BLOG
24/07/2018 08:47 CEST | Aktualisiert 02/08/2018 08:35 CEST

Lieber Mesut Özil, was ich dir als Muslimin sagen möchte...

Du hast ein wichtiges Zeichen gesetzt – für alle Migranten!

Oben im Video: Auch Außenminister Heiko Maas findet deutliche Worte für Mesut Özil.

Lieber Mesut,

zunächst einmal möchte ich dir für dein ausführliches und ehrliches Statement danken. Ich bin froh darüber, weil die “Debatte“ rund um dein Foto mit Erdogan inzwischen in ein ganz tiefes Niveau abgedriftet war.

Jetzt hast du Stellung bezogen und mit vielen deutschen Fans gekonnt abgerechnet.

Das Foto selbst werde ich nicht verteidigen. Ich habe es aber auch nie verurteilt. Nicht, weil ich Erdogans Politik nicht verachten würde. Nein: Ich habe nur nicht das Gefühl, dass mir ein Werturteil in dieser Hinsicht zusteht, da ich keine türkischen Vorfahren habe.

Außerdem halte ich die Empörung für unverhältnismäßig, denn es ist kein politisches Statement, sondern eben nur ein verdammtes Foto. Du magst ja ein guter Fußballspieler sein, aber eine intelligente Bewertung der politischen Lage der Türkei erwarte ich nicht von dir  – no offense intended!

Ich will also nur auf den Inhalt deines Statements eingehen und es aus der Sicht einer muslimischen Migrantin aus der Mitte der deutschen Gesellschaft beleuchten.

Ich hoffe, dass dieser offene Brief dir helfen kann, die wiederkehrenden Muster in dieser sogenannten Integrations-Debatte besser zu erkennen, damit du die häufigsten Vorwürfe, die dein Statement auslöst, besser einordnen kannst.

Denn du kannst dir sicher sein: Die meisten Vorwürfe gegen deine Erklärung sind weder berechtigt noch neu.

Es sind Vorwürfe, die in den Überlegenheitsansprüchen von europäischen Nationalisten zum Dauerrenner geworden sind: gescheiterte Integration und eine angeblich konstruierte Opferrolle.

1. (Gescheiterte) Integration

Der wohl am häufigsten zitierte Satz aus deinem Statement ist „Wenn wir gewinnen bin ich Deutscher, wenn wir verlieren bin ich Einwanderer“.

In Deutschland, wie in den meisten westlichen Ländern, gibt es die allgemeine Tendenz, Einwanderung stets problemzentriert zu betrachten. Das liegt daran, dass alle Länder und Kulturen, die nicht zu unserer Idee “des Westens” gehören, von vielen allgemein als minderwertig betrachtet werden.

Wir sprechen also stets über die Integration eines Menschen aus einem vermeintlich zivilisatorisch rückständigen und problembeladenen Land in ein westliches und damit angeblich fortschrittliches Land.

Dazu kommt: Wenn über Integration gesprochen wird, dann ist eigentlich nur gescheiterte Integration gemeint. Die meisten (glauben zu) wissen, wie groß der Anteil der Muslime in Deutschland ist, aber kaum einer weiß, wie hoch der Anteil derer ist, die Deutsch sprechen, einen Hochschulabschluss oder eigene Unternehmen haben.

Adam Berry via Getty Images
Eine Muslima trägt in Berlin eine Kippa, um gegen Antisemitismus zu demonstrieren. 

Migranten, die nach den allgemeinen Maßstäben gut integriert sind, werden selbst nicht thematisiert, und wenn dann häufig nur als Experten zu Rate gezogen, die erklären sollen, warum Integration nicht funktioniere.

Das heißt also, als Migrant kannst du nur entweder eine positive Ausnahme sein, oder eben scheitern. Wir haben noch nicht gelernt, den Raum dazwischen einzunehmen.

Die gute Nachricht ist, dass dies nicht allein die Schuld der Rechtspopulisten ist, denn ihr Einfluss wird aus meiner Sicht überschätzt!

Tatsächlich ist es so, dass diese Bipolarität der Wahrnehmung von Migranten eine direkte Konsequenz der eigenen Wahrnehmung ist, insbesondere dann, wenn wir das Recht in Anspruch nehmen, anders zu sein und unsere Wurzeln zu thematisieren.

