POLITIK
07/06/2018 06:58 CEST | Aktualisiert 07/06/2018 08:49 CEST

"Maischberger": Nach Aussage von Islam-Vertreter packt Klöckner die Wut

Es ging um Gleichberechtigung – und das Grundgesetz.

Im Video oben seht ihr den Streit zwischen Klöckner und Yildiz

Deutschland im Jahr 2015: Wenige Tausend, darunter bekannte Neonazis und Rechte, marschieren in Dresden gegen die “Islamisierung des Abendlandes”

Deutschland im Jahr 2018: Im ZDF wird in der Talkshow “Maischberger” über die Islamisierung des Abendlandes diskutiert. 

So weit ist die Bundesrepublik also gekommen – rechte Angst und rechter Hass haben es in die Mitte der Talk-Gesellschaft geschafft.

Wunderte man sich noch vor wenigen Wochen über AfD-Granden als Sendungsgäste, muss man nun über die Themenauswahl der Sender staunen: Außer über Islam, Flüchtlinge und Bamf scheint es kaum noch Gesprächsbedarf zu geben. 

► Am Mittwochabend ist so die Fragestellung bei “Maischberger”: “Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?”

Im Sendungsverlauf findet sich eine Antwort auf diese Suggestivfrage. Der Talk wird krawallig, erst kommt die Angst, dann die Fakten. Der Islam, so wird es dem Zuschauer vermittelt, ist vor allem kein Schweinefleisch, kein Schwimmunterricht für Mädchen, kein Handschlag von Männern für Frauen. 

► Die Islamkritikerin Necla Kelek erkennt dem Islam zwischendurch sogar den Status als Religion ab, nennt ihn eine bloße politische Bewegung.

► Und der Journalist Jan Fleischhauer fabuliert, dass das “Greenpeace plus Kreuz”-Christentum in Deutschland ja schon so selbstsäkularisiert sei, dass es sich eines tiefreligiösen Islams gar nicht erwehren könne. Immerhin: An die “Schauergeschichten, die eine schleichende Islamisierung der deutschen Gesellschaft beweisen wollen”, glaubt Fleischhauer nicht. 

Richtige Erkenntnisse über das islamische Leben in Deutschland liefert die Diskussion am Ende aber nicht. Sie urteilt, wo sie diskutieren und kritisieren sollte. 

Nur in einer Szene schafft es diese “Maischberger”-Sendung, wirkliche Relevanz zu erzeugen.

Julia Klöckner: “Ich kann es nicht mehr hören!”

Mitten in der Show kommt es zu einem Streitgespräch zwischen der Landwirtschaftsministerin und studierten Theologin Julia Klöckner (CDU) und dem Islam-Vertreter Haluk Yildiz. Yildiz ist Vorsitzender der Migrantenpartei BIG, der Nähe zum türkischen Präsidenten Erdogan vorgeworfen wird. 

Er sagt: “Männer und Frauen sind im Islam gleichgestellt.” 

Dazu, dass muslimische Männer Frauen den Handschlag verweigern würden, sagt er: “Im Islam gilt es als respektlos, wenn ein Mann einer Frau die Hand gibt.” Das habe auch mit der rituellen Waschung für das nächste Gebet zu tun. 

Klöckner packt sofort die Wut. “Ich kann es nicht mehr hören”, ruft sie. So könne Integration nie gelingen.

“Wir müssen erstmal verstehen, warum ein Mann meint, einer Frau nicht die Hand geben zu müssen. Im Jahr 2018 kann ich das nicht durchgehen lassen.” 

Zum Hintergrund: Klöckner hatte einst ein Treffen mit einem Imam abgesagt, weil dieser ihr nicht die Hand geben wollte. Sie argumentiert: Das Frauen- und Geschlechterbild im Islam sei einer liberalen Gesellschaft nicht würdig. 

Nun ist es Yildiz, der wütend wird. Er macht der vereidigten Ministerin einen ungeheuerlichen Vorwurf.

Mehr zum Thema: Der Himmel für Muslime: Männer bekommen Jungfrauen – und die Frauen?

Yildiz: “Sie setzen als Christdemokratin nicht den Maßstab”

Yildiz sagt Klöckner: “Sie stehen gar nicht auf dem Boden des Grundgesetzes.” 

In Deutschland gelte die Religionsfreiheit, da könne sich die CDU-Politikerin nicht die Deutungshoheit über die Religion anmaßen.

► “Sie setzen als Christdemokratin nicht den Maßstab”, sagt Yildiz. “Woran machen Sie Gleichberechtigung fest? Wenn Frauen sich verschleiern, dann ist das selbstbestimmt.” 

Klöckner hört ruhig zu, wird dann aber noch einmal deutlich. “Ich lasse mir von Ihnen nicht unterstellen, ich stünde nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Das finde ich schon eine sehr steile These.” 

Yildiz will sofort unterbrechen, aber Klöckner will sich nicht unterbrechen lassen. Es bricht ein kurzes Chaos aus, in der die Moderatorin Sandra Maischberger versucht zu schlichten, und in das sich auch noch der “Spiegel”-Journalist Fleischhauer einmischt. 

► Der setzt sich am Ende durch und macht einen deplatzierten Einwurf zur Grundgesetz-Diskussion.

“Bei der Position von Frau Klöckner ist mir eine Frage gekommen”, sagt Fleischhauer.

“Ihre Partei lässt eine Million Menschen aus fremden Kulturen und Ländern ins Land – und erst später sagen Sie, dass es damit große Probleme gibt. Das finde ich komisch.” 

Nun hat es auch die Flüchtlingsdebatte in die Sendung geschafft. Und auch diese liefert keine Erkenntnisse. 

Mehr zum Thema: “Maybrit Illner”: Alle prügeln auf Muslime ein – dann spricht Familienministerin Giffey Machtwort

Was bleibt von der Islam-Debatte bei “Maischberger”? 

“Maischberger” reiht sich damit ein in die vielen Talkshows, die in den vergangenen Wochen und Monaten über den Islam, über Zuwanderung und über Flüchtlinge diskutieren ließen – und versagten. 

Eine offene Debatte findet bei “Maischberger” nicht statt.

Zu vorgefärbt ist das Thema, das sich aus der zuvor gesendeten Verfilmung des umstrittenen Romans “Unterwerfung” ableitet, in der ein muslimischer Präsident in Frankreich die Scharia durchsetzt. 

Die gesamte Talkshow ist eine einzige Islam-Kritik, der mit Yildiz ein Feindbild statt eines wirklich die Muslime in Deutschland repräsentierenden Diskutanten entgegengestellt wird.

► Drängende Probleme wie die Frauenfeindlichkeit des Islam, wie die durchaus existierenden Parallelgesellschaften in Migrantenvierteln, wurden nicht konstruktiv diskutiert. 

► Ein Gespräch über die vielen gut integrierten Muslime in Deutschland kam gar nicht zustande.

► Und auf die Idee, auch einmal über den sich von rechts ausbreitenden Islam-Hass im Land zu reden, kam niemand. 

Soviel zur Toleranz. 

(sk)