BLOG
14/09/2018 11:32 CEST | Aktualisiert 14/09/2018 13:18 CEST

Liebe zu Dritt: Ich teile mir mit meiner Mitbewohnerin meinen Freund

"Polyamor zu sein heißt nicht, dass man eine Schlampe ist."

Seit zwei Jahren bin ich das dritte Mitglied eines sogenannten Polyküls. Für Nicht-Eingeweihte mag das vielleicht so klingen, als wäre ich eine Art Superheldin. Und vorausgesetzt, dass die Maske, die ihr euch für mich vorstellt, meine Wangenknochen hervorhebt, ist das für mich auch vollkommen in Ordnung.

Oben im Video berichtet einen andere Frau, wie es ist, sich den Mann mit jemand anderem zu teilen.

Der Begriff Polykül ist jedoch einfach nur ein süßer Name für eine Gruppe von Menschen, die durch ihre Beziehungspartner in einer polyamoren Beziehung miteinander verbunden sind.

In meinem Fall ist es so, dass mein Freund noch eine weitere Freundin hat. Sie ist zwar nicht meine Freundin, doch wir verstehen uns wirklich gut.

Er hatte seit acht Jahren eine Freundin

Als ich mich mit meinem jetzigen Freund zu verabreden begann, musste ich mich gerade von einer schmerzhaften Trennung erholen. Ich lernte ihn im Internet kennen. Er hatte mir eine Nachricht geschickt, in der einfach nur stand: “Hi, ich hoffe, dir geht’s gut. Ich habe gesehen, dass du Theaterautorin bist. Welche Art von Stücken schreibst du denn?”

Sein Profil war sehr direkt. Er befand sich mit seiner Freundin, mit der er seit acht Jahren zusammen war und mit der er auch zusammenlebte, in einer polyamoren Beziehung. Da ich auf der Suche nach einer ernsthaften Beziehung war, galt so etwas für mich eigentlich als absolutes Ausschlusskriterium.

Mehr zum Thema: Polygamie: Ja, du darfst mit meiner Freundin schlafen

Doch mein Herz war gerade erst von einem anderen Kerl gebrochen worden. Und da ich mich vorerst ohnehin nur über meine vergangene Beziehung hinwegtrösten wollte, dachte ich mir:

“Ist doch egal. Wir werden sowieso nicht lange genug zusammenbleiben, dass das irgendwann wirklich eine Rolle spielen würde.”

Dieser blauäugige, aufgeschlossene, polyamore Mann, mit dem ich keine gemeinsame Zukunft haben würde, schien jedoch genau das richtige Elixier zu sein, um meine verletzte Seele zu heilen.

Ich sollte seine Freundin so schnell wie möglich kennenlernen

Schließlich kam es dann jedoch ganz anders: Rob und ich lernten uns im echten Leben kennen und beschlossen, eine Beziehung miteinander einzugehen. Ich lernte sehr schnell, dass Offenheit und Kommunikationsfähigkeit für Rob extrem wichtig waren ― wie im Übrigen für jede polyamore Person, die etwas auf sich hält. Aus diesem Grund legte Rob auch Wert darauf, dass ich seine Freundin so schnell wie möglich kennenlernte. Als wir ungefähr eine Woche zusammen waren, lud er uns beide zum Essen ein, damit wir uns gegenseitig kennenlernen konnten. 

Ich ging davon aus, dass dieses Treffen das Eigenartigste werden würde, was ich je erlebt hatte – doch das wurde es nicht.

Ich sagte mir immer wieder, dass ich sofort aussteigen würde, wenn ich plötzlich ein komisches oder schlechtes Gefühl bekäme. Diesen Vorsatz habe ich auch nach wie vor. Und ich warte noch immer darauf, dass mir das alles irgendwann zu viel wird. Doch jetzt warte ich tatsächlich schon eine ganze Weile darauf! Solange ich kein eigenartiges oder schlechtes Gefühl empfinde, führe ich mein nicht-monogames Leben weiter. Und wenn ich ehrlich bin, ist es völlig anders, als ich anfangs erwartet hatte.

