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15/03/2018 10:32 CET | Aktualisiert 15/03/2018 12:25 CET

Warum ich als frischgebackene Mama so schrecklich einsam war

Manchmal, ja manchmal, da denke ich sehnsüchtig an die Zeit vor meinen Kindern.

Daniel Grill via Getty Images
Nie im Leben hätte ich gedacht, dass Kinder dazu führen, dass man vereinsamt (Symbolbild).

Vor meiner ersten Schwangerschaft war ich ein Lebemensch. Mein Freundeskreis war groß, meine Sehnsucht nach Partys, Alkohol und Kontakten ebenso. Ich lebte. Und ich genoss. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass Kinder dazu führen würden, dass ich einsam werden würde.

Kinder, die doch eigentlich die Verbindung zwischen Menschen sind und durch ihre unbedarfte und unschuldige Art Grenzen einreißen.

Außerdem hatte ich die meisten meiner Freundschaften schon lange vor und direkt zu Anfang während des Studiums geschlossen. Wir kannten uns also sehr gut. Dachte ich zumindest.

Dann kam die große Maus 

Während der Schwangerschaft mit meiner Großen war alles in Ordnung. Ich lebte weiter mein Leben, verzichtete zwar auf Alkohol und zu laute Musik, feierte aber dennoch und hielt viel auf meine sozialen Kontakte.

Die Reaktionen aus meinem Umfeld zu einer so frühen Schwangerschaft – “Oh Gott, du bist doch erst 21!“ – hielten sich in Grenzen und zum Schluss zu waren die zweifelnden Stimmen verebbt.

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► Und dann war sie da. Unser absolutes Wunschkind.

Doch sie war kein Vorzeigebaby, wie man das oft als werdende Eltern vermittelt bekommt. Schlafen? Ruhig auf der Spieldecke liegen und vor sich hin glucksen? War nicht. Sie schrie und schrie und schrie.

Über drei Monate schliefen wir in Schichten, damit wir überhaupt irgendwie funktionieren konnten. An Feiern oder die Essenseinladungen, die ich zuvor gern ausgesprochen hatte, war die ersten Monate nicht zu denken. Die kleinste Abweichung der Norm ließ sie wieder in den Schreimodus verfallen.

Irgendwann, ich glaube es war zwei Monate nach ihrer Geburt, war ich einfach durch. Ich saß im Bett und weinte und flehte dieses arme kleine Ding an, dass es bitte endlich aufhören sollte zu weinen. Ich konnte einfach nicht mehr.

Nach etwa 14 Wochen war der Spuk vorbei und die Maus entwickelte sich zu einem Sonnenschein. Noch immer weinte sie viel, aber wir waren langsam eingespielt und ich lernte, sie durch ihre Phasen zu begleiten ohne selbst zu verzweifeln.

Nach und nach dezimierte sich mein Freundeskreis  

Nach und nach versuchte ich, die alten Freundschaften wieder in mein Leben mit einzubeziehen. Bei vielen gelang das auch. Bei Anderen wurde ich immer öfter vertröstet oder auch ignoriert.

Ich hörte Sätze wie:

"Ist ja nett, dass du uns einlädst, aber ehrlich, das Babygeschrei… Da kann man sich ja gar nicht in Ruhe unterhalten“

Oder: “Schade, dass du nicht mit zum Feiern gehst. Wir treffen uns jedenfalls in der Bar!“

Nach und nach dezimierte sich mein Freundeskreis und es blieb ein harter Kern übrig. Diese Menschen besuchten mich meinetwegen.

Sie ließen mir die Zeit, die ich brauchte und verstanden zumindest zum Teil, warum ich – inzwischen mit meinem zweiten Kind schwanger – nicht ständig auf die Piste, sondern lieber Spieleabende oder Abende mit guten Filmen und leckerem Essen genießen wollte.

"Wie machst du das? Mir reichen die wenigen Besuche und ich brauche danach schon fast Urlaub"

Doch von Kind zu Kind wurden es weniger. Auch langjährige Menschen, für die ich die Hand ins Feuer gelegt hätte, gingen.

