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13/12/2018 16:34 CET | Aktualisiert 13/12/2018 16:40 CET

Lehrerin an Brennpunktschule: "Die Kinder helfen mir, den Mut nicht zu verlieren"

Dies ist die Geschichte von dem Tag, an dem ich den Glauben in einen meiner Schüler verloren – und schließlich wiedergefunden habe.

Marlou Hundertmark
Grundschullehrerin Marlou Hundertmark

Marlou Hundertmark ist Grundschullehrerin in einem Brennpunktviertel in Hamburg. An ihrer Schule haben 80 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund – und Hundertmark weiß, dass viele von ihnen in ihrem Schul- und Berufsleben Schwierigkeiten haben werden. 

Deswegen ist es ihr besonders wichtig, den Kindern ein starkes Selbstvertrauen zu vermitteln – dass das nicht immer einfach ist und wie sie selbst an schwierigen Situationen wächst, beschreibt sie in ihrem Text.

“Wenn sich die Schulleistungen meines Sohnes nicht verbessern, muss ich ihn in unser Heimatland zurückschicken.”

Diesen Satz spricht die besorgte Mutter einer meiner Grundschüler aus. Ich habe sie extra in meine Sprechstunde gebeten, weil ihr Sohn seit nunmehr zwei Jahren Schwierigkeiten macht – sowohl in meinem Unterricht als auch zwischen den Stunden:

Er ist frech, laut, stört Mitschüler sowie Lehrer, schreibt schlechte Noten und hält sich nicht an Klassenregeln. Niemals zeigt er Elternbriefe zu Hause, er schlägt schwächere und kleinere Kinder auf dem Schulhof ins Gesicht und beleidigt Lehrer im Unterricht.

Normalerweise stehe ich immer auf der Seite der Kinder. Aber in diesem Fall muss ich der Mutter zustimmen: Ich glaube, die Situation ist aussichtslos, ich vertraue dem Jungen nicht mehr. Vielleicht ist die Lösung, ihn in sein Heimatland zurückzuschicken.

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Dies ist die Geschichte von dem Tag, an dem ich den Glauben in einen meiner Schüler verloren – und schließlich wiedergefunden habe.

Denn ich finde, alle Kinder in Deutschland haben eine Chance verdient. Vor allem diejenigen, die negativ auffallen. Die Probleme haben. Die aus schwierigen Verhältnissen stammen.

Kinder mit Migrationshintergrund haben schlechtere Bildungschancen

Die Familie des Jungen stammt aus Algerien und ist vor einigen Jahren nach Deutschland gekommen. Kinder aus anderen Ländern sind an unserer Grundschule in einem Brennpunktviertel Hamburgs, wo ich als Lehrerin unterrichte, keine Seltenheit: Etwa 80 Prozent der Schüler haben einen Migrationshintergrund

Statistisch gesehen haben diese Kinder eine schlechtere Chance, später ein Gymnasium zu besuchen und einen guten Schulabschluss zu machen: Laut einer PISA-Sonderauswertung aus dem Jahr 2015 haben 43 Prozent der im Ausland geboren Kinder sehr schwache Schulleistungen. Diese Quote ist fast zweieinhalb mal so hoch wie in anderen OECD-Ländern.

Viele dieser Kinder kommen aus der Unterschicht und leben teilweise von Hartz IV.

► Einige von ihnen sind aus Ländern geflüchtet, in denen Krieg herrscht und mussten dementsprechend schon in sehr jungen Jahren traumatische Erfahrungen machen.

► Teilweise haben die Kinder zu Hause nicht die Möglichkeit, in Ruhe zu lernen, weil es dafür einfach nicht den Raum gibt. Auch können die Eltern, die selten fließend Deutsch sprechen, den Kindern oft nicht helfen, zum Beispiel beim Festigen von Grundkenntnissen wie dem Auswendiglernen des ABCs, oder dem gemeinsamen Lesen.

Ich versuche den Kindern beizubringen, dass sie eine eigene Stimme haben

Um an unserer Grundschule auch diese Kinder mit einzubeziehen und fördern zu können, muss ich ihnen eine größere menschliche Offenheit zeigen, als andere Grundschullehrer das vielleicht müssen. Dazu gehört auch, dass ich versuche, den Kindern viel Selbstbestimmungsrecht zu ermöglichen, damit sie wahrnehmen, dass sie eine eigene Stimme haben, die auch gehört werden soll.

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In der Regel klappt das bei uns in der Schule sehr gut. Zum Beispiel halten alle Klassen der Schule parallel zueinander jeden Freitag einen eigenen Klassenrat ab, in dem wir Probleme besprechen: Dann wird eines der Kinder zum Präsidenten gewählt, der die Sitzung abhält; es gibt einen Protokollanten und einen Zeitmelder. Alle Anwesenden, inklusive mir, müssen sich melden, um sprechen zu dürfen.

So lernen die Kinder, dass sie wahr- und ernstgenommen werden, dass sie wichtig sind. Wer aber seine eigene Stimme findet, wird auch hin und wieder aufmüpfig – ähnlich wie der Junge, von dem ich weiter oben berichtet habe.

Und so sehr ich es unterstütze, dass Kinder sich selbst verwirklichen – wenn sie andere über längere Zeit hinweg in ihrer Entwicklung stören und sich selbst nicht verbessern, ist bei mir eine Grenze erreicht.

