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30/06/2018 15:08 CEST | Aktualisiert 30/06/2018 22:32 CEST

Ich habe als Mann Brustkrebs: So schwer war es, die Krankheit zu akzeptieren

Viele denken, Brustkrebs sei "Frauensache".

Khevin besiegte den Brustkrebs. 

Es ist der 11. Mai 2012 gewesen. An diesem Tag sollte sich mein Leben für immer verändern. Ich bekam eine Nachricht von meinem Doktor. Einige Tage zuvor hatte sie eine Gewebeprobe aus meiner linken Brust geholt. 

“Hi Khevin. Ich habe schlechte Neuigkeiten”, schrieb sie. Ihre Nachricht war kurz und knapp. Jetzt, vier Jahre später, kann ich sie immer noch auswendig. Ein paar Worte, eine Entschuldigung – und es stand fest: Ich war ein Mann mit Brustkrebs. 

Brustkrebs unter Männern ist selten

Die meisten Männer sind überrascht, wenn sie hören, dass Männer tatsächlich Krebs in ihrer Brust entwickeln können. Es ist auch selten, betrifft weniger als 200.000 Männer in den USA, weshalb es die Pharmaindustrie weitgehend ignoriert. Sie können daran kein Geld verdienen. 

Ich ärgere mich nicht darüber – weil ich verstehe, dass die Welt eben so funktioniert. Ich habe eben diese Veranlagung.

Aber ich bin aktiv in der Gruppe der Männer, die meine Krankheit teilen, und ich kämpfe dafür, dass Mediziner und Gesundheitsindustrie uns sehen. 

► Es ist kein Geheimnis, dass klinische Studien über die Ursache und Behandlung von Brustkrebs bei Männern stark unterfinanziert sind. Schließlich werden dieses Jahr in den USA wohl ganze 266.120 neue Fälle von Brustkrebs bei Frauen diagnostiziert, so die Hochrechnungen. 41.000 Frauen werden in diesem Jahr wohl daran sterben. 

► Demgegenüber entwickelt gerade einmal einer von 1000 Männern Brustkrebs. Statistisch gesehen bedeutet das: Als Mann ist es wahrscheinlicher, zu ertrinken, als an Brustkrebs zu erkranken.

In den USA gibt es jährlich 2550 Krankheitsfälle – 480 Männer sterben daran.

Dinge passieren – das einzige, was wir in der Hand haben, ist unsere Reaktion darauf 

Der Krebs holte mich ein, als ich ein in einem Mediatations-Center in Honolulu, Hawaii, lebte. Meine Frau und ich meditierten seit vielen Jahren. Dann zogen wir 2013 für ein Jahr nach Hawaii und übten dort weiter. Es war ein Traum, der für uns wahr wurde. 

Ich kündigte meine Job als Bühnen-Magier in Kalifornien, lagerte all unsere Sachen ein und wir gingen nach Honolulu, um zwölf Monate in einem buddhistischen Tempel zu leben.

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Das Leben dort war einfach. Wir aßen vegetarisch, studierten die buddhistische Lehren, meditierten jeden Tag. Ich arbeitete im Garten und spazierte am Strand. Aber ich denke, ich bin das beste Beispiel dafür, dass ein gesunder Lebensstil im Paradies keine Garantie für ein gesundes Leben ist. 

Wenn mir die buddhistische Lehre etwas gezeigt hat, dann ist es das: Dinge passieren und das einzige, was wir in der Hand haben, ist unsere Reaktion darauf.

Brustkrebs ist schwierig für Männer

Natürlich hat mich der Krebs alarmiert, besorgt und überrascht. Ich musste mich auf den Gedanken vorbereiten, dass meine Zeit auf dieser Erde verkürzt werden könnte. Aber ich war mir auch vollständig bewusst, dass ich momentan noch am Leben war.  

Nach meiner Mastektomie, der Entfernung des Krebsgewebes, wurde mir Brustkrebs im Stadium eins, Grad drei, diagnostiziert.

► Das bedeutet: Die Krankheit ist zwar aggressiv, jedoch ist der Tumor eingegrenzt. Das ist gut.

► Die meisten Männer befinden sich gleich in einem fortgeschritteneren Stadium der Krankheit, weil sie sich zu spät Hilfe holen. Viele Männer halten Brustkrebs eben immer noch für eine Frauenkrankheit. 

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Ich denke auch, es ist eine männliche Gewohnheit, die Schmerzen aushalten zu wollen. Für Männer ist es wohl schwierig, sich einzugestehen, dass ein Körperteil nicht mehr funktioniert. 

Auch wirken Diagnose und Therapie auf viele Männer abschreckend – einige von ihnen schieben ein Symptom, wie einen Knoten in der Brust, auf irgendeinen anderen Grund. Wenn Brustkrebs bei Männern dann schließlich erkannt wird, ist er meist schon recht fortgeschritten.

Meine Frau sprach den Knoten an

In meinem Fall lief es so: Ich stattete meinem Hausarzt einen Besuch ab – wegen einer völlig anderen Sache. Am Ende des Besuchs fragte er mich, ob da noch irgendetwas sei, über was wir noch sprechen sollten. Ich verneinte. Aber meine Frau, die mich begleitet hatte, ergriff die Initiative. 

“Schatz”, sagte sie, “Möchtest du ihm nicht diese kleine Beule zeigen, die du gefunden hast?” 

Am nächsten Tag hatte ich einen Mammografie-Termin. Ich beschloss, es “Mannografie” zu nennen – damit fühlte ich mich ein wenig besser bei der Prozedur. Daraufhin bekam ich einen Ultraschall und eine Biopsie. 

