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24/06/2018 23:12 CEST | Aktualisiert 24/06/2018 23:12 CEST

London Calling: Was eine deutsche Journalistin auf der Brexit-Insel erlebt

„Muddling through“ heißt sich durchwursteln, irgendwie weitermachen, ohne feste Pläne zu schmieden – stattdessen ein bisschen hier und da ausbessern in der Hoffnung, dass alles nicht so schlimm ist. Anette Dittert mag diese spontane Lebenshaltung, weil sie charmant und entspannt ist. Auf diese Weise konnte sie selbst viele Jahre ein angenehmes Leben führen. In ihrem Buch „London Calling“ beschreibt sie, dass es wunderbar war, so lange es sich auf das kleine Alltagsleben beschränkte – problematisch wurde es, als es um größere Zusammenhänge ging. Zum Beispiel am 23. Juni 2016, als sich die knappe Mehrheit der Briten dafür entschied, Europa zu verlassen.

Annette Dittert arbeitet als Journalistin für die ARD, wo sie über mehrere Jahre das Morgenmagazin moderierte und seit 2001 als Korrespondentin u.a. in Moskau, New York und Warschau tätig war. Von 2008 bis 2015 berichtete sie für die ARD als Korrespondentin aus der britischen Hauptstadt. Ihr Video-Blog London Calling erschien in 100 Folgen bei tageschau.de. Die Wahl-Londonerin lebt und arbeitet auf einem Hausboot in Little Venice.

Alles begann mit Emily, einem alten Kanalboot, das bei Dreharbeiten ihren Weg kreuzte

Sie kaufte es, und es wurde ihr „Londoner Anker“. Fünf Jahre lebte sie auf diesem chronisch leckenden Boot. Es folgte die „grown up version“ Emilia.

Das Buch „London Calling“ ist nicht einfach eine anekdotenreiche Beschreibung ihres Aufenthalts in London – es ist vielmehr ein Lebensbuch, das uns in einer zunehmend entgrenzten und virtuellen Welt zuruft: Verankert Euch, sucht nach einem Ort der Anbindung, der Einbindung und einer Kommunikation, die durch etwas Greifbares verbunden ist.

Die kleinen und großen Dinge des Lebens spielen bei Annette Dittert deshalb eine besondere Rolle: Notizhefte („Ein neumodischer Laptop wäre mir an diesem Ort unpassend erschienen.“) oder die roten Telefonzellen, die für uns in Deutschland nur noch eine symbolische Bedeutung haben – als verlässlicher Schwerpunkt (Tradition), an dem man sich innerhalb der Welt orientieren kann. Annette Dittert zeigt, wie es wirklich ist: „Wer auf die Idee kommt, in eine beliebige der noch existierenden roten Telefonzellen hineinzugehen, kann eine der Spätfolgen unmittelbar besichtigen: Eine bunte Vielfalt an Sexangeboten starrt einem auf diversen Kärtchen entgegen – dem Internet zum Trotz. Der überwiegende Teil stammt von Dominas.“

Dinge sind die Bausteine dieses Buchhauses, das jeder Leser für sich selbst ausbauen kann, denn es geht Ditters auch um die Kernfrage, was identitäts- und sinnstiftend für uns ist. An dieser Stelle sei auf Frank Trentmann, britischer Professor für Geschichte am Birkbeck College der University of London, verwiesen, der in seiner umfassenden Warenbiografie „Empire of Things“ fragt, wie es dazu kam, dass wir uns mit immer mehr Dingen umgeben. Dies sei deshalb erwähnt, weil Anette Ditters mit ihrem Buch auch „aufräumt“ – innerlich und äußerlich.

Der durchschnittliche Europäer besitzt etwa 10.000 Gegenstände

Die ARD-Korrespondentin zog mit 93 (!) Dingen in ihr „neues“ Hausboot, das nur 19 Quadratmeter Wohnfläche hat, ein. Nach und nach gesellten sich jedoch einige neue hinzu, darunter vor allem Werkzeug, Bücher, ein kleiner, grüner Lloyd-Loom-Besuchersessel und ein paar rote Gartenhandschuhe.

