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27/02/2018 15:04 CET | Aktualisiert 27/02/2018 16:15 CET

Luftverschmutzung: 6 Dinge, die deutsche Städte von Paris lernen können

Die französische Hauptstadt soll grüner und fußgängerfreundlicher werden.

LUDOVIC MARIN via Getty Images
Paris ist nicht nur die Stadt der Liebe – sondern auch die der Radfahrer.
  • Viele Städte in Deutschland und im Rest Europas leiden unter schlechter Luft
  • Paris nimmt eine Vorreiter-Rolle im Kampf gegen die Luftverschmutzung ein

Es stinkt in Europas Städten.

Die EU-Kommission droht der Bundesrepublik und acht weiteren Mitgliedsstaaten mit Klagen, weil sie die Schadstoff-Grenzwerte seit Jahren überschreiten. So oder so drängt die Zeit: Hunderttausende Menschen sterben jährlich in Europa an den Folgen der Luftverschmutzung.

Am Dienstag hat das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig nun entschieden, dass Städte in Deutschland selbstständig Fahrverbote verhängen dürfen, um die Luftqualität zu verbessern.

Zehntausende Autos auszusperren, wäre eine radikale Maßnahme.

Wie Umweltschutz funktioniert, können sich Berlin, München, Stuttgart oder Düsseldorf dabei auch von Frankreichs Hauptstadt Paris abgucken. Seit Jahren kämpft die sozialdemokratische Bürgermeisterin Anne Hidalgo dort gegen die Luftverschmutzung. 

Die Maßnahmen in Paris reichen von gezielten, temporären Einschränkungen bis zu großen Visionen.

6 Dinge, die deutsche Städte von der französischen Metropole lernen können.

1. Kostenloser Nahverkehr – tageweise

Als die Bundesregierung die Einführung des kostenlosen Nahverkehrs erwog, wurden sofort die kritischen und pessimistischen Stimmen laut: zu teuer, zu ineffektiv, zu aufwendig.

In Paris können die Menschen kostenlos mit Bus, Tram oder Metro fahren – wenn die Grenzwerte für Feinstaub in der Stadt zu hoch sind. An manchen Tagen kündigt die Stadtverwaltung dann an, dass die Ticketpflicht aufgehoben ist. Die Schranken an der Metro stehen offen.

Daneben gibt es auch Aktionstage, die Pariser Metro kostenlos zu nutzen. Etwa zu den Jahreswechseln.

Immer wieder werden die Grenzwerte für Feinstaub in Paris überschritten, zuletzt warnte die Stadtverwaltung vergangene Woche, dass der Metropole dicker Smog droht

Seit dem 1. Januar 2005 gilt in der EU ein Grenzwert für Feinstaub der Größe PM10 (Partikelgröße bis 1 Mikrometer). Ein Tagesmittelwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter darf seither maximal 35 mal im Jahr überschritten werden.

Feinstaub kann zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Asthma und verschiedene Arten von Krebs verursachen oder verschlimmern. Außerdem können sowohl Feinstaub wie auch Stickoxid zu Schlaganfällen und Herzinfarkten führen.

2. Fahrverbote – in Maßen

Die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo hat ein klares Ziel: Sie will das Auto so weit wie möglich aus der Innenstadt verbannen. Hidalgo will die Zahl der privat genutzten Pkw halbieren – ein Datum nannte sie allerdings nicht.

Ein weitreichendes Fahrverbot gibt es in der Metropole an der Seine noch nicht.

► Allerdings gibt es an Tagen, an denen der Smog besonders schlimm ist, Fahrverbote für eine zufällig ausgewählte Zahl an Autos mit bestimmten Kennzeichen.  

► Hidalgo machte auch einen Teil der Uferstraße an der Seine auf einer Länge von über drei Kilometern zur Fußgängerzone – zum Unmut der Autofahrer.

MIGUEL MEDINA via Getty Images
Ein Schiff auf der Seine

Ein Gericht hat nun kürzlich entschieden, bei der Autosperre seien nicht die korrekten Verfahren eingehalten worden. Womöglich dürften am rechten Ufer der Seine also wieder Autos fahren.

