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09/10/2018 16:24 CEST | Aktualisiert 09/10/2018 16:42 CEST

Liebe Männer, schämt euch nicht für Sex-Toys – Frauen tun es auch nicht

Wenn wir Frauen offen über den Inhalt unserer Nachttischschublade sprechen können, dann könnt ihr es auch.

Nomadsoul1 via Getty Images
Viele Männer schämen sich für ihre Sex-Toys – ich finde das falsch. 

Ich sitze mit meinem Freund im Bett  – in unserer kleinen Wohnung in einem Randbezirk Münchens. Verdutzt guckt er hinunter auf ein weißes Silikon-Ei in seiner Hand. Er weiß nichts damit anzufangen und zwischen uns liegt eine angespannte Stille. 

“Das ist ein Masturbator”, sage ich, “ein tolles Masturbations–Ei.” Noch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass ihm mein Geschenk gefällt. 

Doch von ihm kommt nur: “Ähm ... okay.” 

Ich erstand es auf einer Dildoparty – und wollte ihm eine Freude machen 

Diese für unsere langjährige Beziehung doch ungewöhnlich peinliche Situation ereignete sich vor etwa vier Monaten.

Ich besuchte eine Dildoparty – das ist wie eine Tupperparty, nur mit Sex-Toys – und weil ich als Studentin am Ende des Monats pleite war, erstand ich dort das billigste Produkt: ein weißes Silikon-Ei, mit dem sich Männer angeblich wunderbar selbst befriedigen können. Das sagte mir zumindest die Dildo-Vertreterin. 

Mehr zum Thema: Ich hatte Spaß auf einer Dildo-Party – bis ein Mann den Abend versaute

Ich freute mich über meinen selbstlosen Kauf. Was mein Freund davon hält, weiß ich jedoch bis heute noch nicht so genau. Denn er redet nicht gerne darüber. 

► Warum das so ist, wurde mir erst kürzlich bewusst. 

Ihr Männer schämt euch für eure Sex-Toys

Im Büro drehte ich mit Kollegen ein Video über Sexspielzeuge. Besagtes Masturbations-Ei weckte das Interesse eines männlichen Kollegen. Und wie das in einem Großraum-Büro so ist, schnappte eine weibliche Kollegin unsere Unterhaltung auf. 

“Ihhh, ein Wichs-Ei”, kam von ihr zurück. 

In diesem Moment ging mir ein Licht auf: Ihr Männer schämt euch für Sex-Toys. Und vielleicht sind wir Frauen daran nicht unschuldig. 

Ich frage also meinen Freund: “Sprichst du mit deinen Freunden über Selbstbefriedigung? Über Sex-Toys? Weißt du, ob einer deiner Freunde einen Masturbator benutzt?” 

► Seine Antwort verwundert mich: “Nein, wir reden höchstens über Frauen–Toys.”

Ich denke an all die Unterhaltungen, die ich mit meiner besten Freundin über Vibratoren, Dildos und Liebeskugeln geführt habe. Ich denke zurück an die Dildoparty, bei der sich acht junge Frauen, die sich untereinander kaum kannten, einen ganzen Abend lang über Sexspielzeug austauschten. 

Für uns Frauen ist es längst kein Tabu mehr, Sex-Toys zu nutzen und sogar offen damit umzugehen. Für Männer scheint die Sache jedoch anders auszusehen. 

Viele Männer nutzen Sex-Toys zur Selbstbefriedigung

Warum ist das so? Warum ist es als Mann okay, darüber zu reden, welche Vibratoren Frauen besonders gut kommen lassen und ob die Freundin das Gefühl eines Analplugs in ihrem Körper gut findet oder nicht – und nicht okay über Masturbatoren, Sex-Puppen oder Penisringe zu sprechen? 

“Vielleicht besitzen die meisten Männer einfach keine Sex-Toys und sprechen deshalb nicht darüber. Vielleicht sind Sex-Toys für Männer einfach noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen”, vermutet ein Kollege. 

Ich frage meine Freundin Nadine. Sie hat mehrere Jahre lang in einem Sex-Shop gearbeitet und garantiert mir, sie habe pro Tag sicher drei bis vier Masturbatoren an Männer verkauft. 

Die Zahlen bestätigen ihre Erfahrung. Laut einer Studie des Sex-Toy-Anbieters Amorelie aus dem vergangenen Jahr greift mindestens ein Drittel der deutschen Männer bei der Selbstbefriedigung zu einem Spielzeug. 

Daran kann es also schon mal nicht liegen. 

Männer werden außen vor gelassen

“Vielleicht haben viele Männer Angst davor, als pervers abgestempelt zu werden”, sagt mein Kollege. Schließlich werde lediglich die Sexualität der Frau von der Gesellschaft immer mehr bestärkt. 

Ich denke über seine Antwort nach. 

In den TV-Werbungen verschiedenster Online-Erotik-Shops wedeln lachende Frauen Silikonständer in die Kamera. Sex-Podcasts, in denen sich junge Frauen über Selbstbefriedigung, Stellungen und Fetische unterhalten, überfluten die Streaming-Portale und Social-Media-Stars bloggen über ihre Verhütungsmethode. 

► Ich finde diese Entwicklung super. Aber tatsächlich habe auch ich das Gefühl, dass sie Männer oft außen vor lässt. 

Mehr zum Thema: Unfälle bei Selbstbefriedigung: Circa 100 Deutsche sterben jährlich daran

“Bei Frauen ist das Thema Sex-Toys zum Spaßfaktor geworden”, sagt  Paartherapeutin Sigrid Sonnenholzer aus München. “Anders ist es bei Männern. Wenn sie offen Spielzeuge benutzen, wird ihnen oft unterstellt, sie finden keine Frau, die ihre Bedürfnisse erfüllen kann.” 

Oft werde ein Mann dann als Freak abgestempelt, der auf normalem Wege nicht zu Sex kommt, so die Expertin. 

Liebe Männer, überwindet es! 

Liebe Männer, ich möchte euch an dieser Stelle etwas sagen: Wenn wir Frauen offen über den bunten Inhalt unserer obersten Nachttischschublade sprechen können, dann könnt ihr es auch. 

Wenn ihr Hemmungen habt, euch einen Masturbator zuzulegen, weil sonst angeblich keiner eurer Freunde ein solches Spaßgerät besitzt, dann überwindet dieses Gefühl.

► Probiert euch aus. Findet heraus, was euch gefällt und redet darüber.

Denn in einer Zeit, in der wir Frauen ganz offen stolz auf unsere Sexualität sind, sollte sich gleichzeitig kein Mann dafür schämen. Auch Sonnenholzer rät: “Männer sollten das Ganze lockerer sehen.”

Einer Sache könnt ihr, liebe Männer, euch nämlich sicher sein: Keine Frau, die selbst um die Freuden von Sex-Toys weiß, wird euch dafür verurteilen.

(kiru)