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14/09/2018 13:11 CEST | Aktualisiert 14/09/2018 13:11 CEST

Lehrer: So könnt ihr Schüler für Bücher begeistern

"Lesekompetenz ist und bleibt eine Kernkompetenz."

djedzura via Getty Images
Ohne Lesebegeisterung kann man sich jede Förderung der Lesekompetenz schenken (Symbolbild).

1980, an einer Grundschule: Ein Autor stellt gerade sein Buch in einer zweiten Klasse vor: ”Wie lange hat es wohl gedauert, dieses Buch zu schreiben?“, fragt er. “Bestimmt zwei Stunden!“, ruft Christof in die Klasse.

Viele Schüler nicken zustimmend. Die Lehrerin lacht, und der Autor sieht aus, als wüsste er nicht, ob er lachen oder weinen soll. Dann erzählt er davon, wie sein Buch entstanden ist und liest vor.

Die Schüler freuen sich wie sonst nur, wenn die letzte Stunde ausfällt. Endlich haben sie mal jemanden kennengelernt, der wirklich Bücher schreibt. Viele sind neugierig geworden, auch auf andere Bücher.

Ich gehörte damals übrigens zu den Schülern. Inzwischen bin ich 46 und erinnere mich gern an diesen Schultag zurück. Ich habe keine Ahnung, ob Autorenlesungen “früher” Standard waren. Was ich weiß: Heute sind sie es nicht – jedenfalls nicht an den acht Schulen, an denen ich bisher unterrichtet habe.

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Lesekompetenz ist und bleibt eine Kernkompetenz

Vor allem aus pädagogischer Sicht ist das schlicht dumm. Man muss sich doch nur überlegen, wie toll Hannes Bücher findet, nachdem er für seine Textanalyse die Note “Vier-Minus” erhalten hat.

Und was ist mit Carla, die ein Gedicht berührt hat und dann erfahren muss, dass ihre Interpretation “falsch“ ist? Durch zu viele Analysen und Interpretationen raubt man der Generation Instagram, die auf fetzige, grammatikalisch und orthografisch oft bedenkliche Kurznachrichten in Twitterlänge abfährt, jegliche Lust auf Langtexte.

Und diese Lesemüdigkeit rächt sich in fast allen Fächern.

“Herr Ulbricht, etwa schon wieder ein Text!?“, bekomme ich zum Beispiel regelmäßig zu hören, sobald ich es wage, einem Kurs einen Quellentext mit mehr als 15 Zeilen vorzulegen.

Und dann verstehen viele Schüler nicht mal die Fragen. Das Problem: Lesekompetenz ist und bleibt eine Kernkompetenz. Aber ohne Lesebegeisterung kann man sich jede Förderung der Lesekompetenz schenken.

Genau aus diesem Grund sollten Schulen regelmäßig Autoren einladen.

 

Lehrer und Schüler profitieren von Autorenlesungen

Autorenlesungen sind keine Veranstaltungen, an deren Ende die Schüler benotet werden. Autorenlesungen sind lebendige Begegnungen mit einem lebendigen Menschen und dessen oft lebendiges Werk. Darüber hinaus sind Autorenlesungen klassische Win-Win-Situationen.

Angefangen bei den Schulen, die mit einem originellen Konzept glänzen. Und sollten sie mit lokalen Autoren kooperieren und so lokale Kultur fördern, wäre der Werbeeffekt besonders hoch.

Und die Schüler werden feststellen, dass hinter jedem Buch ein netter, oft witziger Mensch steckt, der intensiv an seinem Text gefeilt hat. Sollte infolge einer solchen Lesung Alex wieder anfangen zu lesen und das Lesen für sich als gar nicht mal so uncooles Hobby entdecken, dann hat nicht nur er etwas davon.

Davon profitieren wiederum die Lehrer, denn die Lesekompetenz des Schülers wird sich Buch für Buch erhöhen. Und für die Lehrer ist die Veranstaltung in der Regel auch spannend.

Autoren, die man gern einladen würde, erreicht man über deren Verlag, an manche kann man sich auch direkt wenden und bei vielen rennt man offene Türen ein. Man sollte allerdings nicht so naiv sein, zu glauben, dass Juli Zeh oder Daniel Kehlmann darauf warten, von einer Schule eingeladen zu werden. Ganz wichtig: Autoren erwarten ein Honorar. Das Schreiben ist ja nicht ihr Ehrenamt, sondern ihr Beruf.

Ich garantiere hiermit, dass ein solches Honorar hervorragender angelegtes Geld ist als die Anschaffung von neuen Tablets, durch die Kinder isoliert lernen und auch im Unterricht auf einen Bildschirm glotzen, anstatt sich mit “echten“ Menschen aus Fleisch und Blut auseinanderzusetzen.

Arne Ulbricht, 46, unterrichtet Teilzeit und ist Autor. Sein neuestes Buch ist soeben erschienen. Allerdings eignet sich der Erzählband “Vatertag!” – in einer Geschichte trifft ein Lehrer ausgerechnet im Bordell auf seine Schüler – eher nicht für eine Schullesung. Mehr Infos unter www.arneulbricht.de

Klak-Verlag

(nc)