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12/04/2018 20:16 CEST | Aktualisiert 18/04/2018 14:40 CEST

Ein nordfriesisches Dorf zeigt, wie der Breitband-Ausbau gelingen kann

World Wide Löwenstedt.

Leonhard Landes
Der Ortseingang von Löwenstedt.

Wer nach Löwenstedt in Nordfriesland fährt, sieht braune Äcker und graue Windräder, einige Schafe und manchmal Pferde auf den Koppeln.

Nicht zu sehen ist dagegen das besondere Zeichen für den Fortschritt in der Region. Denn es liegt knapp einen Meter unter der Erde begraben: Glasfaser-Kabel.

Sie versorgen hier jeden Haushalt der 650-Einwohner-Gemeinde mit High-Speed-Internet. Nur 36 Prozent der Haushalte auf dem Land haben in der Bundesrepublik einen Breitband-Anschluss, selbst im Umland von Städten wie München wird die 70-Prozentmarke wohl erst in einigen Jahren geknackt.

In Löwenstedt dagegen kann schon seit 2014 jeder mit schnellem Internet surfen. Und wenn das Haus oder der Hof auch noch so abgelegen liegt.

Die Geschichte von Löwenstedt zeigt: Schnelles Internet für jeden ist möglich, wenn die Menschen und die Gemeinde vor Ort selbst anpacken anstatt auf die Regierung in Berlin und die großen Konzerne zu warten. Und sie zeigt vor allem, wie wichtig der Anschluss ans Netz für ein kleines Dorf wie Löwenstedt ist. 

“Smart village” in Schleswig-Holstein

Löwenstedts Bürgermeister Holger Jensen hat in den vergangenen Wochen mit vielen Journalisten gesprochen. Sie wollten wissen, wie es die kleine Gemeinde im hohen Norden geschafft hat, zu einer Art “smart village” zu werden, zu einem Vorreiter beim Thema Digitalisierung.

Noch vor wenigen Jahren war daran nicht zu denken. Früher habe immer nur einer der Bewohner im Ortskern ins Internet gehen können, erzählt Jensen. Alle anderen seien rausgeschmissen worden, so schlecht sei die Verbindung damals gewesen.  

Für Jensen bedeutete das: Jeder Gang ins Internet musste vorab geplant werden. Der gebürtige Löwenstedter ist ehrenamtlicher Bürgermeister, hauptberuflich ist er Landwirt. Wenn er ein neues Kalb anmelden muss, hat er dafür zehn Tage Zeit.

Leonhard Landes
Bürgermeister Holger Jensen checkt seine Emails

“Das war früher schon mal ein Problem”, erinnert sich Jensen an den Zeitdruck. Mittlerweile aber könne er die Anmeldung noch im Stall von seinem Smartphone aus erledigen.

Vor dem Breitband-Ausbau seien die Einwohner verständlicherweise unzufrieden mit dem Internetanschluss gewesen. “Ihr müsst etwas tun”, habe er oft von den Einwohnern gehört, sagt Jensen. Nun aber herrsche Ruhe.

Den Löwenstedtern half eine privatwirtschaftliche Bürgerinitiative mit dem sperrigen Namen BürgerBreitbandNetz Gesellschaft (BBNG). Dahinter stecken Menschen und einige Gemeinden Nordfrieslands. Sie schlossen sich 2012 zusammen, um den Breitband-Ausbau in der Region voranzutreiben.

Jensen, damals stellvertretender Bürgermeister, und seinem Vorgänger Peter Thoröe war es wichtig, eine Lösung zu finden, bei der alle Löwenstedter vom High-Speed-Anschluss profitieren würden, nicht nur die Einwohner im Ortskern. “Das spaltet sonst auch ein Dorf”, warnt Bürgermeister Jensen

Damit die BBNG Glasfaser in Löwenstedt verlegte, mussten 68 Prozent der Haushalte bereit sein, eine Eigenbeteiligung von 1000 Euro zu leisten. Am Ende stimmten 90 Prozent der Haushalte in Löwenstedt zu.

