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29/01/2018 19:16 CET | Aktualisiert 29/01/2018 19:16 CET

Lernen von den Kleinen: Was Unternehmen von Start-ups mitnehmen können!

Manuscripts and Archives Division, The New York Public Library. "Grown Ups Enjoy Reading, Also." The New York Public Library Digital Collections. 1875 - 1925.
Auch "Grown-ups" können viel von Start-ups lernen

Als 2013 die Anfrage der Produktionsfirma Sony Pictures hereinkam, hatte ich gerade angefangen, für Vural Öger die Bereiche Business Development und Kommunikation aufzubauen. Sony fragte, ob Öger daran interessiert sei, in einer Fernsehsendung aufzutreten, die Gründern die Möglichkeit geben würde, vor laufenden Kameras zu pitchen und (im besten Fall) eine Investition von einem der erfahrenen 5 Unternehmer in der Jury zu bekommen. Die Rede ist natürlich von der Sendung Die Höhle der Löwen, die inzwischen in der 5. Staffel auf VOX läuft. Die Anfrage landete auf meinem Schreibtisch: „Was meinst du, Meike, sollen wir da mitmachen? Schau dir das doch einmal genauer an!“, bat mich Vural Bey.

Zu diesem Zeitpunkt war das Thema Start-up noch nicht in der breiten Öffentlichkeit bekannt. Für mich war es ebenfalls noch eine ungeöffnete Box: Ich kannte zwar Rocket Internet, weil ich den Aufstieg von Lazada in Thailand eng mitverfolgt hatte, aber hatte in Deutschland noch kaum Kontakt in die Gründerszene. Die „Techies“ waren in der Zeit unter sich und diskutierten (noch) nicht auf der großen Bühne der Wirtschaft. Dies sollte sich in den letzten Jahren jedoch ändern. Vielleicht hat auch Die Höhle der Löwen ihren Beitrag dazu geleistet, da sie erstmals im Primetime-TV Gründern eben diese Bühne bot und damit die Chancen, aber auch die Risiken und Nebenwirkungen des Unternehmertums aufzeigte.

Auf paralleler Schiene entwickelte sich die „digitale Transformation“ zum hoch diskutierten Schlagwort in Medien, auf Vorstandsversammlungen und Fachkonferenzen von Branchen aller Art. Die alteingesessenen Unternehmen sorgten sich um ihre Zukunft: Wird unser Geschäftsmodell von neuen Technologien obsolet gemacht? Wird gar unsere ganze Branche von einer disruptiven Innovation betroffen sein, welches das bisherige Wirtschaften überholt? Könnten wir das nächste Kodak sein? Oder gibt es junge Konkurrenten, die unser Produkt einfach cooler, eleganter gestalten? Könnte uns das Blackberry-Schicksal ereilen!? Durch diese Sorgen wurde das Interesse an denen, die in der Digitalisierung beheimatet sind und mit frischen Ideen den Markt bereichern, immer größer: Die Grown-ups schauten in Richtung Start-up.

Nach zwei Jahren Die Höhle der Löwen musste ich durch die Insolvenz der Öger Firmengruppe selbst erleben, wie wichtig es für Unternehmen ist, auf der Höhe der Zeit zu bleiben, sich weiterzuentwickeln und offen für Neues zu sein. Ich kann also dieses Interesse der Konzerne und Traditionsunternehmen nur begrüßen. Und je länger ich mit Start-ups arbeitete, desto klarer wurde mir, dass Unternehmen weit mehr als „nur“ digitales Wissen von den Jungspunden lernen können.

Ein paar Beispiele habe ich einmal aufgeführt:

Dynamik:

Start-ups müssen schnell und flexibel sein, um in der Wirtschaftsvariante des Darwinschen Überlebenskampfes bestehen zu können. Während sich in Unternehmen über zum Teil Jahrzehnte hinweg lange Prozesse, aber auch oft unnötige Bürokratiewege eingeebnet haben, zeichnen sich Start-ups durch ihre Agilität aus: Langsame und schleppende Prozeduren über mehrere Etagen können sie sich erstens nicht leisten und zweites gibt es so viele Entscheidungsebenen nun eben nicht einmal. Geschäftsmodelle müssen oft zwangsweise angepasst werden, wenn sich herausstellt, dass der ursprüngliche Gründungsgedanke am Markt nicht fruchtet. Reiferen Unternehmen täte es mitunter gut, kürzere Entscheidungswege und mehr Flexibilität walten zu lassen, um am Ball zu bleiben!

