POLITIK
05/11/2018 14:03 CET | Aktualisiert 06/11/2018 14:04 CET

Liebe Deutsche, hört endlich auf, ständig Angst vor Künstlicher Intelligenz zu haben

Die Künstliche Intelligenz hat der europäischen Integration wieder neuen Schub gegeben.

TOBIAS SCHWARZ via Getty Images

Liebe Deutsche!

Dieser Brief erreicht Euch aus einer zukünftigen Zeit, in der die Künstliche Intelligenz schon längst ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags geworden ist.

Eigentlich reden wir nur noch selten darüber. Genauso, wie die Menschen im frühen 21. Jahrhundert nicht mehr darüber nachgedacht haben, was für eine gigantische Revolution die flächendeckende Versorgung mit elektrischer Energie war.

Viele Tätigkeiten, die es früher gab, werden heute von Computern erledigt. Es gibt keine Buchhalter mehr, keine Strategieberater. Auch keine LKW-Fahrer.

Unsere U-Bahnen fahren heute vollautomatisch. Und genauso, wie die Menschen irgendwann die Tram-Schaffnerinnen nicht mehr vermisst haben, denken heute nur noch wenige daran zurück, wie es war, als die Züge noch von Menschen gelenkt wurden.

Dafür haben sich neue Berufsfelder ergeben. Hunderttausende Menschen arbeiten in Europa in der Mensch-Maschinen-Kommunikation.

Es zeigte sich nämlich, dass Computer immer noch nicht in der Lage sind, mit menschlichen Emotionen adäquat umzugehen. Also sprechen Menschen mit Menschen, wenn es um die Verbreitung von Maschinenwissen geht.

Überhaupt: Soziale Berufe sind heute viel angesehener als noch im frühen 21. Jahrhundert. Damals wurden die höchsten Gehälter für Manager, Informatiker oder Ingenieure bezahlt. Heute gehen die talentiertesten Menschen dorthin, wo das Gemeinwesen fortentwickelt wird. Und auch Pflegeberufe sind heute viel besser bezahlt.

Ich weiß, viele von Euch denken jetzt, dass die Maschinen schon längst die Kontrolle übernommen hätten. So wie es die Terminator-Filme einst prophezeiten.

Wie soll ich es ausdrücken: Wir treffen immer noch unsere eigenen Entscheidungen, die Demokratie lebt. Unsere Maschinen sind so programmiert, dass sie dem Menschen dienen.

Doch wir haben ein anderes Selbstverständnis. Das dürfte Euch auch bekannt sein: Anfangs haben sich Fabrikarbeiter entmachtet gefühlt, als Roboter deren Arbeit an den Fließbändern übernommen haben. Später bildeten sie sich weiter und lernten, sich nicht mehr nur über ihre Körperkraft zu definieren.

EQ > IQ

Für uns ist emotionale Intelligenz heute viel wichtiger als das Lösen von Rechenaufgaben und das Verständnis von komplexen Zusammenhängen. Das war natürlich auch mit Härten verbunden für jene, die Schwierigkeiten hatten, sich an die neue Zeit anzupassen. Aber wir haben es geschafft.

Es gab eine Zeit, in der die Weichen gestellt wurden für die Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz. Und das war das zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts.  

Nicht, dass die Deutschen das Thema verschlafen hätten. Das wäre unfair, denn Debatten um künstliche Intelligenz gab es damals durchaus. Doch aus heutiger Sicht ist es bemerkenswert, wie viel Angst die Deutschen vor Künstlicher Intelligenz und vor digitaler Technik an sich gehabt haben. 

Die Deutschen stritten sich damals ernsthaft darüber, wie gefährlich Smartphones für die Entwicklung ihrer Kinder sein würden. Als ob die gleichen Eltern nicht selbst schon als Kinder davor gewarnt worden wären, sie bekämen “viereckige Augen” vom Fernsehschauen.

Ein Glück, dass viele Kinder in der Ära Merkel nichts auf die Warnungen ihrer Eltern gaben und spielerisch lernten, sich in der vernetzten Welt zu bewegen.

