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08/10/2018 17:42 CEST | Aktualisiert 20/10/2018 14:06 CEST

Geschlechtsangleichung mit 70: "Ich wollte nicht als Mann sterben"

“Ich wollte den Rest meines Lebens eine Frau sein – mit allem, was dazugehört.”

DAMON DAHLEN / HUFFPOST
Wendy Cole hatte ihre Geschlechtsangleichung im August 2017 – im Alter von 70 Jahren.

Wendy Cole kommt an der Kasse mit den Käufern leicht in Kontakt. Sie arbeitet in einem Supermarkt im US-Bundesstaat Pennsylvania. Sie hat sogar Stammkunden, die sich gezielt in ihre Schlange stellen.

Ein Schwatz mit Kunden mag keine große Sache sein, aber es ist etwas, das sie sich bis vor kurzem nicht vorstellen konnte. Denn Cole versteckte sich die meiste Zeit ihres Arbeitslebens als Programmiererin und Datenbankentwicklerin in einem Büro im Keller. Sie hatte selten Kontakt mit Menschen.

► Das änderte sich im August 2017, als Cole im Alter von 70 Jahren eine Geschlechtsangleichung hatte.

Cole wusste mit fünf Jahren, dass etwas anders ist

“Ich hatte mich entschieden: Es kam für mich nicht in Frage, als Mann zu sterben”, sagt Cole zu HuffPost. “Ich wollte den Rest meines Lebens eine Frau sein. Mit allem, was dazugehört.”

► 65 Jahre lang trug sie diesen Gedanken mit sich herum. Schon im Alter von fünf Jahren habe sie gewusst, dass es etwas anderes an ihr gab, sagt Cole.

Einmal habe sie zufällig gehört, wie ihre Großmutter sagte, wie hübsch sie sei. “Sie sagte, er sollte ein Mädchen sein”, erinnert sich Cole. “Und ich dachte mir: ′Oh Gott, woher weiß sie das?′ Denn genau das empfand ich auch.”

DAMON DAHLEN/ HUFFPOST
Wendy Cole verbrachte ihre Tage im Keller – dort zog sie sich manchmal Kleider an. Sich wieder in ihre "Männerkleidung" umzuziehen ließ sie verzweifeln.

Dass sie sich erst so spät für die Geschlechtsangleichung entschieden hat, führt Cole auf den gesellschaftlichen Wandel und das gestiegene Verständnis für Transgender zurück.

► Allerdings hatte sie ihre Gefühle zuvor jahrzehntelang unterdrückt und zu reparieren versucht, was sie damals für falsch hielt. Mit Therapien, unzähligen Medikamenten und einem ständigen inneren Kampf.

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Sie sprach im Schlaf davon, eine Frau zu sein

“In meinem Inneren war es sehr dunkel. So weiterzuleben, war keine Option”, sagt sie. “Ich wollte mich nicht wirklich umbringen, aber der Gedanke war mein ständiger Begleiter. Das oder etwas tun, was mein Leben erträglich macht. Die Sachen anpacken und schauen, wohin das führt.”

Es anzupacken bedeutete, mit der Hormontherapie zu beginnen und das Leben, das sie jahrzehntelang geführt hatte, dauerhaft hinter sich zu lassen – einschließlich der 40 Ehejahren mit einer Frau.

► In jenen Jahren rang sie unermesslich mit sich. Ihre Gefühle teilte sie nicht mit ihrer Frau, mit Ausnahme einer Nacht im Jahr 1978, als sie im Schlaf davon sprach, eine Frau zu sein und ihre Ehefrau das hörte.

Ihre ersten Pumps besitzt sie noch heute

“Ich dachte mir, ich werde ihr alles erzählen und wahrscheinlich werden wir uns am Morgen scheiden lassen”, sagt sie. “Sie meinte allerdings: Solange ich es unterdrücke und damit umgehen kann, blieben wir zusammen.”

Zu diesem Zeitpunkt habe sie “keine andere Möglichkeit gesehen”, sagt Wendy, und so blieben sie zusammen und waren weiterhin eine Familie.

