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27/07/2018 17:06 CEST | Aktualisiert 27/07/2018 23:21 CEST

"Allah is gay": Ich gehe als Ex-Muslim auf das Pride-Fest – obwohl ich Todesdrohungen bekomme

Ich habe einen sehr hohen Preis dafür gezahlt, mich als Ex-Muslim zu outen.

Als ich vor zwei Jahren auf dem Christopher-Street-Day war, ist mir aufgefallen, dass nur wenige Leute aus dem muslimischen Kulturkreis dabei sind.

Ich kenne zwar einige schwule Muslime und Ex-Muslime, aber sie trauen sich kaum, sich zu outen.

Wir kämpfen für eine gemeinsame Lösung

Letztes Jahr bin ich zufällig auf einen Artikel über die London-Pride gestoßen. Dort haben sich Ex-Muslime für die LGBTQ*-Community (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender, Queer) stark gemacht und hielten Schilder mit dem Spruch “Allah is gay” (Allah ist schwul) hoch. Die Aktion ist damals als islamfeindlich kritisiert worden.

► Was ich nicht verstehen kann.

Was die Menschen gemacht haben, hat mich so inspiriert, dass ich mir gedacht habe, dass das auch in Deutschland, in einem Land der Meinungsfreiheit, möglich sein muss. 

Warum kann Allah nicht genau so gut schwul sein? Ich will mit diesem Statement kein Gegeneinander erzeugen, sondern für eine gemeinsame Lösung kämpfen. Für ein Verständnis zwischen Muslimen, Ex-Muslimen und der LGBTQ*-Community. 

Ich hätte nie mit solchen Reaktionen gerechnet

Amed Sherwan
Amed Sherwan setzt sich für die LGBTQ*-Community ein. 

Dieses Jahr will ich wieder auf den Christopher-Street-Day in Berlin gehen. Spontan habe ich mir deshalb ein T-Shirt mit dem Aufdruck “Allah is gay” gemacht und dazu passende Schilder angefertigt, wie “Solidarity with LSBTTQI’s Muslims” (Solidarität für LGBTQ*-Muslime).

Mein Shirt und die Banner habe ich auch auf Facebook gepostet – als persönliches Statement für “Oriental Diversity”. Mir war natürlich klar, dass es einige Leute provozieren wird, wenn ich mich als Ex-Muslim für die LGBTQ-Community ausspreche und stark mache. 

Schwul und atheistisch: Für Fundamentalisten ist das ja eine Potenzierung des Bösen. Doch, dass dieser Post solche heftigen Reaktionen auslösen würde, damit hätte ich ehrlich gesagt nie gerechnet. 

Allah kann alles sein – auch schwul

Mein Shirt hat dazu geführt, dass mich Menschen anfeinden, beleidigen und  boshafte sexuelle Anspielungen machen. “Elender dreckiger Hund, schämst du dich nicht (sic) über Religionen dich lustig zu machen.” Oder: “Ich finde es schade, dass es solche Menschen wie dich auf der Welt gibt” – solche Sätze musste ich lesen. Wirklich Angst bekam ich jedoch erst, als ich Todesdrohungen in meinem Posteingang fand. 

“Falls ich dich morgen in Berlin sehe kannst du auf deiner Veranstaltung deine Beerdigung plan(en).”

“Du sagst ‘Alah is gay’?? Du wirst morgen sterben. Ich weiß, wo dein Stand ist, ich mobilisier ganz Berlin.”

Das ist nicht das erste Mal, dass ich hier in Deutschland mit dem Tode bedroht wurde. Aber diesmal habe ich mich ja nicht mal kritisch gegenüber dem Islam geäußert.

► Im Gegenteil.

Wer an Allah glaubt, muss hinnehmen, dass er die Menschen vielfältig geschaffen hat und deswegen selber auch alles sein kann. Also auch schwul. 
In einer homofeindlichen Kultur, wie der muslimischen, ist der Spruch “Allah is gay” natürlich eine Provokation und wird wohl als Beleidigung aufgefasst.

Aber für mich ist Schwulsein nichts Negatives und einfach eine Aufforderung dazu, den Islam von einer anderen Seite zu betrachten. Und wenn man etwas bewegen will, muss man auch mal Grenzen überschreiten.

Ich fürchtete um mein Leben

Ich bin mit 14 Jahren Ex-Muslim geworden. Damals lebte ich noch im Irak. Mein Vater hat mich dafür angezeigt, weil meine Nachbarn ihn unter Druck gesetzt hatten. 

Ich bin daraufhin inhaftiert und gefoltert worden. 

Diese Erinnerung prägt mich bis heute. Die Polizei der kurdischen Regionalregierung hat mich abgeholt. In der Polizeiwache haben sie mich mehrere Stunden verhört und unter anderem mit Elektroschocks gefoltert. Sie ließen mich wie einen Affen tanzen – nach dem Motto: “Du denkst, du stammst von den Affen ab? Dann tanz’ wie ein Affe.”

Danach bin ich in das Jugendgefängnis in Erbil (Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak) gebracht und erneut vom Wachpersonal geschlagen worden. Auch die anderen Gefangenen griffen mich an. 

Nach 13 Tagen Qualen hat mich mein Onkel auf Kaution rausholen können. 

Mehr zum Thema: “Der Islam hat Platz für alle – auch für eine lesbische Muslima wie mich”

Die Sache hat für großes Aufsehen in den irakischen Medien gesorgt. Deshalb kannten mich die Menschen fortan unter dem Begriff “Atheist” – was mir ein sicheres Leben im Irak unmöglich machte. 