Wenn ich bei ihm übernachte, schlafe ich mit ihm und seiner Freundin in einem Bett

Ich bezeichne nicht-monogame Beziehungen gerne als Überbegriff für verschiedene Arten von Menschen, die etwas anderes als eine monogame Beziehung führen. Dazu gehören unter anderem Swinger, Polyamore und Menschen mit offenen Ehen oder Beziehungen.

Jeder Mensch mit einem nicht-monogamen Liebesleben definiert sich und seine Beziehung(en) anders. Bei mir ist es so: Ich bezeichne mich selbst nicht als polyamor. Ich befinde mich jedoch in einer Beziehung mit einem Mann, der sich selbst als polyamorer Mensch identifiziert.

Wenn ich bei ihm zuhause übernachte, schlafe ich mit ihm und seiner anderen Freundin in einem Bett. Er liegt dann in der Mitte – im absoluten Himmel also. Wir alle finden einen Dreier mit zwei Frauen und einem Mann aufregend. Und manchmal haben wir auch tatsächlich alle miteinander Sex. Doch meist haben wir einzeln Sex, wenn wir nebeneinander liegen. 

Wir alle dürfen uns unsere Partner frei aussuchen. Wenn wir Sex mit jemandem haben wollen, mit dem wir nicht in einer festen Beziehung sind, sind Kondome ein Muss. Wenn wir vorhaben, eine neue Beziehung einzugehen, stellen wir den Kandidaten ziemlich schnell den anderen vor ― denn das macht es für uns alle leichter.

Im Moment ist Rob das einzige Mitglied unseres Polyküls, das zwei Freundinnen gleichzeitig hat. Als ich dazukam, hatte seine Freundin selbst noch eine Freundin. Doch die beiden haben sich inzwischen getrennt. Ich will keinen zweiten oder dritten Partner haben, weil ich eher introvertiert bin und bereits eine einzige Beziehung schon anstrengend genug finde.

Rob erlitt vor kurzem eine Panikattacke und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden. Die verschiedenen Assistenzärzte waren ziemlich erstaunt darüber, dass Rob gleich zwei Freundinnen an seiner Seite hatte. Rob ging jedoch sehr gekonnt mit der Situation um. Nachdem er zum ungefähr dreißigsten Mal gefragt worden war, wer von uns beiden denn nun seine aktuelle Freundin sei, antwortete er nur: “Ich bin mit beiden zusammen― können wir jetzt darüber sprechen, warum ich hier in diesem Bett liege? 

 

Polyamor zu sein heißt nicht, dass man eine Schlampe ist

Für mich ist all dies ziemlich klar und offen. Diese Art von Beziehung funktioniert für mich am besten. Und ich bin gerne bereit, mich mit jedem über dieses Thema zu unterhalten, der sich dafür interessiert.

Doch wenn man es wagt, sein Leben ganz offen auf eine Weise zu führen, die nicht der Norm entspricht, wird es immer wieder Menschen geben, die einen akzeptieren und andere, die dies nicht tun. Als ich diese Entscheidung für mich traf, hat es mich am meisten verwundert, wie viel Gegenwind ich von meiner Familie und meinen Freunden dafür bekam.

Fast alle Menschen in meinem Leben teilten die Meinung, dass ich nur mit Rob zusammen war, weil ich mich mit der Situation abgefunden hatte oder weil ich mir meines eigenen Wertes nicht bewusst war. In ihren Augen musste ein Mensch, der sich selbst liebte und respektierte, auch eine monogame Beziehung fordern. Ich sehe das jedoch anders. Ich glaube hingegen sogar, dass meine Liebe und mein Respekt für mich selbst mich überhaupt erst zu der Entscheidung bewogen haben, eine Beziehung mit einem polyamoren Mann einzugehen.