Alle Kinder waren erschrocken, dass der Junge das Land verlassen sollte

Meine Kollegen waren geschockt über meine Einstellung. Wie könnte ich es zulassen, dass der Junge vielleicht in ein paar Monaten schon Deutschland verlassen muss? Also habe ich beschlossen: Auch, wenn ich dem Jungen eigentlich keine Chance mehr geben möchte – vielleicht tun es die anderen.

In einem Gespräch mit dem Jungen habe ich ihm klar und deutlich gesagt, dass ich ihm nicht mehr vertraue. Schriftlich habe ich mit ihm und seiner Mutter zwei Jahre lang dieselben Lern- und Verhaltensziele ausgearbeitet. Er zeigte keinen merklichen Besserungswillen, es gab keine besonders positiven Ergebnisse.

Absprachen und Unterstützungshilfen von und mit Lehrerinnen waren ihm egal.

Er sollte aber der Klasse von seinem Problem erzählen dürfen. Vielleicht finden die anderen Kinder eine Lösung für ihn, hab ich mir gedacht.

Also haben wir mit allen Klassenkameraden eine Notfallsitzung einberufen – und siehe da: Alle Kinder waren erschrocken, dass der Junge das Land verlassen sollte, wenn er sich nicht bessert. Sie waren auch erschrocken über meine Haltung. Obwohl sie oft selbst von ihm genervt waren, war den Kindern bewusst, dass der Junge zu ihnen gehört – und das Problem nicht gelöst ist, wenn wir ihn einfach in ein anderes Land verfrachten.

Deswegen haben die Kinder viele Lösungsvorschläge gebracht: Ein Kind hat angeboten, seinen Sitzplatz zu tauschen, damit der Junge neben den guten Schülern sitzen kann. Ein anderes Kind hat angeboten, ihn zu ermahnen, wenn er sich in der Pause daneben benimmt. Und so haben wir einen Fahrplan festgelegt: Jeden Tag ist nun ein anderes Kind dafür zuständig, sich um den Jungen zu kümmern und ihn zu unterstützen.

Dabei habe ich gemerkt: Die Kinder haben genau das umgesetzt, was ich ihnen beibringen wollte – nämlich zu zeigen, dass sie wichtig sind. Dass sie eigenverantwortlich handeln können, auch, wenn eine andere Person, in diesem Fall ich selbst, sich gegen sie stellt. Dass sie ihre eigenen Lösungsvorschläge umsetzen können.

Ich bin hier nicht die Retterin – die Kinder haben das allein geschafft

Ich finde es wunderbar, sagen zu können: Ich bin hier nicht die Retterin. Das haben die Kinder allein geschafft.

Und das gibt mir die Hoffnung, dass sie auch andere Hürden in Zukunft meistern werden. Dass sie sich trauen werden, Probleme anzusprechen und Antworten zu finden. Dass sie sich melden werden, wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen. Dass sie dort, wo andere nur eine Mauer sehen, mit Diskussionswillen und konstruktiven Lösungsvorschlägen eine Treppe erkennen.

Die Kinder in meiner Klasse haben verstanden, dass die Gesellschaft ein Puzzle ist und wir jeden Teil mitnehmen müssen – und werden hoffentlich auch in Zukunft für ihr eigenes Recht einstehen, auch mitgenommen zu werden.

Denn die aktuellen Zahlen in Deutschland beweisen nun mal: Die meisten Kinder in meiner Klasse werden es aufgrund ihrer ausländischen Wurzelnund dem schwachen finanziellen Hintergrund später schwieriger haben in der Schule und im Beruf.

Deswegen müssen sie den Mut finden, Verhältnisse zu hinterfragen. Und wir Lehrer wiederum müssen den Mut finden, unseren Vorurteilen nicht zu folgen. Zuzugeben, wenn wir mal nicht richtig liegen. Und ich finde es ganz toll hier in Deutschland, dass mich auch der (Hamburger) Bildungsplan darin ermutigt, diesen Dialog – vor allem mit den Kindern – zu führen.

“Die Grundschule soll für die Kinder ein Ort sein, der von Zuwendung, Geborgenheit in der Gemeinschaft und von Achtsamkeit gegenüber dem anderen bestimmt ist.”

Dieses Zitat stammt aus dem Hamburger Bildungsplan der Grundschule – und fasst meinen Auftrag treffend zusammen. Es ist ein gutes Gefühl, diesen ehrlich zu vermitteln.

Was den Jungen angeht: Wir haben vereinbart, dass er, seine Mutter und ich uns Mitte Dezember noch einmal treffen und schauen, ob die Situation sich verbessert hat. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass – egal, wie es ausgehen wird für den Jungen – die Erfahrung der selbstverständlichen Solidarität und Unterstützung durch seine Klassenkameraden, seine Persönlichkeit berührt und gestärkt hat.

Ich wünsche ihm sehr, dass das in ihm Halt und Selbstvertrauen wachsen lässt.

Der Text basiert auf einem Gespräch zwischen Marlou Hundertmark und Agatha Kremplewski.

HuffPost

Dieser Beitrag ist Teil des HuffPost-Adventskalenders. Hier stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, der uns durch seine besondere Geschichte Mut macht. Alle Beiträge findet ihr hier.

(ujo)