaunt darüber, wie schnell er sich damit abgefunden hatte, dass er jetzt in der “Geschlossenen” saß.

Für mich fühlte es sich so an, als würde er vom echten Leben abgeschottet werden. Doch für ihn war die Psychiatrie wie ein sicherer Hafen. Ein Ort, an dem er nicht über die Verrücktheit der Welt da draußen nachdenken musste. Wo er sich nicht mit den Menschen und dem Verkehr auseinandersetzen musste, die ganz London verstopften.

Er fühlte sich einfach nur sicher und wohl. Und das war genau das, was er brauchte.

Er war noch nicht so weit

Ich war jedoch überhaupt nicht darauf vorbereitet, wie schwierig es für ihn werden würde, diese Umgebung wieder verlassen zu müssen.

Es ging dabei sogar noch nicht einmal darum, dass er für immer nach Hause zurückkehren sollte. Denn so weit war er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Er sollte die Psychiatrie nur für kurze Zeit verlassen, um beispielsweise ins Kino zu gehen oder einen Kaffee zu trinken. Oder um zum ersten Mal für einen Besuch nach Hause zu fahren.

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Wir versuchten zum ersten Mal rauszugehen

Wir fanden ziemlich schnell heraus, dass wir nur mit ganz kleinen Schritten vorankommen konnten. Und an manchen Tagen gingen diese Schritte einfach nicht in die Richtung, die wir uns wünschten.

Ganz egal, wie sehr wir uns auch bemühten.

Am zehnten Tag von Garys Aufenthalt in der Psychiatrie versuchten wir zum ersten Mal “rauszugehen”. Unser Plan war, zum nächsten Supermarkt zu gehen, der nur ein paar hundert Meter die Straße hinunter entfernt lag. Dort wollten wir ein paar Vorräte für sein Zimmer kaufen.

Die Realität sah dann jedoch so aus, dass Gary drei Minuten lang auf der obersten Treppenstufe des Krankenhauses stehen blieb.

Er schaffte es nicht

Er war vollkommen panisch. Er starrte all die Menschen an, obwohl eigentlich nur ein paar wenige vorbeigingen. Und er betrachtete all die Autos, obwohl gerade nicht besonders viel Verkehr herrschte.

Und dabei überlegte er sich, ob er es wirklich schaffen würde, die Stufen bis zur Kreuzung hinunterzugehen.

Er schaffte es nicht.

Wir gingen zurück ins Krankenhaus und ich brachte ihn auf seine Station. Nachdem die Krankenpfleger den Grad seiner Angst gemessen hatten, gaben sie ihm die kleine Wunderpille Lorazepam, ein starkes Beruhigungsmitel.

Sie wollten ihn damit zurück in seinen ‘Normalzustand’ bringen.

Ich war schockiert über seine Reaktion

Gary nahm sich dieses ‘Versagen’ sehr zu Herzen. Und es dauerte eine ganze Weile, bevor er es noch einmal versuchen wollte.

Um ehrlich zu sein war auch ich ziemlich schockiert von dem Erlebnis. Nicht einmal so sehr, weil er es nicht geschafft hatte, nach draußen zu gehen. Das war auch in der Vergangenheit schon vorgekommen.

Ich war schockiert darüber, wie heftig seine Reaktion ausfiel. Denn er stand doch einfach nur vor dem Krankenhaus. Er stand ja nicht einmal auf dem Gehweg oder auf der anderen Straßenseite, sondern einfach nur auf der obersten Stufe vor der Tür zu seinem sicheren Hafen.

Einen kurzen Moment lang fragte ich mich voller Sorge, ob er es jemals wieder schaffen würde, den nächsten Schritt zu gehen.

Er beschloss einen Kinobesuch zu wagen

Doch ein paar Tage später war er dann soweit: Wir gingen nicht nur die Treppe hinunter, wir schafften es sogar bis zum Supermarkt. Dort kaufte Gary seinem Psychiater den Mars-Riegel, den er ihm am Tag zuvor versprochen hatte.

Es war zwar nur ein kleiner Erfolg, doch immerhin hatten wir Erfolg – obwohl Gary dafür noch einmal die kleinen Wunderpillen einnehmen musste.

Nach einer weiteren Woche beschloss Gary, dass er nun versuchen wollte, länger draußen zu bleiben. Er wollte einen Kinobesuch wagen. Denn immerhin lief Justice League schon seit über einer Woche, und er hatte den Film noch nicht gesehen. So lange hatte er wahrscheinlich noch nie darauf gewartet, sich einen DC-Film anzusehen!

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Er ging mit einem Erfolgsgefühl zurück

Für mich war dieser Ausflug ein Wendepunkt. Gary schaffte es tatsächlich, das Krankenhaus für fünf Stunden zu verlassen. Und darüber hinaus schaffte er es sogar auch noch, sich einen Kaffee zu bestellen. Und zwar ohne dabei auszuflippen, weil es ihm zu lang dauerte.

Und er schaffte es sogar, mit dem Zug bis nach Wembley zu fahren. Wir hatten uns für Wembley entschieden, weil es dort das ruhigste Kino in der Nähe gab. Gary schaffte es, sich an einen fremden Ort zu begeben – eigentlich nur in ein Einkaufszentrum, aber immerhin!

Und er blieb den ganzen Film über sitzen und fühlte sich einigermaßen wohl dabei. Um ehrlich zu sein zappelte er in der letzten halben Stunde ziemlich nervös mit seinem Bein herum. Doch er hielt gut durch und kehrte mit einem Erfolgsgefühl zurück ins Krankenhaus.

