ELTERN
05/03/2019 13:46 CET

Leihmutter werden: Wie es sich wirklich anfühlt, ein fremdes Baby auszutragen

Ich hatte das Privileg, ein Paar dabei zu beobachten, wie es sich in sein Baby verliebte und dieses Gefühl – wow. Dieses Gefühl ist etwas, das man in Flaschen abfüllen und für Millionen verkaufen könnte.

Die 40-jährige Annie Peverelle hat als Leihmutter mehrere Kinder zur Welt gebracht. Hier erzählt sie, wie es sich anfühlt, ein fremdes Baby auszutragen und zur Welt zu bringen. 

Ich habe keine eigenen Kinder, aber ich habe drei Paare dabei beobachten dürfen, wie sie sich vor meinen Augen in ihre Babys verliebten. Ich werde oft gefragt, ob es mir schwerfällt, ein Baby neun Monate lang im Bauch zu tragen, das nicht mein eigenes ist. Nein, es ist nicht schwer – es war nicht einmal beim ersten Mal schwer, als ich Pip zur Welt brachte.

Mit Pip war es eine lange Geburt und sie wurde mit der Geburtszange geholt. Ihre Mutter Katy* und mein Partner waren bei mir. Wie geplant, wurde Pip sofort in die Arme ihrer Mutter gelegt, das hatte ich hartnäckig gefordert. Ich sah Katy dabei zu, wie sie ihrer Tochter zum ersten Mal in die Augen sah – ich hatte sie im OP zur Welt gebracht und Katys Partner durfte nicht dabei sein, deshalb war es mir wichtig, dass Pip auch ihren Vater so schnell wie möglich kennenlernte.

“Geh und stell deine Tochter ihrem Papa vor”, sagte ich ihr. Sie wollte mich nicht verlassen, doch ich wollte, dass ihre Eltern die ersten Menschen waren, mit denen Pip Hautkontakt hatte – nicht ich.

Ich wollte eine Schwangerschaft erleben

Es war keine bewusste Entscheidung, keine Kinder zu bekommen. Kinder waren nie etwas, das ich wollte oder nicht wollte. Mein Leben entwickelte sich einfach in diese Richtung. Ich war verheiratet, doch die Ehe hielt nicht lange und so fand ich mich mit 30 Jahren wieder zu Hause bei meinen Eltern.

Ich erinnere mich, dass ich eines Abends mit Freunden ins Plaudern geriet und sagte, dass ich gerne eine Schwangerschaft erleben würde. In dieser Nacht kam ich nach Hause und googlete Leihmutterschaft. Ich sage mir immer, dass ich dankbar bin, dass ich in dieser Nacht auf den Link von Surrogacy UK geklickt habe – denn ansonsten hätte mein Leben eine vollkommen andere Wendung genommen.

Annie Peverelle
Annie mit einem ihrer Leihkinder, während sie mit seinem Geschwisterchen schwanger ist

Ich lernte meinen jetzigen Ehemann an dem Abend vor dem ersten Leihmutter-Infotreffen im Jahr 2011 kennen (er hatte schon zwei Kinder, die jetzt an der Uni sind, daher waren Kinder einfach nicht für uns vorgesehen.) Der Leihmutter-Prozess war mir neu: Als Leihmutter sucht man sich die gewünschten Eltern aus und nimmt an an den Treffen teil, um Leute kennenzulernen. Ich habe Pips Eltern bei dem allerersten Treffen kennengelernt, zu dem ich ging.  

Die Eltern auszusuchen, ist der einfach Part. Sobald man sich zusammengetan hat, gibt es eine dreimonatige Zeitspanne, in der man sich richtig kennenlernen soll. In dieser Zeit sind keine Behandlungen oder Befruchtungen erlaubt. Ehrlich gesagt, fühlt es sich ein bisschen wie Dating an. Und dann, am Ende dieser Zeit, wenn alle sich einig sind, gibt es eine Einigungs-Sitzung, bei der alle über einem 20 Seiten langen Dokument sitzen (das nicht rechtlich bindend ist) und sicherstellen, dass alle die gleiche Linie vertreten. Es umfasst Punkte wie Kosten, Tests, Termine, Scans, Urlaube während der Schwangerschaft – all das.

Wir haben viel gemeinsam unternommen

Pip wurde durch künstliche Befruchtung im Mai 2012 gezeugt. Wir haben alles gut überstanden und es ging gut voran. Wir sind gemeinsam ausgegangen oder haben uns zu Hause getroffen. Sie sind mit mir zu jedem Termin gegangen und angesichts der Tatsache, dass sie in London lebten und ich in den Midlands, war das nicht immer einfach. Wir haben uns wahrscheinlich einmal im Monat zusätzlich zu den Scans getroffen. Und als die Geburt immer näher rückte, zogen Pips Eltern in ein angemietetes Cottage in meiner Nähe.