Mehr zum Thema: Roland-Berger-Chef Schaible: “Digitalisierung wird unsere Gesellschaft mehr fordern als die Hartz-Reformen”

Schnell und langsam: die geteilte Republik

Deutschland – anders als Löwenstedt – ist immer noch geteilt, wenn es ums Internet geht. Die Bundesregierung gab sich vor vier Jahren das Ziel, 2018 alle Haushalte der Republik mit einem schnellen Anschluss zu versorgen. Breitband bedeutet: ein Anschluss mit einer Geschwindigkeit von über 50 Mbit/s.

Berlin aber scheiterte mit seinem Vorhaben. Der Bund gab vier Milliarden Euro aus und erreichte lediglich, dass 2017 insgesamt 76 Prozent der Haushalte einen Breitband-Anschluss hatten, auf dem Land waren es nur 36 Prozent.

Wer ist verantwortlich dafür?

Die “Analog-Fetischischten” in Berlin

Das Thema habe schlicht nie Priorität besessen, sagt Thomas Knüwer. Früher schrieb Knüwer unter anderem für das “Handelsblatt”, mittlerweile arbeitet er als Digitalberater. “Der entscheidende Faktor ist”, sagt er, “dass die Politik quer über alle Parteien hinweg aus Analog-Fetischisten besteht.”

Hinzu komme der Lobbyismus durch die großen Konzerne wie der Telekom, sagt Knüwer. “Die Telekom wollte den Ausbau der Glasfaser so weit wie möglich verhindern und auf das Vectoring-Verfahren setzen.”

Glasfaser im Boden zu verlegen, ist teuer. Daher setzt die Telekom weiter auf die langsameren Kupferleitungen, die bereits im Boden sind. Mit der sogenannten Vectoring-Technologie lassen sich dann, bildlich gesprochen, die letzten Tropfen aus der Kupferleitung quetschen.

Das Problem dabei: Das Verfahren funktioniert nur auf kurze Distanzen von wenigen hundert Metern. Vectoring kann eine Lösung für Städte und Ballungszentren sein, für ländliche Regionen mit abgelegenen Weilern ist die Technologie kein Ersatz für die schnelle Glasfaser.

Die Alten in Löwenstedt waren skeptisch

Vectoring kam daher auch in Löwenstedt nicht in Frage, sollten alle Menschen endlich ohne lästige Ladezeiten im Internet surfen können. Das Dorf besteht aus rund 250 Haushalten. Sie liegen über 20 Quadratkilometer verstreut. In Berlin würden auf dieser Fläche 80.000 Menschen wohnen, in Löwenstedt sind es rund 650.

Für die großen Anbieter ist der Ausbau in der Region nicht interessant, er rechnet sich schlicht nicht. Daher übernahm die BBNG den Ausbau und wählte Löwenstedt als Pilotprojekt, denn in dem Ort sollten auch Leitungen für Fernwärme verlegt werden. Die Straße wurde also ohnehin aufgerissen, warum nicht auch noch Glasfaser verlegen?

Abschreckend war die hohe Eigenbeteiligung von 1000 Euro natürlich. Gerade die älteren Menschen im Dorf seien skeptisch gewesen, erinnert sich Bürgermeister Jensen. Sie waren sich nicht sicher, ob sie Highspeed-Internet wirklich brauchten.

Leonhard Landes
Hier surrt die Windkraft.

Aber sein Vorgänger Thoröe, damals 72 Jahre alt, habe sie mit einem Argument überzeugen können: Breitband sei wie der Wasser- oder Telefonanschluss. “Wenn ihr das nicht habt, ist euer Haus später weniger wert.” 

Und noch etwas habe die Menschen schließlich dazu bewegt, für den Ausbau zu stimmen, glaubt Jensen: Die Menschen fühlten sich der Gemeinde verbunden und wollten auch als Gemeinschaft den Schritt zum Breitband-Ausbau schaffen.

