BLOG
30/08/2018 20:50 CEST | Aktualisiert 30/08/2018 20:50 CEST

Leihmutter: "Ich hätte nie gedacht, dass es mir das Herz brechen würde"

“Ich fuhr mit leeren Händen und einem gebrochenen Herzen heim”

ljubaphoto via Getty Images
"Entgegen aller Vernunft wurde ich nochmal Leihmutter." (Symbolbild)

Nach knapp achtundvierzig Stunden grässlicher Wehen rutschte mein erstgeborenes Kind aus meinem Körper und wurde seinem Vater übergeben.

Als ich sie zum ersten Mal weinen hörte, öffnete sich mein Herzen und zerbrach. Mit nur 22 Jahren wurde ich traditionelle Leihmutter. Das heißt, dass ich eine meiner eigenen Eizellen genutzt habe, um für jemand anderen ein Baby auszutragen. Traditionelle Leihmutterschaft ist seltener als die sogenannte gestationale. Bei Letzterer trägt die Leihmutter ein Kind aus, das nicht genetisch mit ihr verwandt ist. Sie wird vor allem wegen der rechtlichen und emotionalen Probleme von traditionellen Leihmutterschaften durchgeführt.

“Ich spürte das tiefe Verlangen, schwanger zu werden”

Doch an diesem Tag wurden zwei Männer Vater und begrüßten voller Freude ihre Tochter und ihr Schicksal. Ich wurde auf eine gewisse Art auch Mutter - leibliche Mutter. 

Anfang Zwanzig steigerte sich mein Mutterinstinkt ins Unermessliche und ich spürte das tiefe Verlangen, schwanger zu werden. Ich wusste, dass ich noch nicht bereit dafür war, Mutter zu werden, weil ich noch studierte und als Teilzeit-Kindermädchen arbeitete. Als ich eines Abends einen Nachrichten-Beitrag über Leihmutterschaft gesehen hatte, wandte ich mich an meine Partnerin und sagte: “Das will ich machen.”

Obwohl sie mich bat, damit zu warten, bis wir unser eigenes Kind hatten, schaltete ich eine Anzeige auf einer Internetseite für Leihmutterschaften, um ein Paar zu finden, für das ich ein Kind austragen könnte. 

Weil ich selbst lesbisch bin, wollte ich anderen homosexuellen Paaren ermöglichen, Eltern zu werden. Nach nur ein Paar tagen kontaktierte mich ein schwules Paar, das nur drei Stunden entfernt lebte. Wir schickten uns haufenweise E-Mails, telefonierten stundenlang und trafen uns ein paar Wochen später persönlich und nach zwei Monaten war ich mit ihrem Kind schwanger – meiner biologischen Tochter

“Ich fuhr mit leeren Händen und einem gebrochenen Herzen heim”

Neun Monate später wurde Natalie an einem regnerischen Tag im Dezember geboren. Währen die frischgebackenen Väter mit dem Baby im Schlepptau nach hause fuhren, fuhr ich mit leeren Händen und einem gebrochenen Herzen heim.

Mehr zum Thema: Meine Kinder Anderen zu schenken, war die beste Entscheidung meines Lebens

Die meisten Leihmutterschaftsagenturen arbeiten nur mit Frauen zusammen, die ihre Familienplanung schon abgeschlossen haben – oder zumindest ein eigenes Kind haben. Ich arbeitete als “Unabhänginge”. Weil ich keine Agentur hatte, die für mich eine Abmachung aushandelte, konnte ich die normalen Regeln über Bord werfen und Leihmutter werden, bevor ich selbst Kinder hatte.

Als ich mit den starken Gefühlen rang, die man hat, wenn man sich von seinem Neugeborenen verabschieden muss, verstand ich, warum Experten dagegen sind, dass kinderlose Frauen Leihmütter werden.

Es ist nicht nur riskant für die reproduktive Gesundheit. Ich konnte auch einfach nicht wissen, was auf mich während und nach der Schwangerschaft zukommen sollte, weil ich ja noch nie vorher Mutter geworden war.

“Entgegen aller Vernunft wurde ich nochmal Leihmutter”

Während meiner Trauer nach Natalies Geburt suchte ich in Internet-Foren nach Trost und Leidensgenossinnen. In einem Forum fand ich eine kleine Gruppe von Frauen, die die gleichen Erfahrungen und Gefühle erlebt hatten. Die meisten von ihnen hatten schon ihre eigenen Kinder, aber litten unter Verlustgefühlen, nachdem sie ihre Kinder an die vorgesehenen Eltern abgegeben hatten.

Entgegen aller Vernunft wurde ich nochmal Leihmutter und gebar fünfzehn Monate später ein weiteres gesundes Mädchen. Jeder Therapeut würde sagen, dass ich mein Trauma wiederholte, um scheinbare Kontrolle über die Situation zu bekommen.

Als Daisy geboren wurde, setzte man sie auf meine Brust. Ich zählte ihre zehn Finger und zehn Zehen, küsste ihr federleichtes blondes Haar und flüsterte ihr “Ich liebe dich” ins Ohr und sie packte meinen kleinen Finger. Dann übergab ich sie ihrer vorgesehenen Mutter, die sie aufziehen und jeden Tag lieben würde.