► Die Mastektomie meiner linken Brust, fand nicht einmal 30 Tage nach meinem Arztbesuch statt. Das schnelle Vorgehen rettete wahrscheinlich mein Leben.

► Nach reiflichem Nachdenken und zwei Meinungen verschiedener Ärzte in Hawaii und Kalifornien, entschloss ich mich jedoch, keine Chemotherapie zu machen.

KHEVIN BARNES
Khevins Mammografie-Bilder aus dem Jahr 2014. 

Meine erste Frau hatte Krebs – ich pflegte sie

Meine erste Frau starb mit 47 an Eierstockkrebs – nach vielen Jahren des Leidens und zahlreichen Chemotherapie-Runden. Ich pflegte sie in dieser Zeit. Dasselbe wollte ich jedoch nicht durchmachen. 

Es sind nur spärliche Informationen über Brustkrebs bei Männern bekannt und nur wenige Ärzte untersuchen die Region überhaupt im Zuge einer Vorsorge. Wird es diagnostiziert, wird dieselbe Behandlung wie bei Frauen empfohlen. Für andere Vorgehensweisen gibt es nicht genug Daten, nicht genug Studien. 

► Eines ist jedoch bewiesen: Männer reagieren auf traditionelle Chemotherapien, wie Tamoxifen, anders als Frauen. 

Mir wurde gesagt, mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 Prozent habe ich weitere zehn Jahre zu leben, wenn ich mich nicht behandeln lasse. Und das war genug für mich. 

Krebs ist ein Albtraum

Die Entscheidungen, die wir treffen, sind niemals einfach. Eine Krebsdiagnose ist jedoch eine extreme Erfahrung. Sie durchkreuzt jeden Gedanken, jeden Zukunftsplan und lässt uns mit mehr Fragen als Antworten zurück.

Krebs ist ein Albtraum. Und ein bittersüßes Geschenk, das uns dazu bringt, unsere Kräfte zu sammeln, uns mit der Vergänglichkeit auseinander zu setzen und unsere Stärken zu entdecken. 

In den ersten Monaten nach meiner Diagnose überschattete meine unsichere Zukunft jeden meiner Gedanken. Heute, nach vier Jahren, ist diese Unsicherheit immer noch da. Und um ehrlich zu sein: Sie wird da sein, solange ich lebe. Aber die Angst ist weniger geworden. 

Ein großer Teil meiner anfänglichen Angst war die Erkenntnis, dass ich Teile meines Lebens aufgeben musste, die eine große Bedeutung für mich hatten. 

► “Perfekte Gesundheit” – das war ein großer Teil davon. 40 Jahre lang lief ich Marathon, ich war stolz auf meinen gesunden Körper. Der Krebs nahm mir das. Ich gab den Gedanken auf, irgendwann wieder eine Brust zuhaben, die “normal” aussah. Und ich gab den Glauben daran auf, lang genug zu leben, um ein “alter Mann” zu sein. Der Krebs löschte viele meiner Zukunftspläne aus. 

Aber heute bin ich krebsfrei. Oder zumindest symptomfrei.  

Für den Rest meines Lebens werde ich aufmerksam sein

Bald darf ich den fünften Jahrestag meiner Mastektomie feiern. Jährlich lasse ich eine Mammografie und einen Ultraschall machen, um meinen Gesundheitszustand im Auge zu behalten. Vor der Rückkehr des Krebs haben die meisten Überlebenden große Angst – so auch ich. Für den Rest meines Lebens werde ich also aufmerksam sein.

Jedoch war das einzige, über das ich mich in den letzten fünf Jahren beschweren konnte, meine Mastektomie-Narbe. Schließlich fehlt mir ein großer Teil meiner Brust – auch einige Nerven und Lymphknoten wurden herausgeschnitten. 

Meine verbleibende Brust untersuche ich regelmäßig auf jegliches Anzeichen von Krebs, aber ich teile meine Erfahrung und Hoffnung mit anderen Patienten. 

Dank meiner täglichen Meditation fühle ich jeden Moment viel tiefer. Und am wichtigsten: Ich akzeptiere dadurch, dass der Krebs einfach zu meinem Leben dazugehört. Mir wurde eine zweite Chance geschenkt. Ein neuer Anfang. Es ist wie eine Zugabe. 

Und ich hoffe, diese Chance mutig und ohne Zögern nutzen zu können.

MELISSA HOLLAND
Khevin meditiert leidenschaftlich – hier im Saguaro Nationalpark in Arizona.

Wir müssen uns damit anfreunden, zu altern

Mein bester Rat, den ich anderen Männern mit Brustkrebs, geben kann: Hört auf eure Partnerin oder euren Partner. Sie wollen nur das Beste für uns und können uns den entscheidenden Schubs zum Arzt geben, der unser Leben retten kann. 

Außerdem müssen wir unser Leben in die eigenen Hände nehmen – wortwörtlich. Wir müssen uns daran gewöhnen, regelmäßig Brust und Achseln abzutasten. Wir müssen immer ein Auge offenhalten, damit wir jede Veränderung sofort wahrnehmen. 

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Zuletzt müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, zu altern. Und wenn wir das tun, öffnen wir uns auch für die Veränderungen an unserem Körper – auch wenn nicht alle davon positiv sind. Sie gehören eben zu uns. 

Wir müssen außerdem aufhören, Brustkrebs als eine Krankheit wahrzunehmen, die nur Frauen treffen kann. Brustkrebs ist so wenig “Frauensache” wie Pilot- oder Senator-Sein eine “Männersache” ist.

Die Zeiten ändern sich. Die Medizin, die Wissenschaft und vor allem wir müssen es auch.

Der Text erschien ursprünglich bei der HuffPost US und wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt sowie dem Verständnis angepasst. 

(ks)