Ein Dorf hält zusammen 

Ein kurzer Spaziergang in Löwenstedt zeigt, wie wichtig den Menschen hier das gemeinsame Dorfleben sein muss. Löwenstedt hat einen Kindergarten, einen Fußballklub, einen Kegelverein, eine Reithalle und eine freiwillige Feuerwehr. Im Ortsinneren hält sich noch immer ein kleiner Supermarkt mit Bäckerei.

Am Ende kostete der Breitband-Ausbau 850.000 Euro, einen Teil zahlten die Bürger durch die Eigenbeteiligung selbst, der Rest kam von örtlichen Unternehmen und vom Löwenstedter Bürgerwindpark.

Das Glasfaser-Netz in Löwenstedt gehört den Bürgern nun selbst, durch die Eigenbeteiligung wurden sie Miteigentümer. Einen Internetvertrag haben die Löwenstedter beim Anbieter TNG abgeschlossen. Hatte der Anschluss vorher eine Geschwindigkeit von etwa 0,4 Mbit/s, haben die Menschen nun im Dorf eine Leitung mit einer Bandbreite von 50 MBit/s oder sogar von 100 Mbit/s.

Das Internet verbindet die Menschen im Dorf nicht nur mit der weiten Welt da draußen. Es ist vor allem ein Faktor, dass die Einwohner in Löwenstedt weiter zusammenhalten – und sich dem nordfriesischen Boden hier auch verbunden fühlen.

Die Jungen kommen zurück

Das zeigt die Geschichte von Simon Hansen. Der 27-jährige Informatiker hat eine App entwickelt, mit der sich die Straßenlaternen in Löwenstedt ein- und ausschalten lassen.

Hansen ging für das Studium nach Flensburg, vor vier Jahren kam er wieder nach Löwenstedt. “Ohne Breitband wäre ich nicht zurückgekommen”, sagt er.

Denn nur durch den schnellen Internetanschluss kann er nun von zuhause aus in Löwenstedt arbeiten. Hansen gründete 2015 zusammen mit Studienkollegen die Software-Firma Sourceboat mit Sitz in Flensburg.

Die Idee für die App Knoop, plattdeutsch für Knopf, sei ihm nach einer Geburtstagsfeier in Löwenstedt auf dem finsteren Weg nach Hause gekommen. Wäre es nicht toll, die Laternen einzeln wieder in der Nacht einschalten zu können, um nicht im Dunklen herumzulaufen? 

Ohne Breitband wäre ich nicht zurückgekommen. Simon Hansen

Am nächsten Morgen habe er Bürgermeister Jensen eine SMS geschrieben und gefragt, ob er ihm von der Idee erzählen könne. Beim Treffen habe Jensen zwar gemeint: Ohje, Simon, was hast du denn vor? Doch er ließ den jungen Informatiker machen.

Simon Hansen
Kam zurück und machte Licht: Informatiker Simon Hansen.

Jetzt können die Löwenstedter mit Knoop in der Nacht Licht machen. Ältere Menschen fühlten sich dadurch sicherer, jüngere würden damit auch mal ein wenig Schabernack treiben, sagt Jensen.

Auch andere Gemeinden interessieren sich mittlerweile für die App, um ihren Bürgern diesen Service anbieten zu können.

Künftig ließe sich mit Knoop auch Strom sparen, glaubt Hansen. In Löwenstedt etwa könnten die Straßenlaternen eine Stunde eher ausgeschaltet werden, mehrere hundert Euro ließen sich dadurch im Jahr womöglich an Kosten einsparen.

“Das ist gigantisch”

Aber nicht jeder Löwenstedter muss gleich eine App entwickeln, um beim Breitband-Anschluss ins Schwärmen zu geraten. “Das ist gigantisch”, sagt etwa Karl-Heinz Petersen über die schnelle Verbindung.

