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30/01/2018 10:35 CET | Aktualisiert 30/01/2018 11:02 CET

Liebe Deutsche Bahn, wir müssen reden

Meinzahn via Getty Images

Liebe Deutsche Bahn,

wir müssen reden. Ich kann so nicht weiterfahren. Es fühlt sich an als stünde ich, als wäre unsere Beziehung auf einem Abstellgleis.

Auf der einen Seite geht mir das alles zu langsam mit uns und ich habe das Gefühl du möchtest dich nicht an mich binden.

Was habe ich dir alles schon geopfert. Mein Auto. Meine Lebenszeit. Mein ausgeglichenes, pazifistisches Gemüt. Und du? Du hältst dich nicht an einfache Verabredungen. Du kommst immer zu spät, manchmal bist du dann auch noch verschlossen, bumsvoll oder steckst mir als halbherzige Entschuldigung einen unpersönlichen Kaffeegutschein für das Bordbistro in die Hand.

Dabei will ich keinen Kaffee – der ohnehin nach in der Friteuse zubereiteter Hühnerbrühe schmeckt. Ich möchte, dass ich mich auf dich verlassen kann.

Doch du bist entweder eiskalt zu mir – weil du dich nicht regulieren kannst. Oder du bist hitzig und aufbrausend – meistens ausgerechnet dann, wenn wir frohgemut in den Sommerurlaub fahren möchten.

Auf der anderen Seite schockieren mich mittlerweile deine Unzulänglichkeiten. So scheinst du bereits an einfachen Zeitangaben und Rechenaufgaben zu scheitern.

Ich frage dich ehrlich: kannst du die Uhr lesen? Weißt du, wie lang eine zehn Meter hohe Fichte ist, wenn sie umfällt? Na? Nein, nicht sechs Meter (dein Rodungsradius an Gleisstrecken). Das ist alles keine Schande, aber gestehe es doch wenigstens ein, damit man dir helfen kann.

Auch frage ich mich besorgt, ob wir ein generelles Kommunikationsproblem haben. Warum versuchst du immer wieder Englisch mit mir zu sprechen? Ich verstehe dich so schlecht und frage mich vielmehr, ob du einen Personenschaden hast.

Deine in der dritten Person vorgetragene Liebesbekundung „Thanks for choosing Deutsche Bahn“ ist vielleicht nett gemeint, aber eigentlich nur beschämend und lässt mich weiter im Einzelabteil frierend aus dem Fenster starren.

Du kannst so schlecht über deine Gefühle reden, verlierst dich in kryptischen Formulierungen wie „Diese Zeit gehört dir“ oder „Verzögerung im Betriebsablauf“, die ich einfach so hinnehmen und nicht hinterfragen soll.

Doch nun kann ich es nicht mehr hinnehmen. Denn die Katastrophe ist passiert. Ich hätte nie von mir gedacht, dass es soweit kommen würde, aber: ich bin fremdgefahren.

Es tut mir leid, wenn ich dir das erhöhte Verkehrsaufkommen mit Verspätung beichte. Ich sah keinen anderen Ausweg mehr, weil du mich im Sturm der Liebe einfach hast sitzen lassen. Zu lange habe ich deine Liebschaften – zu alten, aufbrausenden Männern – über mich ergehen lassen.

Wie hießen sie alle? Xavier, Herwart, Heini? Sie alle haben mich in die Sitze einer – ich mag es kaum zugeben – Mitfahrgelegenheit getrieben. Eine billige, unkomplizierte einmalige Nummer, aber sie erfüllte für den Moment ihren Zweck.

Und doch – trotz all der Enttäuschungen – er war alles nur BlablaCar und du fehltest mir. Ich komme einfach nicht los von dir. Zu vertraut, bequem, abhängig.

Dabei könnte doch alles so einfach, so schön sein. Denn du bist die einzige, die für gutes Klima sorgen kann. Du weißt es mit einfachen Dingen zu beeindrucken (kostenloses WLAN im Jahr 2017!).

Du kannst so witzig und charmant sein: „HSV-Fans haben ohne Ticket in der 1.Kl. nichts zu suchen. Euer Tabellenstand ist schließlich auch nicht erstklassig.“ (Quelle: Bahnansagen.de)

Liebe Deutsche Bahn, sage mir also: gibt es eine unbeschrankte Zukunft für uns oder stehen wir auf einem von umgestürzten Fichten umringten Rangierbahnhof? Wie so oft: ich warte auf dich, auf ein Zeichen von dir.

Diese Wartezeit gehört dann wohl mir.