POLITIK
14/06/2018 16:07 CEST | Aktualisiert 14/06/2018 16:07 CEST

Liebe FIFA: Warum mir Eure Fußball-WM in diesem Jahr am Arsch vorbei geht

Ich war drei Jahrzehnte lang WM-süchtig. Das ist vorbei.

Robbie Jay Barratt - AMA via Getty Images
Der spanische Ex-Nationalspieler mit der Weltmeister-Trophäe bei einer Präsentation vor dem Start der WM. 

Liebe FIFA:

Vor vier Jahren habe ich mich um diese Zeit im Netz nach einem guten Caipirinha-Rezept umgesehen.

Einen Monat lang habe ich mein gesamtes Leben nach dem Spielplan der deutschen Mannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft ausgerichtet.

Die großen Turniere waren mit so wichtig, dass ich mein komplettes Leben entlang der Welt- und Europameisterschaften einordnen konnte. Ich bin in dem Jahr 25 Jahre alt geworden, als in Deutschland Fußball-WM war. So konnte ich es mir besser merken. Und ich schwöre, das ist keine Übertreibung.

Mehr kriminelle Vereinigung als Fußballverband

Es spricht vieles dafür, dass ich mehr als drei Jahrzehnte lang ernsthaft WM-süchtig war. Aber in diesem Jahr ist Schluss damit. Und dieses Gefühl, dass etwas zu Ende geht, kommt tief aus meinem Herzen.

Schon seit Jahren schon war mein Verhältnis zum Weltfußball nicht mehr in Ordnung. Das hängt damit zusammen, dass man schon lange nicht mehr so recht weiß, ob man es bei Dir, liebe FIFA, mit einem Fußballverband oder einer kriminellen Vereinigung zu tun hat.

Da wäre zuerst die Entscheidung, die WM 2018 nach Russland zu vergeben.

Die Menschenrechtslage in Russland ist eine Katastrophe. In der Ostukraine sterben immer noch Menschen durch einen von der russischen Armee am Leben gehaltenen Krieg. Und in den Kindergärten werden Kinder dazu getrieben, ziemlich gruselige Loblieder auf den “Oberkommandierenden Putin” zu singen.

Das ist alles bereits bekannt.

Nordkoreanische Zwangsarbeiter bauten die Stadien

Worüber wir aber noch nicht gesprochen haben, liebe FIFA:

Du machst Dich mit dem Turnier in Putins Reich zur Komplizin bei der Ausplünderung Russlands. Immer wieder ist bei Dir von den “Fans” und von “neuen Märkten” die Rede.

Aber sagen wir es doch mal offen: Für korrupte Beamte und raffgierige Oligarchen sind große Sportereignisse wie ein vier Wochen andauernder feuchter Traum.

Zum Beispiel werden Stadien und Infrastruktur zu Fantasiepreisen abgerechnet. Das neue WM-Stadion in Sankt Petersburg etwa soll laut Schätzungen eine Milliarde Dollar gekostet haben.

Gebaut wurde es mit Hilfe von nordkoreanischen Zwangsarbeitern – eine unorthodoxe, aber recht effektive Methode, die tatsächlichen Baukosten zu senken. Die Differenz zwischen abgerechneten und tatsächlichen Baukosten ist dann bei Stadien wie dem von Sankt Petersburg der Reingewinn, der in den korrupten Strukturen versickert.

Eine weitere Möglichkeit für Putin das eigene Land zu berauben

Insgesamt soll die WM in Russland 12 Milliarden Dollar gekostet haben. Andere Quellen sprechen von bis zu 20 Milliarden Dollar Kosten. Es wäre mit Abstand das bisher teuerste Turnier aller Zeiten. Und das Geld wird den Bürgern Russlands in Zukunft fehlen: Beim Bau von Schulen, von Universitäten und bei der Auszahlung von Renten.

Ich habe keine Lust, vor dem Fernseher mit Deutschlandschminke auf der Backe darüber zu jubeln, dass Putin und seinen Schergen eine goldene Möglichkeit geboten wurde, das eigene Land zu berauben.

Und, liebe FIFA: Sag mir nicht, dass Du sowas bei der Vergabe nicht hattest kommen sehen können. Solche krummen Entscheidungen haben System bei Dir.

Auch Trump schenkt ihr ein Turnier

Zum Beispiel die, in Katar eine Fußball-WM spielen zu lassen.

Insgesamt 32 Teams und 64 Spiele in einem Land, das ungefähr so groß ist wie meine Heimatregion Nordhessen und in der man zur Mittagszeit auf jedem beliebigen Autodach ein Spiegelei braten kann.

Das Finale findet sechs Tage vor Heiligabend im Jahr 2022 statt. Also zu einer Zeit, in der sich garantiert kaum ein deutscher Angestellter vier Wochen frei nehmen kann.

Es gibt aus Funktionärssicht nicht einen einzigen vernünftigen Grund, der für eine WM in Katar spräche. Außer womöglich jene Denkanstöße in siebenstelliger Höhe, die bei der Vergabe geflossen sein sollen. Laut einer Zeugenaussage soll Katar jede Stimme etwa eine Million Euro wert gewesen sein.

Hauptsache, die Kasse klingelt

Und nach Putin und dem Emir von Katar hast Du heute nun den Autokraten-Hattrick geschafft, liebe FIFA. Die Fußball-WM 2026 wird in den USA stattfinden – nachdem der derzeit amtierende Präsident Donald Trump öffentlich Druck auf die afrikanischen Entwicklungsländer ausgeübt hatte.

48 Teams werden dann spielen. Die Vorrunde dürfte mangels spielerischer Qualität derart langweilig sein, dass sich manch ein Zuschauer während der WM nach der Bundesliga zurücksehen wird. Wer weiß: Vielleicht erleben wir ja Leckerbissen wie Malta gegen Burkina Faso. Oder Guatemala gegen Thailand. Oder Aserbaidschan gegen Montenegro.

Hauptsache, die Kasse klingelt.

Und immer wieder dieses verlogene Gerede von den Fans.

Liebe FIFA: Eure WM geht mir am Arsch vorbei. Und ich hoffe, dass es vielen anderen deutschen Fußball-Fans genauso geht.

(ben)