Dennoch sind die Zahlen laut einer aktuellen Studie über den Verkehr in Paris beeindruckend: 

► Von 1990 bis 2015 sei der Anteil der Autos am Stadtverkehr um 45 Prozent gesunken.

► Der Anteil von Tram, Bus und Bahn stieg im gleichen Zeitraum um 30 Prozent.

► Der Anteil der Radfahrer verzehnfachte sich.

Mehr zum Thema: Paris macht vor, wie die Verkehrsrevolution gelingen kann

3. E-Autos für alle

Wie hat Paris das geschafft?

Der Wirtschaftswissenschaftler Frédéric Héran hat den Verkehr der Hauptstadt untersucht. In seiner Studie kommt er zu dem Ergebnis: Paris hatte Erfolg, den Verkehr zu reduzieren, weil den Menschen auch Alternativen zur Fortbewegung angeboten wurden. 

Bloomberg via Getty Images
Ein Auto beim "Auftanken".

► Ein Beispiel dafür ist der Car-Sharing-Service Autolib’

Der Dienst entstand noch aus einer Initiative des Bürgermeisters Bertrand Delanoë 2008. Mittlerweile verfügt Autolib’ über 3000 E-Autos und knapp 1000 Auflade-Stationen. 

2015 gab es laut Autolib’ 75.000 aktive Abonnenten. Ein Abonnement kostet 120 Euro im Jahr, 25 Euro pro Monat oder 10 pro Woche. Ein Auto kann auch für einen Tag geliehen werden.

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4. Das weltweit größte Leihrad-System

Ein weiteres Beispiel für das Angebot an Alternativen zum Auto ist Vélib Métropole, ein Leihsystem für Fahrräder. Seit 2007 gibt es Velib.

Das System mit über 18.000 Fahrräder an mehr als 1200 Verleihstationen in Paris und Umgebung gilt als das größte seiner Art weltweit.

AFP Contributor via Getty Images
Ein Mann auf einem Velib'.

Mittlerweile hat Vélib 300.000 Abonnenten. In der Minute werden 75 Fahrräder ausgeliehen. 

5. Verbot von Diesel- und Benzinmotoren

Die französische Regierung verfolgt ihre Umweltziele ehrgeizig. Umweltminister Nicolas Hulot hat angekündigt, den Verkauf von Verbrennungsmotoren bis 2040 zu stoppen – und sein Land bis 2050 CO2-neutral zu machen.  

Noch ambitionierter ist Hidalgo. Sie will bereits ab 2024 Dieselfahrzeuge in Frankreichs Hauptstadt verbieten, 2030 soll das für Benziner gelten.

Zudem will Hidalgo Straßen zugunsten von Fahrrad- und Busspuren auf eine einzige Fahrspur für Autos verengen, berichtet das ZDF.

6. Grün, grün, grün

Auch sonst wird es grün in Paris. Und zwar wortwörtlich.

► Nicht nur plant die Stadtverwaltung mehrere Projekte für Parks, etwa im Norden der Stadt. Laut dem US-Magazin “City Lab” soll der Park fünf Mal so groß werden wie der Central Park in New York

► Die Stadt erlaubt ihren Bürgern, an den Wänden ihrer Häuser Pflanzen wachsen zu lassen. Auch kleine Gärten in den Straßen sind erlaubt und erwünscht. 

Die Stadt stellt den urbanen Gärtnern sogar Erde und Samen. Und so gehen Touristen und Einwohner mittlerweile in manchen Pariser Vierteln zwischen Blumenbeeten spazieren.

Mehr zum Thema: Ein Dieselverbot reicht nicht – warum die deutschen Städte eine Verkehrsrevolution brauchen

Fazit:

Noch immer kämpft Paris gegen Smog und verstopfte Straßen.

Doch die französische Hauptstadt macht vor: Mit Angeboten für die Menschen und größeren Eingriffen in den Straßenverkehr können Maßnahmen geschaffen werden, die jede Stadt lebenswerter machen.

(jg)