BLOG
07/03/2019 23:41 CET | Aktualisiert 07/03/2019 23:41 CET

Luisa Neubauer: "Wir können den Klimawandel bremsen, wenn wir diese 3 Dinge erfüllen"

Wenn wir wirklich wollen, könnten wir zu einem Land werden, dass ein weltweites Exempel für effektive Klimapolitik statuiert.

Jörg Farns

Anfang Dezember, auf der Klimakonferenz in Polen, habe ich die Geduld verloren. Von jetzt auf gleich. Denn nichts was ich dort erlebte, gab mir das Vertrauen, dass die vielen Anzüge in den vielen Plenarsitzungen dazu bereit waren, unseren Planeten ernsthaft zu schützen.

Während ich auf der Klimakonferenz die Fassung verlor, wurde Annegret Kramp-Karrenbauer in Kiel zur neuen Vorsitzenden der CDU gewählt. Prima, eine Frau, kommentierten einige.

Aber im Wahlkampf vor der Abstimmung spielte das Klima keine Rolle. Kein bisschen. Und das in der Partei, die mit großer Wahrscheinlichkeit die nächste Kanzlerin stellen wird. Und die kurz vorher als Teil der Regierung angekündigt hatte, die selbstgesteckten Klimaziele 2020 nicht zu erreichen – weil der politische Wille fehlte.

Nun saß ich in einem dieser überteuerten Cafés im Konferenzgebäude der UN-Klimakonferenz COP24 und hatte das Gefühl, man hätte mir die letzten Jahre Lügen erzählt.

Ich beschäftige mich schon länger mit der Klimakrise. Und trotz aller Unruhe über dieses große Problem hatte ich lange im Hinterkopf, dass sich ja schon jemand um das Klima kümmern würde.

Dafür gibt es ja die Klimakonferenzen, das Paris-Abkommen und die Regierung, die ja sicherlich handeln würde, bevor uns alles um die Ohren fliegt. Das ist ja schließlich deren Job. Ich glaube übrigens, dass ich nicht die Einzige bin, der es so ging.

Ich war nicht die einzige, die sich um ihre Zukunft betrogen fühlte

Auf der Klimakonferenz lernte ich Greta Thunberg kennen, zehn Tage bevor sie ihre berühmte Rede beim Abschlussplenum hielt. Als ich von der Klimakonferenz zurückfuhr, schrieb ich eine Mail an alle aktiven Menschen, die ich in Berlin kannte, und rief zum Klimastreik auf – auch öffentlich, in einem Gastbeitrag im “NEON Magazin”.

Und es stellte sich heraus: Ich war nicht die einzige, die sich um ihre Zukunft betrogen fühlte. Auch andere hatten die Idee, zum Streik aufzurufen. Beim ersten deutschlandweiten Klimastreik, am 14. Dezember, gingen Menschen in 14 Städten auf die Straße statt zur Schule oder in die Uni.  

Viele Menschen wundern sich, warum wir ausgerechnet jetzt streiken. Ich finde es offensichtlich. Doch vielen scheint nicht bewusst zu sein, wie brenzlig die Situation gerade ist. Wenn wir sagen: “Wir haben keine Zeit mehr”, dann ist das genauso gemeint – denn das ist was die Wissenschaft uns aufzeigt.

Die Sache mit der Klimakrise ist folgende: Wir können jetzt, sprich in den nächsten zwei bis fünf, maximal zehn Jahren noch einiges herumdrehen. Damit könnten die katastrophalen Auswirkungen der globalen Erwärmung womöglich noch verhindert werden – wie zum Beispiel, dass Jahr für Jahr hunderte Millionen Menschen ihre Heimat verlieren oder Ernährungsengpässe Konflikte ungeahnter Ausmaße auslösen.

Das geht aber nur noch in einem kurzen Zeitraum. Denn wenn wir nicht handeln, werden in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach sogenannte Kipppunkte erreicht werden. Das heißt die Klimakrise verselbstständigt sich, und selbst wenn wir danach alles geben, wird die weitere Erwärmung nicht mehr aufzuhalten sein.