Der Löwenstedter ist Sportwart des Kegelvereins und freut sich nun, dass der Datenaustausch über Spieltermine und Ergebnisse nicht mehr quälend lange dauert.  

Leonhard Landes
Die Straßenlaternen lassen sich in Löwenstedt mit einer App ausschalten.

Früher habe er Seiten im Browser oft nicht öffnen können, wenn zu viele Bilder darauf waren. Jetzt könne er auch zuhause Filme in der Mediathek schauen, erzählt er. Oder mit seinen Enkeln, die in den Nachbardörfern wohnten, über den Video-Dienst Skype reden. “Dreimal die Woche machen wir Konferenz.”

“Wir stehen ja erst am Anfang”, sagt Petersen und erzählt von den Möglichkeiten, sein Haus über das Internet überwachen zu können, sollte er im Urlaub sein.

Vieles ist möglich geworden in Löwenstedt.

Ein Vorbild für Deutschland?

Mittlerweile haben auch fünf Nachbargemeinden von Löwenstedt Glasfaser-Kabel, in sechs weiteren Orten geht der Ausbau voran, bis 2019 will die BBNG 22 Gemeinden mit Breitband ausgestattet haben.

In Löwenstedt planen sie nun aber schon das nächste Projekt: Drei WLan-Hotspots sollen die Bürger auch außerhalb ihres Hauses mit drahtlosem Internet versorgen. “Da sind wir wieder vorne dran”, sagt Jensen, in seiner Stimme schwingt Stolz mit.

Er glaube zwar nicht, dass Löwenstedt beim Breitband-Ausbau für ganz Deutschland ein Vorbild sei, betont der Bürgermeister. Das Konzept mit der BBNG und der Eigenbeteiligung sei nicht auf alle Regionen der Bundesrepublik übertragbar. Aber: “Im ländlichen Raum vielleicht schon.”

Die Telekom setzt auch beim Ausbau auf dem Land teilweise auf das Vectoring-Verfahren. Auch Überlandleitungen für Glasfaser werden teilweise gelegt. Das ist günstiger, als die Kabel in der Erde zu verlegen. Allerdings sind Überlandleitungen anfällig für Schäden – und bedürfen der Einwilligung vieler Eigentümer, auf deren Grundstück die Masten für die Leitung stehen soll. Ein langwieriger Prozess.

Digital-Experte Thomas Knüwer glaubt daher auch, dass das Modell einer Bürgerbeteiligung wie in Löwenstedt durchaus ein Vorbild für andere Gemeinden ist. “Das kann sehr gut funktionieren”, sagt er.

Knüwer hält die Idee einer Bürgerbeteiligung, “völlig egal, ob bei Bauprojekten oder dem Breitband-Ausbau”, für eine gute Möglichkeit, um wichtige Projekte umzusetzen. “Das wird in Deutschland zu wenig genutzt”, betont er.

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“Das braucht man, sonst stirbt das Dorf”

Die Ideen sind den Menschen in Löwenstedt noch lange nicht ausgegangen. Das Internet macht Bürgermeister Jensen Hoffnung, das merkt man im Gespräch.

Nachdem der schnelle Anschluss ans World Wide Web schon dafür gesorgt hat, dass junge Menschen nach dem Studium wieder ins Dorf zurückkehren, hofft Jensen, dass sich damit auch innovative Lösungen für die typische Probleme der Provinz finden lassen.

Natürlich würden die Menschen in Löwenstedt jetzt etwa mehr im Internet einkaufen als zuvor. “Amazon ist jetzt jeden zweiten Tag hier”, sagt er. Das könnte den Einkaufsladen im Dorf vielleicht überflüssig werden lassen. Dabei sei ein solcher Ort des Zusammentreffens für die Einwohner wichtig. “Das braucht man, sonst stirbt das Dorf”, sagt Jensen.

Vielleicht gebe es dafür ja auch eine digitale Lösung. “Da sind die jungen Leute gefragt.”

(jg)