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11/05/2018 17:50 CEST | Aktualisiert 14/05/2018 11:41 CEST

Ich erfülle sterbenden Menschen ihren letzten Wunsch

Ich organisiere Ausflüge, Abenteuer oder Besuche für todkranke Menschen.

Mark Castens
Der Wunsch dieses Mannes war ein Ausflug an das Meer. 

Langsam stieg die Frau aus dem Flugzeug. Sie war todkrank – aber dennoch strahlte sie vor Glück.

Hinter ihr sprangen ihr Mann und ihr kleiner Sohn aus der Maschine. Die kleine Familie wirkte gelöst. Als hätte der Wind unter den Flügeln des kleinen Charterflugzeugs allen Schmerz der letzten Jahre einfach weggeweht.

Sie so zu sehen, war ein wunderschönes Erlebnis für mich. Die Sterbende hatte sich gewünscht, noch einmal über ihre Heimatregion zu fliegen. Ich habe dafür gesorgt, dass sie mit ihrer Familie diesen besonderen Ausflug machen konnte.

► Ich bin ein Wunscherfüller – ich organisiere Ausflüge, Abenteuer oder Besuche für todkranke Menschen.

Meistens wenden sich Hospize an mich, manchmal auch die Angehörigen einer kranken Person. Sie erzählen mir dann vom letzten großen Wunsch des Sterbenden – und den versuche ich zu erfüllen.

Noch einmal das Meer sehen

Sterbende wünschen sich ganz verschiedene Dinge: Einen letzten Besuch im Fußballstadion, einen Schlagerstar kennenlernen, noch ein letztes Mal das Meer sehen. 

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Mark Castens
Mark Castens erfüllt Sterbenden ihren letzten Wunsch

Letzteres wünschte sich erst vor kurzem ein 50-jähriger Herr. Er hatte Krebs, saß im Rollstuhl und konnte nicht mehr sprechen. Man hatte seine Zunge amputiert. Im Hospiz rollte er immer wieder auf die Terrasse und blickte in die Bäume.

Den Pflegern fiel es auf und sie schafften es, sich mit ihm zu verständigen: Sie fanden heraus, dass er früher in Cuxhaven immer gerne die vorbeischwimmenden Fähren beobachtet hatte. Daraufhin kontaktierten sie mich.

Sofort war für mich klar: Ich möchte diesem Mann noch einmal ermöglichen, diese Schiffe zu sehen. 

Ich beriet mich mit den Mitarbeitenden im Hospiz. Wir bereiteten den Krankentransport vor und einige Tage später ging es los. Mit dabei: Die Ehefrau, die schwangere Tochter des 50-Jährigen und ihr Mann. Die drei verbrachten einen wunderschönen Tag am Strand.

► Ich hielt mich, wie immer, im Hintergrund. Ich bin nur dabei, um für den Patienten und seine Angehörigen alles so reibungslos wie möglich zu halten – wie ein Reiseleiter.

Moment der Ruhe, fernab von Krankenbetten und Maschinen

Als ich den Mann beobachtete, wie er in seinem Rollstuhl saß und schweigend in die Ferne blickte, sah ich einen glücklichen Menschen. Immer wieder zeigte er mit dem Daumen nach oben in die Luft.

Seine Krankheit hatte er in diesem Moment vergessen.

Für die Patienten ist das eine Auszeit der Situation. Ich versuche ihnen einen Moment der Ruhe zu schenken, in dem sie sich wieder richtig am Leben fühlen, fernab von Hospiz, Schläuchen und dem Krankenbett. 

Deshalb scheue ich bei der Wunscherfüllung auch keine Mühe: Eine Frau hatte beispielsweise den Traum, einmal mit dem Musiker Sting auf der Bühne zu stehen. Ich habe mich über Wochen mit seinem Management ausgetauscht und tatsächlich konnte sie ihn treffen. Sie sang sogar drei Lieder mit dem Star.

Ein letzter Abend mit den Freundinnen

Manchen Todkranken hilft ein erfüllter Wunsch auch, loszulassen.

Ich erinnere mich an eine Frau, die sich einen letzten Abend mit ihren Freundinnen wünschte. Wir fuhren zusammen hin und die Frau hatte viel Spaß.

Sie schunkelte mit ihren Freundinnen und lachte viel. Nur zehn Stunden nach der Feier starb die Dame.

Es war ihr letzter großer Wunsch. Danach konnte sie gehen.

Ich hätte auch gerne eine letzte schöne Erinnerung gehabt

Genauso heilsam sind die Wunscherfüllungen aber auch für die Angehörigen der sterbenden Person. Sie dürfen dabei sein und mit ihrem geliebten Menschen noch glückliche Momente erleben.

Nach seinem Tod erinnern sie sich so nicht nur an die schmerzvolle Zeit der Krankheit, sondern auch an den Tag, an dem der Wunscherfüller da war.

Ich selbst hätte auch gerne eine letzte schöne Erinnerung gehabt, als 2010 meine beiden Eltern starben.

Meine Mutter hatte Krebs. Die Zeit vor ihrem Tod war getrübt durch den Kampf um einen Platz im Hospiz.

Es gab keine freien Betten. Ich wollte meiner Mutter nur ermöglichen, ihre letzten Wochen würdevoll in einem Hospiz zu verbringen. Leider eine Weile vergeblich.

Doch den Schmerz verwandelte ich in Energie für eine gute Sache: Ich startete eine Petition zur Schaffung neuer Hospize – und habe das Thema schließlich auch in den Bundestag und in die Parlamente von Bremen, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern getragen.

Danach kam mir die Idee, Menschen ihre letzten Wünsche zu erfüllen. Zuerst engagierte ich mich dafür vier Jahre lang ehrenamtlich für eine Stiftung. Heute habe ich meinen eigenen Verein im Nordwesten der von Bremen bis an die Nordsee tätig ist.

► Bisher habe ich knapp 60 Menschen ihren letzten Wunsch erfüllt.

Oft erfahre ich vom Tod der Menschen

Die Wünsche erfülle ich in meiner Freizeit, neben meiner Arbeit als Angestellter für die Stadt Bremen. Mir gibt es unglaublich viel, Wünsche zu erfüllen und Menschen an ihrem Lebensabend damit glücklich zu machen.

Es macht mich selbst genauso glücklich.

Auch hinterher bleibe ich meistens in Kontakt mit den Menschen – oft bis zu ihrem Tod. Dann lege ich eine Gedenkminute ein und mache weiter.

Ich blicke nach vorne, weil ich weiß: Ich habe dazu beigetragen, dass sich ein Mensch seinen letzten Wunsch erfüllen konnte. Dass er glücklich und in Würde gehen konnte.

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Und dass sich seine Angehörigen an den Tag erinnern können, an dem ihr geliebtes Familienmitglied ein letztes Mal jubelnd im Fußballstadion saß, den Autor seines Lieblingsbuchs kennenlernte oder einfach nur dem sanften Rauschen des Meeres zuhörte.

Mark Castens
Castens begleitet einen sterbenden Mann beim Besuch mit Führung durch das Weserstadion und dem Präsidenten des SV Werder-Bremen

Mark Castens gemeinnütziger Verein ist auf Spenden angewiesen. Auf der Homepage www.lebenswunsch.org gibt es mehr Informationen dazu.

Dieser Text wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet und zur Veröffentlichung angepasst. 

(amr)