Wir entwickelten uns weiter. In eine andere Richtung. Weit weg von den Freunden, die zum Großteil – nein eigentlich fast alle – bis heute keine Kinder haben und ihr Leben als Weltenbummler genießen.

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Weg von denen, die heute noch immer um die Häuser ziehen, auf die Partys am Wochenende hinarbeiten und für die es unverständlich ist, so viele Kinder zu bekommen.

Zurück blieb ich. Mit vier Kindern und mit kaum langjährigen, tiefgründigen Freundschaften.

Der Austausch und die Nähe fehlt mir

Nun ist noch eine Handvoll übrig. Nein, nicht einmal das. Wir sehen uns nicht oft. Und sie fehlen mir. Der Austausch und die Nähe fehlen mir.

Heute habe ich viele lose Bekanntschaften, hauptsächlich Eltern, mit denen ich mich ab und an verabrede. Im Internet habe ich viele nette Menschen kennen gelernt, denen ich – ganz neutral und ehrlich – mein Herz ausschütten kann, ohne dass ich sie und sie mich wirklich kennen.

Ich bin nicht der Typ, der freudestrahlend in Krabbelgruppen oder das Kinderturnen geht und sich mit anderen Müttern über den Stuhlgang des Babys der vorigen Woche unterhält.

Es macht mir auch nicht sonderlich Spaß, auf dem Boden sitzend zu Kinderliedern zu singen und Fingerspiele einzustudieren. Das bin nicht ich.

► Je mehr Kinder wir hatten, desto stärker wurde die Einsamkeit.

Denn ich bin nun mal nicht mehr so flexibel und kann spontan durch die Gegend kurven. Ich bin abends einfach oft müde, weil mein Tag gegen 5 Uhr beginnt, mit Kindern, Studium, Blog und Haushalt ausgefüllt ist und irgendwann zwischen 22 Uhr und Erschöpfung endet.

Kann man einsam und glücklich zugleich sein?

Mein Kontakt zur Außenwelt ist rar. Umso mehr genieße ich die wenigen Augenblicke, in denen ich mich von Angesicht zu Angesicht mit lieben Menschen, die der Babysprache entwachsen sind, zu unterhalten.

Manchmal breche ich auch aus. Ich breche aus dem Käfig aus, den ich mir selbst gebaut hatte. Dann treffe ich mich in einer Cocktailbar mit den wenigen übrig gebliebenen Menschen und lache und genieße.

Und bin dennoch alleine.

Denn mein Lebensplan gleicht leider keinem der meiner Freunde.

Wenn ich dann nach Hause fahre, bin ich wieder Julie, die Mama, die zu ihrem Mann unter die Decke schlüpft, nachdem sie ihren vier Mäusen noch ein Küsschen auf die Stirn gedrückt hat. Die Julie, die weiß, der einzige erwachsene Gesprächspartner am nächsten Tag wird der Herzmann sein, der mich abends in den Arm nimmt und mir sagt, dass wir das schaffen.

Manchmal, ja manchmal, da denke ich sehnsüchtig an die Zeit vor meinen Kindern. Ob das fair ist? Denn schließlich wollte ich diesen Weg gehen.

Es ist ein bittersüßes Gefühl, diese Einsamkeit, während der Frosch sich auf meinem Bauch die Haare kraulen lässt und der Zwerg seine Kuscheleinheiten einfordert.

Doch ich weiß, ich würde, könnte ich nochmal 20 Jahre alt sein, genau den gleichen Weg einschlagen. Weil er sich für mich richtig anfühlt.

Trotz der Einsamkeit und Freundschaftsverluste.

Julie Stoll lebt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern im Allgäu. Auf puddingklecks.de bloggt sie über das Leben in einer Großfamilie.

Dieser Blog erschien zuerst auf dem Blog der Autorin und wurde von Anna Rinderspacher für die Veröffentlichung auf HuffPost angepasst.