DAMON DAHLEN/ HUFFPOST
Wendy Cole trägt immer noch ihre ersten Pumps, die sie sich jemals gekauft hat.

Im Laufe der Jahre gab es Momente der Entspannung. Wenn sie sich im Keller Frauenkleider anzog – nur um extrem deprimiert zu sein, wenn sie sie wieder wechseln musste.

Einmal, als ihre Frau verreist war, kaufte sie sich Pumps – ihre ersten. Die besitzt sie noch heute.

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Cole hat schon vielen anderen Mädchen geholfen

Heute hofft Wendy, mit ihren Erfahrungen andere Menschen zu ermutigen, eine Geschlechtsangleichung in Betracht zu ziehen. Besonders geholfen habe ihr das gute Verhältnis zu ihrer Ärztin, die ihr “das Leben gerettet” habe.

► “Ich habe mit vielen Mädchen gesprochen und sie zu meiner Ärztin Rachel Bluebond-Langner gebracht, Privatdozentin für Plastische Chirurgie am Langone Gesundheitszentrum der New York University”, sagt sie.

“Das waren wunderbare Erfahrungen, denn den meisten von ihnen ging es wie mir damals: Sie fühlten sich allein und kannten niemanden, der sein Geschlecht gewechselt hatte. Ich bin überzeugt: Wenn du so fühlst und so bist, dann musst du es tun, unabhängig vom Alter.”

Es gibt inzwischen etwas mehr Hilfe und Akzeptanz

Bluebond-Langner verwendet fortschrittliche Operationstechniken, dazu gehört der Einsatz von Robotertechnik mit Hilfe des Urologen Lee Zhao. Sie erklärt, warum sich inzwischen mehr Menschen im höheren Alter für eine Geschlechtsangleichung entscheiden.

“Der Zugang zur Pflege hat sich verbessert. Die Versicherungsgesellschaften übernehmen nun das Verfahren, das sich Menschen früher nicht hätten leisten können”, sagt sie zu HuffPost.

Als Mann im Keller fühlte ich mich wie tot und dachte daran zu sterben. Heute könnte ich nicht glücklicher sein. Es ist überwältigend. Ich fühle mich wiedergeboren, verjüngt, als sei ich noch nicht fertig mit dem Leben.

► Außerdem hätten kulturelle Faktoren dazu beigetragen, dass sich immer mehr Transgender einer Operation unterziehen.

“Menschen mit Geschlechtsangleichung erfahren mehr Hilfe und Akzeptanz”, sagt Bluebond-Langner. “Das Bewusstsein für sie steigt, dadurch verstehen Menschen besser, was sie fühlen, und es kommt zur Sprache, wie sie sich fühlen.”

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Cole fühlt sich endlich wie sie selbst

Cole kann das aus persönlicher Erfahrung bestätigen. Als sie 2014 an der jährlichen Trans Health Conference in Philadelphia teilnahm – damals lebte sie “Wendy” noch nicht Vollzeit – war sie erstaunt, wie viele Teilnehmer authentisch und offen auslebten, was sie fühlten. “Ich habe mein ganzes Leben mit dem Gefühl verbracht, ein Freak zu sein, ganz allein”, sagt sie. “Und dann gibt es all diese Leute?”

► Was mehr zählt als alles andere: Wenn Wendy Cole morgens aufwacht, ist sie glücklich, am Leben zu sein. Sie fühlt sich zum ersten Mal wie sie selbst.

“Ich sehe mein Spiegelbild im Schaufenster und denke: ‘Gott, ich habe es geschafft’”, sagt sie. “Als Mann im Keller fühlte ich mich wie tot und dachte daran, zu sterben. Heute könnte ich nicht glücklicher sein. Es ist überwältigend. Ich fühle mich wiedergeboren, verjüngt, als sei ich noch nicht fertig mit dem Leben.”

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost US und wurde von Sandra Tjong aus dem Englischen übersetzt.

(fk)