Die Angst vor Künstlicher Intelligenz

Einige wichtige Tech-Pioniere der Gegenwart hätten sich wohl nie für die Möglichkeiten des digitalen Raums begeistern können.

Die Angst vor digitaler Technologie fand ihren Weg bis in die Kirchen. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, sagte am Reformationstag 2018: “Wir sind im Begriff, unsere Freiheit an die künstliche Intelligenz abzugeben.”

Überhaupt schienen die Deutschen im Bann von Horrorvisionen zu stehen, die aus dem Silicon Valley nach Europa drangen.  

Eines dieser Konzepte hieß “Singularität” und kam aus dem Dunstkreis des Google-Imperiums. Irgendwann, so hieß es, hätte künstliche Intelligenz den Stand der menschlichen Intelligenz erreicht und könnten sich selbst verbessern. Dann sei der Mensch überflüssig geworden und werde wahlweise vernichtet oder versklavt.

Es gab wirklich kluge Leute, die fest davon überzeugt waren, die Menschheit würde unvermeidlich ausgelöscht werden. Weil die Entwicklung Künstlicher Intelligenz nicht aufzuhalten sei. Und weil sie unweigerlich zur Herrschaft der Maschinen führen würde.

Dass dies ein undemokratischer Reflex war, fiel nur den wenigsten auf. Denn Zukunft ist in einer Demokratie immer gestaltbar. Wenn sie das nicht mehr wäre, lebten wir schon lange vor der vermeintlichen Machtübernahme in einer Art Technik-Diktatur, in der es für uns nur noch darum ginge, den Weg in den Untergang zu verwalten.

Chance statt Angst

Andere Länder fingen viel früher an, die Chancen der neuen Technologie zu sehen. Die USA natürlich. China. Und selbst in Frankreich wurde nach der Wahl von Emmanuel Macron zum französischen Präsidenten über das Thema Künstliche Intelligenz viel offener diskutiert.

Er machte es sogar zu einem zentralen Punkt seiner Sorbonne-Rede, mit der er eine Erneuerung der Europäischen Union anstoßen wollte.

Spät, aber glücklicherweise nicht zu spät, beschloss die Bundesregierung Ende 2018 ihre KI-Strategiemit der unter anderem auch der Wegzug von Fachkräften nach Asien und Amerika gestoppt werden konnte.  

Außerdem wurde ein gemeinsames europäisches Forschungszentrum geschaffen. Es zeigte sich, dass Macron Recht hatte: Die Bündelung aller Anstrengungen im Bereich Künstlicher Intelligenz hat der europäischen Integration wieder neuen Schub gegeben.

Auch der Ausbau des 5G-Netzes, das für flächendeckende die Kommunikation zwischen Computern nötig war, machte nach anfänglichen Schwierigkeiten Fortschritte.

Wäre all dies nicht gelungen, dann hätte Deutschland wohl das Schicksal Argentiniens erwartet: Das einstmals reichste Land der Welt stieg binnen weniger Jahrzehnte zum Schwellenland ab, weil es die wechselnden Regierungen verpassten, die Wirtschaft zu modernisieren.

Das Potential der künstlichen Intelligenz

Denn auch heute noch ist es schwer zu begreifen, warum Deutschland so lange brauchte, um das Potenzial der Künstlichen Intelligenz zu erkennen.

Hing es damit zusammen, dass selbst führende Politiker die Vierte Industrielle Revolution stets “Digitalisierung” nannten - obwohl es hier nicht mehr nur um die Einführung von Computern, sondern bereits um deren Vernetzung ging? 

Oder damit, dass die Deutschen sich sehr gerne darin gefallen, Angstdebatten zu führen?

Derzeit forschen KI-Systeme übrigens genau nach dieser Antwort. Dafür werten sie sämtliche politischen Publikationen dieser Welt seit 1980 inhaltlich aus. Eine wissenschaftliche Aufgabe, die von Menschen wohl kaum zu bewältigen wäre.

Was sie herausfinden, kann manchen dabei helfen, künftige Debatten zielgerichteter zu führen.

Andere Menschen werden darauf einen feuchten Kehricht geben. Aber das ist auch ihr gutes Recht – selbst in Zeiten von Künstlicher Intelligenz.