Bevor ich Rob kennenlernte, war ich mit einer Reihe von Männern zusammen gewesen, die sich im besten Fall kaum für mich interessierten und die mich im schlimmsten Fall missbrauchten. Während allen diesen Beziehungen hatte kein einziger Mensch aus meinem Bekanntenkreis sich eingemischt und mir erklärt, wie Liebe auszusehen habe. Doch bei Rob, einem Mann, der mich herzlich, achtsam und liebevoll behandelt, hatten plötzlich alle Leute eine Meinung.

►Und diese Meinungen waren alles andere als positiv. 

Polyamor zu sein bedeutet nicht, dass man glaubt, man hätte keine Liebe verdient. Polyamor zu sein heißt nicht, dass man eine Schlampe ist. Polyamor zu sein bedeutet nicht, dass man sich nicht festlegen kann. Keines dieser Klischees trifft zu. Wenn jemand in einer polyamoren Beziehung tatsächlich solch schlechte Erfahrungen gemacht hat, bedeutet das nur, dass derjenige einfach an einen schlechten Menschen geraten ist. An einen Menschen, der versucht, sein schlechtes Verhalten zu rechtfertigen, indem er behauptet, dass dies zu einer polyamoren Beziehung dazugehören würde. Doch das tut es nicht.  

Polyamor zu sein bedeutet eigentlich nur, dass du nicht der Meinung bist, dass du von Natur aus nur eine begrenzte Menge an Liebe verschenken kannst ― sondern dass die Menge an Liebe, die du verschenken kannst, grenzenlos ist.

Ich wende mich an seine Freundin, wenn ich ein Problem habe 

Die Liebe zwischen Rob und mir brach wie ein Wirbelsturm über uns herein. Wir gingen ziemlich schnell eine feste Beziehung ein und haben das noch nie bereut. Meine Beziehung zu seiner Freundin hingegen entwickelte sich nicht ganz so schnell. Wir waren anfangs beide ziemlich misstrauisch und nervös. Doch nach zwei Jahren ist sie für mich eine meiner besten Freundinnen geworden.

Und wenn es darum geht, dass ich über meinen Freund reden will, bin ich zugegebenermaßen ganz schön verwöhnt. Denn immerhin gibt es neben mir noch eine andere Frau, an die ich mich wenden kann. Und die versteht mich total! Und ihn noch dazu.

Ich lebe noch immer in meiner eigenen Wohnung, doch ich verbringe für gewöhnlich drei Nächte pro Woche in ihrer Wohnung. Und seine Freundin hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, damit ich mich bei ihnen wie zuhause fühle.

Mehr zum Thema Liebe: Unserer Generation ist kein Partner gut genug - wie es trotzdem klappt

Wir haben einen gemeinsamen Kalender

Eine Sache, über die im Bezug auf polyamore Beziehungen kaum jemand spricht, ist die Tatsache, dass Eifersucht zwar durchaus bei manchen Menschen auftreten kann, dass dies jedoch nicht zwingend der Fall sein muss. Und dass das dann auch vollkommen in Ordnung ist. Mich an eine Beziehung zu gewöhnen, in der mein Freund neben mir auch noch eine weitere Freundin hat, stellte mich vor viele interessante Herausforderungen. Doch Eifersucht war für mich persönlich nie ein Thema.

Ich glaube, dass Eifersucht in unserer Beziehung vor allem deshalb nie zum Problem wurde, weil Rob mich immer ermutigte, zu ihm zu kommen, wenn mich unangenehme Gefühle plagten. Wenn ich Angst habe, verletzt bin oder mich vernachlässigt fühle, schleppe ich diese persönlichen Verletzungen nicht mehr länger mit mir herum. Stattdessen spreche ich Rob direkt darauf an und wir setzen uns mit dem Problem auseinander. Und zwar direkt und gemeinsam.