Als ich zwölf Tage über dem errechneten Geburtstermin war, musste die Geburt eingeleitet werden. Am Morgen kamen wir alle zur gleichen Zeit im Krankenhaus an, voller nervöser Vorfreude – doch bis zum Abend geschah nichts. Ich schickte die beiden zurück in ihr Cottage, damit sie etwas essen und ein wenig schlafen konnten. Doch es kam, wie es kommen musst und die Dinge kamen ins Rollen, sobald die beiden weg waren. Meine Fruchtblase platzte und Pips Eltern kamen sofort zurück.

Ich wollte, dass die Eltern die gesamte Geburt ihres Babys erleben

Weil die Geburt eingeleitet worden war, zog sie sich leider sehr lange hin – es dauerte insgesamt 24 Stunden von der ersten Wehe bis zur tatsächlichen Geburt. Doch sie waren die ganze Zeit an meiner Seite. Und es war genau das, was ich wollte. Es war ihr Baby und es war mir sehr wichtig, dass sie die gesamte Geburt erlebten.

Die Geburt war anstrengend. Stunden über Stunden verbrachte ich mit Wehen und mein Muttermund öffnete sich nur alle vier Stunden um einen Zentimeter. Ich war die ganze Zeit wach, bis die Hebamme hereinkam und sagte, sie sei der Meinung, ich brauche mehr Schmerzmittel. Ich hatte eine Epiduralanästhesie und konnte mich ein wenig erholen.

Katy und ihr Partner hätten mir jeden Wunsch erfüllt, wenn ich sie nur gebeten hätte, doch niemand konnte mir in diesen Stunden helfen. Ich mag es nicht besonders, angefasst zu werden – ich kann mich erinnern, dass die Hebamme meinem Partner zeigte, wie er meinen Rücken reiben sollte, doch ich schob seine Hand weg. Sie haben es alle versucht, wirklich, aber ich wollte nichts. Ich wollte einfach in Ruhe gelassen werden.

Als es ans Pressen ging, wollte Pip sich einfach nicht bewegen. Es gab einen Stillstand, und so bereiteten die Ärzte alles für einen Kaiserschnitt im OP vor, nur zur Sicherheit. Doch sie wollten es zuerst noch mit der Geburtszange versuchen. Normalerweise darf nur eine weitere Person mit in den OP, doch in unserem Geburtsplan war festgehalten, dass in diesem besonderen Fall nicht nur mein Partner, sondern auch die biologische Mutter des Babys dabei sein durfte.

Ich war nicht traurig, ich war stolz

Pip kam mit der Geburtszange zur Welt, ein Kaiserschnitt war nicht nötig. Ich wurde zur Erholung in ein Zimmer geschoben und wurde umarmt. Ich war nicht traurig, ich war stolz. Auch mein Mann bekam eine Umarmung. Er war so bescheiden – dabei sind die Partner der Leihmütter die unbesungenen Helden in der ganzen Sache. Sie müssen die Schwangerschaft und Geburt ihrer Partnerin begleiten, bekommen aber am Ende keine Belohnung. Ich schwärme von ihm so oft ich kann.

Wir blieben für zwei Nächte im Krankenhaus – mein Partner und ich, Pip und ihre Eltern. Das Krankenhaus war großartig. Wir hatten zwei gegenüberliegende Zimmer – ich hatte ein Einzelzimmer und sie hatten ein Familienzimmer. In dieser Zeit besuchten wir uns gegenseitig in unseren Zimmern, kuschelten mit Pip und genossen die gemeinsame Zeit.

Nach ein paar Nächten zogen sie dann in das Cottage und später kehrten sie nach London zurück. Pip durfte sogar meine Eltern kennenlernen. Ich sehe Pip immer noch ungefähr alle vier Monate und in der Zwischenzeit telefonieren wir und schreiben uns Nachrichten. Ich könnte nicht stolzer darauf sein, sie ausgetragen zu haben.

Ich hatte das Privileg, ein Paar dabei zu beobachten, wie es sich in sein Baby verliebte und dieses Gefühl – wow. Dieses Gefühl ist etwas, das man in Flaschen abfüllen und für Millionen verkaufen könnte.

*Einige Namen wurden geändert. 

Dieser Artikel entstand aus einem Gespräch zwischen Annie Peverelle und Amy Packham. Er erschien zuerst bei der HuffPost UK und wurde von Gina Louisa Metzler aus dem Englischen übersetzt. 

(ak)