Die Klimakrise ist auch eine sexistische Krise

Wir befinden uns vor einem historischen Gelegenheitsfenster, einem Window of Opportunity. Wir können jetzt handeln, großzügig investieren, notwendige Veränderungen akzeptieren und gemeinsam Transformationsprozesse angehen – und der Klimakrise eine zukunftsfähige Politik entgegenstellen.

Oder eben nicht.

Der Preis dafür ist die Zukunft von uns, unseren Kindern und den Milliarden Menschen im globalen Süden, die heute schon unter den Folgen beispielloser Klimaveränderungen leiden.

Und ja, die Klimakrise ist auch eine sexistische Krise. Die ersten, die für unsere Ignoranz bezahlen, sind Frauen – meist im globalen Süden, die beispielsweise länger laufen müssen, wenn die Wasserstellen versiegen und Mädchen, die etwa nicht mehr zur Schule gehen dürfen, sondern auf den ausgetrockneten Feldern helfen müssen.

Ich mache mir keine Sorgen, dass uns die notwendigen Mittel oder Technologien fehlen, um gegen die Klimakrise vorzugehen und in Solidarität mit ärmeren Ländern schnell zu handeln. Wir haben in diesem Land schon Mauern eingerissen, großen (wenn auch ungleich verteilten) Wohlstand erwirtschaftet und weltweit führende Spitzentechnologien entwickelt.

Wenn wir wirklich wollen, könnten wir in den nächsten Jahren zu einem Land werden, das ein weltweites Exempel für effektive Klimapolitik statuiert.

Ich mache mir Sorgen, dass wir uns ablenken lassen. Von den kleinen Fragen, für die wir im Kontext dieser großen Gefahr einfach keine Zeit mehr haben. Damit meine ich etwa die Debatte über die Schulpflicht. Oder eben über irgendeinen persönlichen CO2-Fußabdruck.

Ich bin mir bewusst, dass mein persönlicher CO2-Fußabdruck nicht vorbildlich ist. Wie die meisten Menschen, die diesen Text lesen werden, bin auch ich schon mehrfach geflogen und habe in der Kindheit Fleisch gegessen. Happened. Let‘s move on.

Mittlerweile habe ich einiges verändert, heute ernähre ich mich zum größten Teil pflanzlich und fliege sehr selten – und natürlich kompensiere ich die Flüge. Und vor allem: Ich tue mich mit Tausenden zusammen, um Klimaschutz auf großer Ebene zu bewirken. Denn schnelles politisches Handeln ist das, was diese Krise jetzt von uns fordert.

Wer mich für ein Tansania-Bild kritisiert, das irgendwer mal auf meinem Instagram-Account für schlagzeilenreif befunden hat, der hat nicht genau genug zugehört. Wir stellen uns freitags nicht vor die Rathäuser und Ministerien, um den Menschen unter allen Umständen für immer das Fliegen verbieten. Wir fordern eine Politik, die der Krisen-Realitiät gerecht wird – und uns eine Zukunft garantiert.

Wer heute in Deutschland aufwacht, hat, ohne einen einzigen Schritt getan zu haben, eine größere CO2-Bilanz, als unser endlicher Planeten verkraftet. Denn egal wie wenig wir persönlich konsumieren – oder eben verzichten –, der Grundumsatz ist schon zu hoch.

Es ist verhängnisvoll, den Klimaschutz auf Einzelne abzuwälzen

Das liegt daran, dass unsere Industrie zum großen Teil auf Kohlestrom zurückgreift, dass unsere Häuser schlecht isoliert sind, Monokulturen auf den Feldern und Massentierhaltung dominieren und Waren und Menschen in zu vielen, zu dreckigen Autos bewegt werden.