Mein Fall bekam auch einen großen Medienwirbel, weil ich noch so jung war. Ich erhielt massenhaft Drohungen und fühlte mich ständig in Lebensgefahr. Mir blieb nichts anderes übrig, als aus irakisch Kurdistan zu flüchten.

Ich hatte panische Angst vor der Islamisierung

Amed Sherwan
Sherwan musste sein Heimatland verlassen, weil er sich als Ex-Muslim outete. 

Ich habe einen sehr hohen Preis dafür gezahlt, mich als Ex-Muslim zu outen. Ich bin nach Europa geflüchtet, um endlich frei zu sein. Deswegen habe ich mich hier auch immer lautstark zu Wort gemeldet. 

Anfangs habe ich mein Weltbild komplett umgedreht. So, wie ich früher Ungläubige verachtet habe, hasste ich nach meiner Flucht Muslime. Und genauso, wie der Koran für mich das Gute war, war er danach der Inbegriff des Bösen.

Ich hatte panische Angst vor der Islamisierung – und alle Islamhasser waren meine Freunde.

Heute habe ich noch immer Angst. Aber nicht nur vor dem Islam, sondern vor totalitären Ideologien jeder Art. Denn mir kann es egal sein, ob mich jemand verfolgt, weil ich ungläubig bin oder ein Flüchtlingsgesicht habe. Und ich wehre mich dagegen, dass Rechtspopulisten meine negativen Erlebnisse mit dem Islam nutzen, um ihren Fremdenhass zu legitimieren.

Ich kämpfe nicht mehr gegen den Islam, sondern für Vielfalt und Toleranz – und dazu gehört für mich auch Solidarität für progressive muslimische Kräfte zu zeigen. Und die Menschen zu unterstützen, die im muslimischen Kulturkreis für Toleranz und Akzeptanz kämpfen.

Ich möchte in orientalischen Kreisen etwas bewegen

Ich weiß genau wie es sich anfühlt, sich zu outen und dafür von der Familie verstoßen und zur Umerziehung genötigt zu werden. Viele orientalische Schwule müssen ihre sexuelle Identität verheimlichen. Ich habe auch schwule deutsche Freunde und gehe in meinem heutigen Heimatort Flensburg gerne auf Schwul-Lesbische-Partys.

► Ich genieße die Offenheit und Akzeptanz gegenüber allen Lebensentwürfen.

Ich bin seit längerem selbst in einer eher ungewöhnlichen Beziehung mit einer wesentlich älteren Partnerin. Wir werden deswegen oft mit Vorurteilen und Klischeevorstellungen konfrontiert. In LGBTQ*-Zusammenhängen interessiert es glücklicherweise niemanden, wen ich liebe und genau das schätze ich so sehr.

Ich möchte gerne in orientalischen Kreisen etwas bewegen und mehr Mut zur Vielfalt anregen. Und gleichzeitig will ich auch zeigen, dass es auch im muslimischen Kulturkreis mehr gibt als fundamentalistische, islamistische Macker.

Die Polizei setzt sich für mich ein

Der 19-Jährige lebt in Flensburg. 

Diesen Samstag gehe ich auf die Pride-Parade in Berlin. Die Todesdrohungen habe ich zur Anzeige gebracht. Heute Morgen kam eine glückliche Wendung: Die Polizei ist zu mir gekommen und hat mir gesagt, dass ich vom Landeskriminalamt (LKA) Berlin geschützt werde.

Es gibt mir ein gutes Gefühl, in einem Land zu leben, wo Meinungsfreiheit und persönliche Sicherheit ein hohes Gut ist.

Die Aktion wird am Samstag unter Polizeischutz stehen und ich werde während des ganzen Wochenendes beschützt. Ich bin total beeindruckt, wie ernst die Polizei die Sache nimmt und wie freundlich sich der Beamte an mich gewendet hat.

Für mich ist es eine positive Wendung. Aber dass es überhaupt notwenig ist, vom LKA beschützt zu werden, erschüttert mich. Warum ist es hier in Europa nicht möglich, den Islam genau so zu behandeln, wie jede andere Religion, ohne sofort Morddrohungen am Hals zu haben?

Ich habe einen völlig normalen norddeutschen Alltag, so dass ich manchmal vergesse, wie krass einige Muslime ticken.

Selbstverständlich kann jeder glauben, was er will. Aber natürlich müssen Muslime sich genau solche Kritik und Satire ihrer Weltanschauung gefallen lassen wie alle anderen Menschen auch.

Religion ist ein Privatvergnügen und keine heilige Kuh.

 

Meiner Familie bringe ich noch immer Schande

Was mich freut ist, dass ich weit mehr positive Zuschriften als Drohungen bekomme. Auch von Menschen aus dem muslimischen Kulturkreis. Das macht mir Mut.

Leider ist der Wirbel auch meiner Familie nicht entgangen. Und nun erreichen mich ihre Nachrichten. Meine Mutter weint am Telefon und erzählt mir, dass ich die ganze Familie in Gefahr bringe.

Dass ich Ex-Muslim bin, haben sie inzwischen irgendwie akzeptiert, aber dass ich nun öffentlich die LGBTQ*-Szene auch noch mit provokanten Sprüchen unterstütze, scheint eine weitere Dimension zu sein.

Sie haben mich angezeigt und verstoßen – und trotzdem macht mein Verhalten ihnen noch Schande.

(nc)