Der Anspruch darauf, anders sein zu dürfen, wird von manchen als Unrecht wahrgenommen, weil diese Menschen von einer Unrechtmäßigkeit der eingeforderten Identität und Kultur ausgehen. Manchmal kommt sogar die Angst dazu, dass besagte Kultur die eigene kontaminieren könnte. Deshalb sprechen Rechte von einer angeblichen “Islamisierung des Abendlandes“.

Ich finde es toll, dass du eben nicht versuchst, irgendwelchen absolutistischen Anforderungen gerecht zu werden, eine exklusivistische deutsche Identität anzunehmen.

Du forderst dein Recht auf deine türkischen Wurzeln ein und verlangst, dass das genauso respektiert wird, wie jede andere ethnische Identität.

Das hat allerdings auch zur Folge, dass du unweigerlich solche Erfahrungen machst, wie bei dem Gespräch mit DFB-Präsident Reinhard Grindel. Viele werden dich so behandeln, wie sie eben Menschen behandeln, auf deren Kultur sie herabsehen.

TF-Images via Getty Images
Reinhard Grindel gerät in den Fokus der Kritik.

Grindels Verhalten ist das Paradebeispiel für einen antiquierten Umgang mit Minderheiten, der nicht mit den Werten des Humanismus vereinbar ist. Du hast geschrieben, er habe kein Ohr für deine Sicht gehabt und wollte stattdessen nur über Politik sprechen.

Er hat in diesem Moment also die Position der absoluten Deutungshoheit übernommen, deine Gedanken waren für ihn zweitrangig.

Zum Vergleich: Der Bundespräsident Deutschlands hat nicht versucht, deine Meinung der seinen unterzuordnen. Hier zeigt sich, wie Leadership in einer pluralistischen Gesellschaft funktionieren sollte.

2. Opferrolle

Der nächste Vorwurf, den du zu hören kriegst, ist die sogenannte Einnahme der Opferrolle. Das Muster dieses sehr häufig geäußerten Vorwurfs ist immer dasselbe: die erfahrene Ungerechtigkeit wird in Abrede gestellt (“Das bildest du dir nur ein“) und die Verantwortung für das geschehene auf das Opfer selbst übertragen (“Du bist selbst schuld“).

Rassismus und Diskriminierung sind für viele Menschen leider Alltag, deshalb ist es anmaßend, diese Erfahrung in Abrede zu stellen. Meistens wird dies gepaart mit dem Vorwurf der Apologetik. Damit ist die fehlende Einsicht gemeint.

Diese Vorwürfe sind nicht tragbar, weil dein Statement eindeutig erklärend und nicht verteidigend geschrieben ist. Du verallgemeinerst nicht und identifizierst ganz klar, an wen die Kritik gerichtet ist.

TF-Images via Getty Images
Özil erwähnte Löws Verhalten in seinem Statement lobend.

Außerdem hast du jene mit einbezogen, deren Verhalten dir gegenüber gerecht und loyal war. Eine konstruierte Opferschaft zeichnet sich dadurch aus, dass man dabei ein ungerechtes System (oder gar eine Verschwörung an der alle beteiligt sind) für den eigenen Misserfolg verantwortlich machen möchte.

Du hast aber nirgends impliziert, dass diese massiven Anfeindungen irgendetwas mit dem Ergebnis der WM 2018 zu tun hätten. Es ist klar zu entnehmen, dass diese lediglich der Grund für deine persönliche Entscheidung zum Rücktritt aus der Nationalelf sind.

Mein Fazit:

Ich respektiere deine Entscheidung, die Nationalmannschaft zu verlassen, weil es für dich leider keinen Grund mehr gab, darauf stolz zu sein.

Es ist besonders schade, weil du das Angebot, für die Türkei zu spielen mehrfach abgelehnt hattest. Ich erinnere mich, dass auch das zu Anfeindungen geführt hatte.

Dein Rücktritt jetzt ist ein starkes Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung.

Denn: Du machst mit deinem Statement deutlich, dass du dich nicht verpflichtet siehst, den Anforderungen von Nationalisten gerecht zu werden, um nach ihren Vorstellungen Deutschland zu vertreten. Wenn du den Menschen in Deutschland mit diesem Schriftstück in Erinnerung bleibst, dann ist das sicher kein Rückschritt vom Ruhm als Kicker.

Denk daran, in Deutschland müssen wir nicht in allen Fragen einer Meinung sein, um einander zu achten. Solange wir das Grundgesetz haben, dem wir alle verpflichtet sind, gibt es Grund zur Hoffnung.   

Herzliche Grüße,

Rida Inam