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07/10/2018 10:28 CEST | Aktualisiert 07/10/2018 10:28 CEST

Er wurde mit 16 magersüchtig und entkam nur knapp dem Tod – heute hilft er anderen

"Ich war nicht fett, aber ich lag im Sterben."

ZACH SCHERMELE

Als Jugendlicher erkrankte Zach Schermele an Magersucht. Es hat lange gedauert, bis sich der US-Amerikaner eingestand, krank zu sein. Heute hat er erfolgreich Therapien gemeistert und ist als Botschafter für HEAL, die größte Organisation für Essstörungen in den USA.

Als ich in der fünften Klasse war, versteckte ich mich stundenlang unter einem Hotelbett, weil ich vermeiden wollte, dass mich meine eigene Familie im Badeanzug sieht.

Vor dem größten Cross-Country-Lauf meiner Mittelschulzeit kochte ich mir eine ganze Tüte voll Pfannkuchenteig und aß ihn, um “meine Nerven zu stärken”. Als ich im zweiten Jahr an der Highschool war, kämpfte ich schon mehrere Jahre im verborgenen gegen meine sporadischen Diäten an.

Mein ganzes Leben hatte ich mit dem Essen und meinem Körpergefühl zu kämpfen. Es wurde noch schlimmer, als ich mich im Herbst 2016, im Alter von 16 Jahren, dem hiesigen Schwimmteam anschloss. Ich hatte seit fast einem Monat Diät gehalten. Ich hatte versucht, über einen möglichst langen Zeitraum hinweg so wenig wie möglich zu essen.

Eine Zeit lang habe ich mich in den locker sitzenden Badehosen wohl gefühlt.
Aber nachdem meine Eltern die Mitgliedschaft nicht mehr bezahlen konnten, verließ ich das Team bald wieder. 

Kurze Zeit später erreichte meine Essstörung ihren Höhepunkt.

Ich war stolz – seit drei Tagen hatte ich kaum etwas gegessen

Mein Vater wechselte seinen Job und mein Bruder – der mutigste und beeindruckendste Mensch, den ich kenne – hatte sein Coming-Out. Und das in unserer katholischen Familie.

Die Stimmung bei mir Zuhause war so angespannt wie noch nie. Das letzte, worüber ich mir Sorgen machen konnte, war das Essen.

Lebhaft kann ich mich noch an den Tag erinnern, als ich mich in
meiner Highschool in Great Falls, Montana, die Treppe hinaufschleppte und dabei nur ein Gefühl empfand: Stolz. Seit drei Tagen hatte ich es geschafft, kaum etwas zu essen.

Das Resultat war, dass ich mich dünn fühlte. Mein Kopf war klar. Und es war gerade anstrengend genug, mich von meinen familiären Problemen abzulenken.

Spulen wir 24 Stunden vor. Ich liege ohnmächtig auf dem Boden im Wohnzimmer, während meine Eltern erschrocken zusehen.

Der Tag, an dem meine Familie sehen musste, wie ich beinahe an Unterzucker starb, war der Tag, an dem ich begriff, dass sich meine Essgewohnheiten ändern mussten. Als 16-Jähriger war ich allerdings immer noch nicht bereit für die Einsicht, dass ich magersüchtig war.

Ich hasste meine Eltern dafür, dass sie mir Hilfe gesucht hatten

Aber meine Mutter, eine staatliche geprüfte Krankenschwester, schaffte es irgendwie, mich zum nächstgelegenen Therapeuten für Essstörungen zu schleifen.

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Schließlich beschlossen meine Eltern, mich für ein paar Wochen von der Schule zu nehmen. Ich sollte all meine Energie, von der ich zu diesem Zeitpunkt wenig hatte, in eine intensive ambulante Therapie stecken.

Ich hasste meine Eltern dafür, dass sie mir Hilfe gesucht hatten. ‘Mein Betreuer spricht in Rätseln; die Sitzungen sind zu lang und ich habe keine Magersucht’ waren nur einige der Entschuldigungen, die ich routinemäßig von mir gab.

Es brauchte erst einen längst überfälligen Aha-Moment, um zu begreifen, dass sie mir eigentlich das Leben retten wollten.

Ich würde lieber sterben, als mich fett zu fühlen

Ich war seit rund einem Monat in Behandlung, als ich erneut mit meinen Eltern über meinen Behandlungsplan stritt. Wir standen dabei nur wenige Meter von der Stelle entfernt, an der ich ohnmächtig geworden war. Und das vor ihren Augen.

Ohne etwas dagegen tun zu können, schoss mir ein grauenhafter Gedanke durch den Kopf: ‘Ich würde lieber sterben, als mich fett zu fühlen.’

In diesem Moment wurde mir klar, dass meine Eltern Recht hatten.

Obwohl ich schon seit einigen Monaten an Magersucht litt, der tödlichsten psychischen Krankheit in den USA, war es in dieser Nacht zum ersten Mal soweit, dass ich es selbst erkannte.

Endlich verstand ich, wie ich meine Essstörung entwickelt hatte.

Es war das erste Mal, dass ich begriff, welche alles verschlingende Macht eine
Essstörung hat. Ich war nicht fett, aber ich lag im Sterben.

Von diesem Moment an schwor ich mir, nicht mehr gegen meinen Heilungsprozess anzukämpfen. Endlich verstand ich, wie ich meine Essstörung entwickelt hatte.

Es war wenig überraschend, dass meine Bereitwilligkeit, die Probleme anderer auf meine eigenen Schultern zu laden, eine große Rolle dabei gespielt hatte, dass ich magersüchtig geworden war.