Es war überhaupt nichts so wie immer

In der Woche darauf kam Gary zum ersten Mal seit vier Wochen zurück nach Hause.

Ich muss noch immer lachen, wenn ich darüber nachdenke, welche wahnsinnig großen Erwartungen wir beide in dieses Wochenende gesteckt hatten. Wir dachten, es würde alles so wie immer sein, wenn er wieder nach Hause kam.

Wir wollten morgens lange im Bett bleiben, danach in einem Café in der Gegend nett brunchen gehen und abends gemeinsam kochen. Vielleicht würden wir auch einen Ausflug ins Kino wagen.

► Wir würden miteinander lachen, herumalbern und Quatsch machen und einfach ganz wir beide sein. Doch mit dieser Vorstellung lagen wir falsch.

Die Situation war echt schwierig. Es war überhaupt nichts so wie immer.

Ich versuchte, eine positive Stimmung zu verbreiten

Der Ort, an dem wir uns in den vergangenen Jahren ein gemeinsames Zuhause geschaffen hatten, erinnerte Gary an seinen absoluten Tiefpunkt – an den Tag, an dem er im Bett lag und seinen Selbstmord plante.

Und es war hart. Es war echt hart.

Ich versuchte, eine positive Stimmung zu verbreiten und mich dabei so zu verhalten wie immer. Ich wollte genau so laut, sarkastisch und quirlig sein, wie ich eben bin.

Und gleichzeitig wollte ich Rücksicht auf Garys Gefühle nehmen. Ich versuchte, ihm seinen eigenen Raum zu lassen und ihn nicht zu überrumpeln. Obwohl ich natürlich nicht aufhören konnte, ihn zu knuddeln und permanent nachzusehen, ob es ihm auch wirklich gut ging.

Ich wusste, im Krankenhaus ist er sicher

Gary gab sein Bestes. Doch als er Lorazepam und eine Schlaftablette nehmen musste, hatte er ein schlechtes Gewissen. Mir war jedoch klar, dass er sich nicht vollkommen sicher fühlte.

Und er hatte Angst, dass er ohne ein wenig Hilfe die ganze Nacht wach liegen und grübeln würde. Deshalb wusste ich, dass er genau das Richtige tat.

Am nächsten Morgen wachten wir beide sehr früh auf, da wir die ganze Nacht kaum geschlafen hatten. Gary sagte, er wolle so schnell wie möglich zurück ins Krankenhaus fahren. Ich war ein wenig enttäuscht darüber, dass er es mit seiner Abreise so eilig hatte.

► Doch andererseits war ich auch ein bisschen erleichtert. Denn sobald er wieder im Krankenhaus war, musste ich mir weniger Sorgen machen. Denn ich wusste, dass er dort wieder sicher war.

Es konnte gar kein normaler Abend werden

Wir sprachen ausführlich mit Garys Psychiater sowie mit seinen Krankenpflegern und Therapeuten über das Wochenende. Durch diese Gespräche wurde uns schnell klar, dass wir uns von diesem ersten Besuch viel zu viel erwartet hatten.

Es konnte gar kein normaler Abend werden. Denn wie zur Hölle sollten wir an diesem Tag einen ganz ‘normalen’ Abend miteinander verbringen? Nichts an der ganzen Situation war ‘normal’.

Denn als Gary das letzte Mal zu Hause war, wollte er Selbstmord begehen. Und natürlich wühlte sein Besuch die Erinnerungen an dieses Erlebnis wieder hoch!

Wir wollten alles auf uns zukommen lassen

Wir bekamen wieder einmal zu hören, dass wir viel zu streng mit uns selbst waren. Und nach weiteren Gesprächen über das Thema beschlossen wir gemeinsam, dass wir bei Garys nächstem Besuch zu Hause unsere Erwartungen herunterschrauben würden.

Wir wollten uns nicht mehr sonst was erwarten oder irgendwelche verrückten Pläne machen. Wir wollten alles auf uns zukommen lassen und abwarten, was passiert.

Und stellt euch vor: Es hat funktioniert!

Garys nächster Besuch zu Hause war bei Weitem besser!

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Dieser Besuch hat ihm das Vertrauen wiedergegeben

Er schaffte es, mit der U-Bahn zu fahren und zum Friseur zu gehen. Er ging mit mir zum Brunchen und ins Kino. Er kochte für mich, wir machten einen langen Spaziergang und wir gingen einkaufen.

Und für all dies brauchte er nicht einmal seine kleine Wunderpille. Was für ein Erfolg!

Natürlich hat Gary seit diesem zweiten Besuch zu Hause noch immer seine Höhen und Tiefen. Doch dieser Besuch hatte ihm das Vertrauen zurückgegeben, dass er sich tatsächlich auf dem richtigen Weg zur Besserung befand.

Wir werden unseren neuen Alltag entdecken müssen

Und viel wichtiger war für ihn wahrscheinlich noch die Erkenntnis, dass das Leben nicht einfach so ohne ihn weitergeht. Es wartet stattdessen nur auf den Zeitpunkt, an dem er bereit ist, wieder voll und ganz daran teilnehmen zu können.

Am 30. Dezember 2017 wurde Gary nach 50 Tagen Intensivbehandlung aus dem Krankenhaus entlassen.

Wir sind jetzt wieder zur Realität zurückgekehrt. Und wir sind bereit, herauszufinden, wie unser neuer Alltag aussehen wird!

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

(ks)