Das heißt, es braucht Rahmenbedingungen auf struktureller Ebene. Es ist verhängnisvoll, den Klimaschutz auf Einzelne abzuwälzen – wohlwissend, dass das unter keinen Umständen ausreichen kann.

Wer jetzt plastikarm lebt, auf Fleisch verzichtet oder das Auto stehen lässt, tut dem Klima natürlich einen Gefallen. Und sicher, ein kritisches Konsumverhalten ist wichtig, um Toleranz und Diskursräume für eine etwaige Besteuerung von emissionsintensiven Produkten zu ermöglichen.

Auch die Macht der Konsumentinnen und Konsumenten wird oft unterschätzt – hier können wichtige Hebel bedient werden. Aber das alles ist ein kleiner Teil im Verhältnis zu den strukturellen Emissionseinsparungen, die gebraucht werden.  

Und das wird im Klimadiskurs dieser Tage zu oft übersehen. Wir lassen uns durch eine Konsumdebatte von den strukturellen Problemen ablenken und machen der CO2-Lobby dabei ein Riesengeschenk: Statt mit dem Finger auf die Handvoll Unternehmen zu zeigen, die als einzige davon profitieren, dass wir viel zu langsam aus der Kohle aussteigen und die Verkehrswende verschlafen, verschieben wir den Klimaschutz ins Private.

Klimaschutz wird für uns alle, als Gesellschaft, Veränderungen mit sich bringen

Ernsthafter Klimaschutz wird für uns alle, als Gesellschaft, Veränderungen mit sich bringen. Deal with it. Denn die Alternative ist ein ökologischer Kollaps in der Mitte des Jahrhunderts. Und das ist zumindest für meine Generation keine Option.

Je schneller wir handeln, je mehr Menschen wir dabei an den Tisch holen und uns ernsthaft mit einer gerechten Transformation hinzu einer Low-Carbon-Economy beschäftigen, desto größer stehen die Chancen, dass wir als Gesellschaft von einer solchen Wende profitieren – und Einzelne nicht auf der Strecke gelassen werden.

Damit das klappt, müssen drei Voraussetzungen erfüllt werden.

1. Wir müssen aufhören, uns ablenken zu lassen. Macht im Privaten so viel ihr könnt, inspiriert euch gegenseitig, motiviert euch. Klimaschutz im Kleinen kann so bereichernd sein. Aber vergesst dabei das große Ganze nicht.

2. Das 21. Jahrhundert wird unvorstellbare Herausforderungen mit sich bringen. Dafür braucht es Empathie, Respekt und ein liebevolles Miteinander in einer Gesellschaft, die in der Lage ist, Menschen zusammenzubringen und die sich nicht über Nebensächlichkeiten entzweit. Noch niemals musste es ein Land mit einer Klimakrise in diesen Ausmaßen aufnehmen. Das heißt nur bedingt kann sich auf Erfahrungen der letzten Jahrzehnte gestützt werden. Genau das birgt auch das Potential, radikal outside-the-box zu denken und Klimagerechtigkeit auch innerhalb Deutschlands neu zu definieren.  

3. Wir müssen als Gesellschaft anfangen, eine echte Klimapolitik einzufordern. Denn genauso wenig, wie die Politik aus eigener Motivation heraus den Klimaschutz angehen wird, können wir jungen Menschen die Hausaufgaben einer ganzen Republik machen. Wir Jungen machen der Politik nicht halb so viel Angst, wie es die vereinten Wählerinnen und Wähler können. Egal aus welcher Generation, schließt euch den Protesten an, fragt bei euren Abgeordneten nach ihrem Beitrag zur Klimapolitik, nutzt eure Position als Angestellte, Medienmachende, Eltern, Wähler oder Entscheidungsträger aus – werdet laut und deutlich.

Keine Partei hat einen Plan, der solide genug ist, um das Paris-Abkommen einzuhalten. Doch jede Partei müsste so einen Plan haben – allen voran die Regierungsparteien. Es liegt an uns allen, das als Gesellschaft einzufordern. 

(ujo)