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05/09/2018 13:28 CEST | Aktualisiert 05/09/2018 14:37 CEST

Liebe Helene Fischer: Danke, dass Sie sich gegen den rechten Wahnsinn aussprechen

Ich meine das ehrlich und von ganzem Herzen.

Isa Foltin via Getty Images
Helene Fischer bei einem ihrer Konzerte. 

Liebe Helene Fischer!

Es gab Zeiten, da war ich sehr enttäuscht von Ihrer Wortlosigkeit gegenüber der rechten Gewalt in Deutschland.

Im Sommer 2015 habe ich Ihnen deswegen einen offenen Brief geschrieben. Das war zu einer Zeit, als in Dresden jeden Montag Pegida marschierte. Dort kursierten damals schon Fantasien vom rechten Staatsstreich. Auch an den gewalttätigen Protesten vor einem Flüchtlingsheim in Freital war die ausländerfeindliche Bewegung beteiligt.

Der Mitinitiator der Pegida-Proteste, Lutz Bachmann, gab sich damals als Fan von Ihnen zu erkennen. Ich dachte: Wie großartig wäre es gewesen, wenn Sie diesem Mann zu verstehen gegeben hätten, dass seine Taten und Worte ihn von seiner eigenen kulturellen Heimat entfremdet haben.

Menschen wie Herr Bachmann hören vielleicht nicht auf die “linksgrünversiffte Medienmafia”. Aber wenn sich jemand wie Sie, die bei so vielen unterschiedlichen Menschen Vertrauen genießt, gegen den aufkommenden Flüchtlingshass ausspricht, dann könnte das eine Wirkung haben.

Damals schwiegen Sie.

Doch jetzt ist es Zeit, Ihnen zu danken. Und ich meine das ehrlich und von ganzem Herzen.

Sie haben ein Zeichen gesetzt, Frau Fischer

Bei einem Konzert in Berlin haben Sie am Montag gesagt:

“Wir setzen auch ein Zeichen. Ich möchte jetzt und hier, dass keiner mehr sitzen bleibt. Erhebt euch. Erhebt gemeinsam mit mir die Stimme. Gegen Gewalt. Gegen Fremdenfeindlichkeit. Wir brechen das Schweigen, hier in Berlin.”

Sie haben damit ganz Deutschland gezeigt, was der Hashtag #wirsindmehr tatsächlich bedeutet.

Ohne Menschen wie Sie bleibt es bei der bloßen Annahme, dass sich eine Mehrheit der Deutschen gegen rechte Gewalt ausspricht.

Beim Open-Air-Konzert in Chemnitz, zu dem am Montag insgesamt 65.000 Menschen gekommen waren, traten vor allem Bands auf, die sich ohnehin schon seit Jahren gegen Fremdenhass engagieren. Das macht den Protest nicht weniger wertvoll, aber sehr erwartbar.

Genau das war lange die Schwäche derer, die sich für eine offene Gesellschaft engagieren: Am Ende blieb der Eindruck, dass es ohnehin immer nur die Gleichen sind, die da ihre Stimme erheben. Und das Schlimmste, was dem Kampf gegen rechte Gewalt passieren kann, ist, dass er nur noch als Ritual wahrgenommen wird.

In Deutschland tut sich etwas

Dank Ihnen ist das nun nicht mehr der Fall. Ich möchte Ihr Statement nicht überhöhen, womöglich wollen Sie das auch gar nicht. Aber als ich davon erfahren hatte, stieg in mir das Gefühl auf, dass sich in Deutschland tatsächlich etwas tut.

Ohne Wortmeldungen wie die Ihre wäre es nicht möglich, Grenzen zu ziehen. Noch vor zehn Jahren existierten diese Trennlinien noch: Damals war klar, dass es Äußerungen gibt, mit denen man sich außerhalb des gesellschaftlichen Konsens stellt.

 

Diese Trennlinien sind uns in den vergangenen fünf Jahren verloren gegangen. Auch weil ein Teil dieser Gesellschaft sich immer weiter radikalisiert. Sie haben am Dienstag in Berlin einen Beitrag dazu geleistet, diesen Menschen ihre eigene Radikalisierung vorzuhalten.

Sie haben gezeigt, dass Helene Fischer nicht zur Welt von AfD, Pegida und den Chemnitzer Ausländerschlägern gehört.

Wenn Sie damit auch nur für einen Moment erreicht haben, dass Leute wie Lutz Bachmann ihre eigene Welt hinterfragen, dann ist bereits viel gewonnen.

Danke, Frau Fischer. Das war groß. 

(ll)