“Das zweite Mal fühlte ich mich weniger wie ein Mittel zum Zweck”

Meine zweite Leihmutterschaft war besser als die erste – anders als beim ersten Mal fühlte ich mich weniger wie ein Mittel zum Zweck. Das Paar, für das ich das Kind ausgetragen hatte, wurde schnell zu meiner Wahlfamilie. Trotzdem lief der Abschied von einem weiteren Baby das ich neun Monate lang ausgetragen und dann geboren hatte, nicht ohne seelische Qualen ab.

Mit der Hilfe eines guten Therapeuten konnte ich kurz nach Daisys Geburt endlich meine Trauer über den Verlust meiner beiden Kinder zulassen. Ich war nicht länger so naiv wie früher, als ich dachte, dass ein paar Fotos ab und zu meine Muttergefühle für die Kinder, die ausgetragen und geliebt hatte, unterdrücken könnten. 

Kurz nach der Geburt trennte ich mich von meiner Partnerin und bemerkte, wie sehr mich die Leihmutterschaft verändert hatte. Es zierten nicht nur Schwangerschaftsstreifen meinen Körper und erinnerten mich daran, was ich durchgemacht hatte, um andere Menschen zu Eltern zu machen.

Die Leihmutterschaften hatten auch verändert, wie ich liebe – Ich war vorsichtiger mit meinem Herzen geworden. Sie hatten auch verändert, wie ich andere Mütter mit ihren Babys sah. Manchmal überkam mich der Neid, wenn ich andere Mütter mit ihren Kindern im Park spielen sah und ich mich um die Kinder kümmerte, die ich babysittete. Obwohl ich mein Verlangen, Schwangerschaften zu erleben, befriedigt hatte, setzte mein Mutterinstinkt nie aus – er wurde immer stärker.

“Ich wässerte den Kopf meines Neugeborenen mit Tränen”

Fast ein Jahrzehnt später, gebar ich mein erstes eigenes Kind – ein weiteres Mädchen, diesmal als selbstgewählt alleinerziehende Mutter. Meine Tochter Evelyn (der Name bedeutet “Wunschkind”) wurde bei uns daheim geboren, umgeben von der ruhigen Kraft der Hebammen und unserer Angehörigen.

Die Schreie meiner Tochter – die Geräusche des Kindes, das ich lieben und täglich pflegen würde – tauten mein Herz auf und rissen die Mauern nieder, die ich vor all diesen Jahren um es errichtet hatte.

Als ich das erste Mal in meinem Schaukelstuhl saß, meine Neugeborene wiegte und ihr ein Schlaflied summte, weinte ich heiße Tränen. Mein leises Weinen wurde zu einem tiefen, kehligen und heilsamen Schluchzen.

Die Tränen waren eine Befreiung – eine physische Manifestation der Verlustgefühle, denen ich seit Jahren nachhing. Ich wässerte den Kopf meines Neugeborenen mit Tränen und beweinte alles, was ich aufgegeben und zurückgelassen hatte, als ich zehn Jahre zuvor als traditionelle Leihmutter Kinder geboren hatte. 

“Ich bin dankbar für jeden Augenblick, den ich mit ihr verbringe”

Dabei waren die Auswirkungen der Leihmutterschaft auf mich nicht nur negativ. Ich schätze die Anwesenheit meiner Tochter in meinem Leben höher ein, als ich das vielleicht tun würde, wenn ich keine Leihmutter gewesen wäre.

Ich bin dankbar für jeden Augenblick, den ich mit ihr verbringe – das Kuscheln, die Kindergarten-Konzerte, die Gute-Nacht-Geschichten und sogar die schlaflosen Nächte.

Die Frauen, die ich vor zehn Jahren in den Leihmutterschaftsforen kennengelernt habe, sind immer noch meine Freundinnen. Unsere geteilten Erfahrungen und unser Leid schweißen uns zusammen. Diese Frauen waren unter den Ersten, die erfahren haben, dass ich mit Evelyn schwanger bin. Eine von ihnen nähte ihr Kleider und Stoffwindeln und häkelte ihr Mützchen. “Du wirst eine wunderbare Mutter”, hatte sie auf einen Zettel gekritzelt, den sie dem Kleiderpaket beigelegt hatte.

Die Mädchen, die ich als Leihmutter geboren habe, sind heute 13 und 14 Jahre alt und führen mit ihren Familien ein glückliches und erfülltes Leben. Ich zweifle kein Stück daran, dass die Beiden genau dort sind, wo sie hingehören und unermesslich stark geliebt und geschätzt werden.

Mit der Zeit, dem Abstand und der Erfahrung habe ich verstanden, dass Leihmutterschaft etwas Schönes sein kann. Besonders für Familien, die sonst kein Kind haben könnten. Bei Familien geht es um Liebe. Die Biologie macht einen am wenigsten zu einer Mutter. 

Und obwohl ich Natalie und Daisy nie gestillt oder ihnen die Windeln gewechselt habe, weiß ich tief in meinem Inneren, dass ich sie liebe wie jede Mutter das tun würde: Aus tiefstem Herzen.

Dieser Text erschien zuerst in der US-Ausgabe der HuffPost und wurde von Moritz Diethelm aus dem Englischen übersetzt. 

Einige Namen im Text wurden verändert, um die Identität der Protagonisten zu schützen.

 

(nsc)