Rob weiß lustigerweise auch sehr genau Bescheid, wie viel Zeit all die Frauen in seinem Leben beanspruchen. Als wir frisch zusammen waren, ärgerte ich mich über den gemeinsamen Kalender, in den wir auf seine Bitte hin alle unsere Termine eintragen sollten. Doch schließlich wurde mir klar, dass Rob mit diesem Kalender dafür sorgte, dass wir alle bekamen, was wir brauchten ― und das auf eine sehr praktische Weise. 

Ich hatte nie vorgehabt, Teil einer polyamoren Beziehung zu werden. Doch jetzt ist es nun einmal so. Und für mich fühlt es sich mehr und mehr wie eine Familie an. Als Rob und seine Freundin letztes Jahr ihr erstes Baby bekamen, ging ich davon aus, dass dieses Ereignis viele Probleme mit sich bringen würde. Und so war es dann auch. 

Als ich ihr Baby zum ersten Mal in den Armen hielt, war das anfangs ein eigenartiges Gefühl. Noch eigenartiger war es jedoch, als ich nach der Geburt der Kleinen begann, auf dem Sofa im Wohnzimmer zu schlafen, damit ich nachts nicht ständig wach wurde. Ich fühlte mich ein bisschen ausgeschlossen― und das sogar ziemlich oft. Und trotzdem fühlte ich mich wie ein Familienmitglied.

Im vergangenen Jahr hat dieses Gefühl sich noch verstärkt. Das Baby ist noch zu klein, um mich mit einem bestimmten Namen zu bezeichnen. Doch sie weiß, dass ich ein Teil ihrer Familie bin. Sie weiß, dass sie zu mir krabbeln und sich knuddeln lassen kann. Dass sie sich gemütlich an mich schmiegen kann, wenn sie müde ist oder Trost braucht.

Ich habe Angst davor, ihr eines Tages erklären zu müssen, wer ich eigentlich bin und warum ihre Familie sich von anderen Familien unterscheidet. Aber machen sich denn nicht alle Eltern wahnsinnig viele Gedanken um ihre Kinder? Und schließlich ist ihre Familie ja nur anders, weil es dort sehr viel mehr Liebe gibt als woanders, und nicht weniger. 

 

Letzten Endes geht es in unserer Beziehung um Liebe

Was auch immer ihr jetzt denkt, habe ich mir vermutlich auch schon durch den Kopf gehen lassen. Es ist nicht perfekt. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, doch ich habe keinerlei Zweifel an Rob. Ich weiß, dass er mich immer lieben und unterstützen wird, ganz egal, was passiert. Es stimmt, mein Leben ist eigenartig. Doch meine Beziehung ist eben meine Beziehung. Ich würde niemals jemand anderen dazu auffordern, eine Beziehung wie meine auszuprobieren ― das wäre verrückt.

Ich erwarte jedoch, dass ich mit Respekt behandelt werde. Meine Familie ist ein bisschen anders. Bei uns gibt es mehr Erwachsene. Wir regen uns ständig über das “Nachttisch-Problem” auf. Denn Nachttische werden zum Thema, wenn es nur zwei Bettseiten gibt und mehr als zwei Personen in besagtem Bett schlafen wollen. Ich würde diese Probleme jedoch niemals gegen den Kummer eintauschen wollen, den ich in meinen früheren Beziehungen aushalten musste. 

Sollten Rob und ich uns jemals trennen, weiß ich nicht, ob ich dann bewusst nach einem anderen polyamoren Mann suchen würde. Ich bin nicht mit Rob zusammen, weil er polyamor ist. Ich bin mit Rob zusammen, weil die Art von Liebe, die er mir gezeigt hat, mich mutig genug gemacht hat, eine Lebensweise anzunehmen, bei der es zu besonderen Gelegenheiten auch mal einen Dreier gibt.

Doch letzten Endes geht es in unserer Beziehung um ganz genau das Gleiche wie in jeder Beziehung: Es geht um Liebe. 

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt. 

(nc)