Ich bin seit fast einem Jahr wieder gesund. Wenn es eine Sache gibt, die ich durch meinen Überlebenskampf gelernt habe, dann ist es genau das, was Oprah auch sagt: “Wir haben die Pflicht, unser eigenes Leben an die Spitze unserer Prioritätenliste zu setzen.”

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Als ich erkannte, dass ich, wie jeder andere auch, eine Berufung im Leben habe und das es meine wahre Aufgabe ist, dies anzuerkennen, wurde ich selbstbewusster.

Dafür, dass ich meine Berufung gefunden habe und für einen großen Teil meines
Heilungsprozesses war eine Person verantwortlich: Donald Trump.

Die Präsidentschaftswahl von 2016 hatte gerade erst begonnen, als ich endlich akzeptierte, dass ich magersüchtig war. Ich brauchte etwas, um mich abzulenken, während ich meine drei Mahlzeiten täglich einnahm.

Ich hatte etwas gefunden, das ich kontrollieren konnte: meine Zukunft

Es ist unnötig zu betonen, dass mich dieses ganze Spektakel faszinierte. Beim Frühstück, Mittag- und Abendessen saß ich mit der Gabel in der Hand vor der Zeitung oder dem Fernseher und gab meinem Körper und meinem
Geist Futter. Ich hatte einen Platz in der ersten Reihe, während Geschichte geschrieben wurde.

Da wusste ich, dass ich Journalist werden wollte. Die geistige und spirituelle Freiheit, die ich fand, als ich diese Offenbarung hatte, war surreal. Und sie beschleunigte meinen Genesungsprozess um das Zehnfache.

Ich hatte etwas gefunden, das ich kontrollieren konnte: meine Zukunft.

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Trotz meiner Wutanfälle setzte ich die Therapie noch insgesamt ein Jahr fort. Ich hatte dabei verschiedene Betreuer. Das Maß an ungefilterter Ehrlichkeit in diesen Sitzungen war zeitweise unerträglich.

Aber über meine Gefühle zu sprechen brachte mir den Luxus, dass meine Therapie effektiv und effizient ablief. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, nicht mehr jeden Tag mit dem überwältigenden Schmerz, dem Hunger oder
meiner Krankheit kämpfen zu müssen, um das Gefühl zu haben, dass ich hart an mir arbeitete.

Viele junge Männer sterben, weil ihnen ihre Krankheit peinlich ist

Heute empfinde ich ein enormes Verantwortungsbewusstsein, weil ich erkannt habe, wie glücklich ich sein kann, die Magersucht überwunden zu haben.

Millionen von jungen Männern in diesem Land haben nicht dieses Glück. Von den Außenbezirken Montanas aus, trage ich meinen Teil dazu bei, das zu ändern.

Ich bin mittlerweile ein nationaler Botschafter für das gemeinnützige Projekt HEAL, das sich mit der am weitesten verbreiteten Essstörung des Landes beschäftigt. Unter 31 Frauen bin ich nicht nur der einzige männliche Botschafter. Ich bin auch der einzige Vertreter von Projekt HEAL in meinem Bundesstaat.

Es ist ein schwerer Job. Seit 2016 hat Montana die höchste Suizidrate des Landes. Gleichzeitig zeigen Studien, dass Leute mit Magersucht mit einer Wahrscheinlichkeit von 57 Prozent tendenziell eher Selbstmord begehen, als ihre Altersgenossen.

Während ich es genieße, auf eine erfolgreiche Therapie zurückblicken zu können, vor der so viele junge Männer eine Abneigung haben, so weiß ich doch, dass dieser Luxus nicht allen zuteil wird. In meinem Bundesstaat sterben jungen Männer, weil sie sich vor einer Behandlung sträuben oder es ihnen zu peinlich ist, sich Hilfe zu suchen.

Ich hätte einer dieser Jungs sein können. Ich bin heute noch am Leben, weil ich eingesehen habe, dass ich magersüchtig war. Und ich bin dankbar dafür. Die wichtigste Lektion, die ich als Überlebender einer Essstörung anderen mit auf den Weg geben kann, ist, dass sie gewöhnliche Dankbarkeit zeigen sollen.

Jeden Tag bleibe ich bewusst stehen, schaue mich um und schätze mich glücklich. Ich bin nicht nur dankbar dafür, zu meinem Essen eine geduldige und respektvolle Beziehung zu haben, die mir in der Therapie beigebracht wurde. Ich begreife auch, wie wertvoll das Leben überhaupt ist.

Ich möchte, dass sich auch andere Menschen Hilfe suchen und die Kurve kriegen

Ich bin in meinem Abschlussjahr in der High School. Das bedeutet, ich befinde mich in einem Umfeld, in dem Hausaufgaben, standardisierte Testergebnisse und Bewerbungen auf ein Stipendium für meine Mitmenschen wichtiger ist als ihr Wohlbefinden.

Zum Glück weiß ich es besser. Es gibt wesentlich wichtigere Dinge im Leben.

Der Essstörung das Stigma zu nehmen ist eines dieser Dinge. Dadurch stellen wir sicher, dass junge Männer überall begreifen, dass Magersucht häufiger vorkommt, als die Gesellschaft es zugeben will. Ich erzähle meine Geschichte wegen diesen Jungs.

Denn mein Erfolg in der Vergangenheit macht mich zum besten Propheten einer schillernden Zukunft.

Ich möchte Leute motivieren, einen Unterschied zu machen und sie inspirieren.
Ich möchte, dass sich auch andere Menschen Hilfe suchen und die Kurve kriegen – so wie ich es getan habe.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

(amr/ujo)