Sie zeigt, dass es beim Minimalismus heute nicht darum geht, möglichst viele Dinge zu besitzen und zu zählen, sondern darum, für die wesentlichen Dinge Platz im Leben zu schaffen, die uns wirklich wichtig sind: „Das Leben ist einfacher, wenn man nur die Sachen um sich hat, die man wirklich braucht. Es färbt ab auf die Art und Weise, wie man die Welt sieht, und die Welt schaut mit anderen Augen zurück.“

Statt sinnlose Einkaufstripps zu unternehmen, begann Annette Dittert, den kleinen Garten vor ihrem Boot zu pflegen. Sie beschreibt, dass Gardening eine „ernsthafte Angelegenheit“ auf der Insel ist – und eine Antwort auf die Beschleunigungsneurosen der Stadtbewohner. Der schnelllebigen Welt wird eine eigene Ordnung entgegengesetzt, die sich der Tätigkeit des ständigen Kultivierens verdankt: „Wer einmal damit anfängt, der verwurzelt sich selbst.“

Die wichtigsten Trendthemen unserer Zeit werden hier auf kluge Weise miteinander verbunden – dabei wird nichts verklärt. Trotzdem ist es schön. Das zeigt sich besonders an der Beschreibung des Hausboots, das heute für viele Menschen ein Symbol für Lebenskunst ist. Hier ist Nähe von Ferne umspielt, wer Einzug hält, ist anwesend und gleichzeitig weit weg. Wer hier wohnt, hat einen stabilen Standpunkt in der Welt und in sich selbst. Annette Ditters verweist aber auch noch auf einen anderen Aspekt: „Auf einem Hausboot zu wohnen ist noch immer eine der günstigsten Varianten, wenn man in London finanziell überleben will.“

An diesem Beispiel zeigt sich zugleich, was dieses Buch so besonders macht - nämlich das, was über die beschriebenen Dinge hinausweist: „Boote vertragen das Verlassenwerden aber im Allgemeinen noch schlechter als Menschen. Sie sterben zwar nicht an gebrochenem Herzen, aber sie saufen ab.“

Es ist ein Buch über Lebenskunst und Nachhaltigkeit, ohne dass diese Begriffe penetrant genannt werden. Die Themen leben durch Geschichten und Gespräche, unter anderem mit der Biographin von Prinz Charles, Catherine Mayer. Charles steht vielen Organisationen im Vereinigten Königreich und weiteren im Ausland vor, die sich grob in vier Kernthemen gliedern lassen: „verantwortliches Unternehmertum“, „Bildung und junge Menschen“, „die bebaute Umwelt“ und „globale Nachhaltigkeit“. 2010 veröffentlichte er zusammen mit Ian Skelly und dem Umweltpolitiker Tony Juniper das Buch „Harmonie - Eine neue Sicht unserer Welt“, das mit dem Satz beginnt: „Dies ist ein Aufruf zur Revolution.“ Er zeigt darin, dass alles miteinander verbunden ist – durch den „goldenen Faden uralter Einsichten“, den auch Annette Ditters aufnimmt.

Die Anekdoten und Reflexionen ihres Buches verbinden sich zu etwas Großartigem, das zeigt, dass jeder von uns etwas von London in sich trägt. „Vorausgesetzt, man weiß, wer man ist.“ (Annette Ditters)

Das Buch:

Annette Dittert: London Calling. Als Deutsche auf der Brexit-Insel. Hoffmann und Campe Verlag. Hamburg 2018.

Hoffmann und Campe Verlag

Copyright: Hoffmann und Campe

Weiterführende Informationen:

Alexandra Hildebrandt und Claudia Silber: Dinge des Lebens im Zeitalter der Digitalisierung (am Beispiel der memo AG). In: CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag. Berlin Heidelberg 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Wohnen 21.0: Grundzüge des Seins von A bis Z: global – lokal –nachhaltig. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2018.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Gartenzeit: Wie wir Natur und Kultur wieder in Gleichklang bringen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.