Jeder bringt sich ein:

Start-ups arbeiten oft mit flachen Hierarchien, geben zudem Mitarbeitern viel Freiheit um eigene Projekte voranzubringen und eigene Ideen einzubringen. Dies stärkt die Identifikation mit dem Unternehmen, denn jeder Einzelne fühlt sich verantwortlich für den Erfolg der Mission. Es gibt keinen, an den man Verantwortung abgeben kann - dies fördert die eigene Motivation, alles zu geben! Auch hier fällt mir das ein oder andere Unternehmen ein, dem dieses „Employer Empowerment“ gut tun würde. Selbstdenker ausrücklich erwünscht!

Trendscouts:

Durch Start-ups können Unternehmen schneller neue Trends und innovative Ideen mitbekommen, die vielleicht noch nicht marktreif sind, aber das Potential haben, den Markt zu verändern oder Prozesse zu vereinfachen. Viele Start-ups probieren gern neue Tools aus, die ihnen den Arbeitsalltag erleichtern: Hier agieren sie oft schneller und experimentierfreudiger. Ich habe Unternehmen erlebt, denen ich nur schwerlich größere Dateien senden konnte, da externe Tools wie wetransfer nicht erlaubt waren – allerdings gab es auch auch außer dem guten alten USB Stick keine als sicher eingestuften Alternativen... Kein Kommentar...

Minimum viable product:

Interessant ist, bei Start-ups nicht nur das „was“ zu verstehen, also an welchen Produktneuheiten sie arbeiten, sondern auch das „wie“. Strategien wie der MVP-Ansatz (minimum viable product) sind in der Gründerszene verbreitet, jedoch durchaus für Unternehmen aller Größe interessant. Hier geht es um die Art der Produkteinführung: Anstatt jahrelang in geschlossenen Kämmerchen oder Forschungsabteilungen an neuen Erfindungen herumzuwerkeln, gehen Start-ups mit einem Konsumenten-zentrierten Ansatz früher raus: Ist der Prototyp entwickelt, wird das Feedback vom Markt eingeholt und das Produkt daraufhin mit diesem Wissen optimiert und weitergebaut bis das Endresultat steht. Dies gilt nicht nur im Bereich Produktentwicklung, sondern ist auch anwendbar, wenn es um das Ausprobieren beispielsweise neuer Vertriebsstrategien angeht. Mut, Mut ist der Schlüssel!

New Marketing:

Auch im Bereich Marketing und Kommunikation können Unternehmen von dem „Start-up way of doing Business“ profitieren. Wie schafft man es, mit wenig Budget viel Buzz um sein neues Produkt zu kreieren? Was sind Beispiele solcher erfolgreicher „Growth Hacks“? Welche neuen Plattformen und Kanäle gibt es zur Kommunikation und wie funktionieren sie? Auch hier ist Mut das Stichwort – oft fehlt es daran in der alten Schule: Es gilt, auch einmal ungewöhnliche, neue Maßnahmen auszuprobieren, sich immer wieder für neue Ideen zu öffnen und die alten in Frage zu stellen. Sind diese noch zeitgemäß und kommen wirklich beim Kunden an? Könnte im B2C Bereich das Aufsetzen einer Pinterest-Strategie von Erfolg gekrönt sein? Was für Möglichkeiten bietet LinkedIn? Lohnt sich Twitter? Auch das berühmte Storytelling sei hier zu nennen. Inzwischen probieren sich viele Unternehmen darin und das ist toll: Denn gerade in Firmen mit langer Tradition stecken so viele interessante Geschichten, die erzählt werden wollen! Glaubwürdigkeit, Authentizität und Kreativität sind gefragt.

Auf, auf!