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18/01/2018 18:30 CET | Aktualisiert 18/01/2018 18:30 CET

Früher ging ich selbst auf eine Brennpunktschule – heute werde ich Lehrer

Auf dem Schulhof ging es zu wie bei "Scarface".

Norbert Michalke via Getty Images

Ich erinnere mich noch genau an einen Satz des Schulleiters, als ich zum ersten Mal in der Aula der Hauptschule saß. “Für euch wird das eine prägende Zeit”, begrüßte er uns.

Uns, das waren die Kinder aus schwierigen Verhältnissen, die Söhne und Töchter Alleinerziehender, die Kinder aus sozial schwachen Milieus, die mit Migrationshintergrund.

Im Sommer 1998 muss das gewesen sein.

Erst Jahre später, nach meinem Abschluss 2003, habe ich verstanden, dass unser Schulleiter Recht hatte. Was er mit “prägend” meinte.

Es war eine krasse Zeit an dieser Schule. Vieles, was passiert ist, möchte ich nie wieder erleben. Aber ich weiß auch: Ohne diese fünf Jahre hätte ich nicht den Weg eingeschlagen, den ich genommen habe. Bald werde ich vielleicht wieder in dieser Aula sitzen.

Eines wird anders sein. Ich bin nicht mehr Schüler – sondern Lehrer.

Wie im Film “Scarface”

Unsere Schule war damals heruntergekommen. In den Wänden war eine Menge Asbest verbaut worden, die Tafeln ließen sich nicht mehr hoch und runter schieben, die Projektoren funktionierten nicht.

Bei uns gab es Drogen, bei uns gab es Gewalt, bei uns gab es jeden Tag Schlägereien

Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Die Lehrer waren zwar gut ausgebildet. Doch gegen die Problemfälle unter den Schülern konnte sich höchstens jeder Vierte von ihnen zu Wehr setzen.

Am Anfang war das auch für mich ein kleiner Schock. Ich weiß noch, wie ich auf dem Schulhof stand und dachte: “Scheiße, das ist wie in ‘Scarface’.” Bei uns gab es Drogen, bei uns gab es Gewalt, bei uns gab es jeden Tag Schlägereien.

Verbal wurde kaum ein Konflikt gelöst. Wenn geredet wurde, dann wurde höchstens gefragt, wo du den Schlag denn hin haben willst.

Besonders mit Schülern einer benachbarten Sonderschule ging es immer zur Sache. Oft standen die einfach plötzlich mit Baseballschlägern und Stühlen auf unserem Schulhof. Und dann wurde sich ordentlich gemöbelt.

Heute sehe ich, dass wir Potenzial hatten

Ich habe immer gesagt: Das ist ein bisschen wie Bloods gegen Crips, die brutalen Straßengangs von Los Angeles.

Nur tragen wir nicht Blau oder Rot, sondern die Logos unserer Schulen. Das war schon bemerkenswert: Es war egal, ob Junge oder Mädchen, ob stark oder schwach, gut aussehend oder hässlich, beliebt oder unbeliebt.

Wenn du einen von uns angemacht hast, sind wir zusammengerückt.

Weder wir Schüler noch die Lehrer haben damals erkannt, was für ein riesiges Potenzial hinter diesem Verhalten verborgen war. Wir haben uns mit unserer Schule identifiziert und zusammengehalten. Doch niemand hat daran gedacht, das in positive Bahnen zu lenken.

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Wir haben uns auch nie gefragt, woher dieser Konflikt mit den Schülern der Sonderschule eigentlich kam. Wieso wir nicht einfach zusammen Eis essen waren.

“Wenn die das schaffen, schaffe ich es auch”

Vermutlich kannten es die meisten einfach nicht anders. Der große Teil von uns war aus einem sozial schwachen Milieu. Viele hatten zuhause viel Scheiße erlebt. Und keiner wusste etwas mit sich anzufangen.

Auch nach meinem Hauptschulabschluss dachte ich noch: Ich habe eh keine Perspektive. Also habe ich wenig motiviert eine Ausbildung als Handwerker angefangen.

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Doch bald änderte sich alles um mich herum. Zuhause musste ich viel Verantwortung für meine beiden Geschwister übernehmen, die eine geistige Behinderung haben. Und gleichzeitig sah ich, wie sich meine alte Schule zum Besseren wandelte.

Jedes Mal, wenn ich an der Schule vorbeiging, sah ich wie dort alles umgekrempelt wurde. Die Gebäude, die Methoden, der Umgang untereinander: Alles war auf einmal anders. Ich dachte: Wenn die das schaffen, muss ich das in meinem Leben doch auch schaffen.

Bislang galt in meinem Umfeld vor allem ein Motto: Bloß nicht zu viel machen. Jetzt informierte ich mich: Was muss ich tun, um selbst mit Jugendlichen arbeiten zu können.

Ich holte mein Abitur nach, begann ein Lehramtsstudium. Und: Ich wollte ein Praktikum an meiner alten Schule machen. Dieses Potenzial hat wohl immer in mir geschlummert. Und niemand hat daran geglaubt.

Als Lehrer bin ich wie ein CIA-Agent

Zum Glück hat meine alte Deutschlehrerin von meinen Plänen Wind bekommen und mich sofort unterstützt. Sie wusste, dass ich viel näher an den Schülern dran bin als die meisten Lehrer, weil ich ihre Perspektive kenne. Ich könnte für sie ein positives Beispiel sein.

Ich habe von Anfang an gezeigt: Ich bin genauso ein Vollidiot wie ihr. Aber ich habe Verantwortung für mein Handeln übernommen

Während meines Praktikums kam es dann auch ungefähr so. Die Schüler dachten: Der sieht genauso aus wie wir – und der redet auch genauso. Ich habe mich nie verstellt. Ich habe von Anfang an gezeigt: Ich bin genauso ein Vollidiot wie ihr. Aber ich habe Verantwortung für mein Handeln übernommen.

Das war ein Perspektivwechsel, der auch für mich super spannend war. Wenn ich an der Tafel stehe, erkenne ich wie ein CIA-Agent, wenn jemand Mist bauen will. Das ist, als wäre ich allergisch und der Stoff würde plötzlich in meiner Nase kitzeln.

Das ist auch für die Schüler ungewohnt. Die wissen gar nicht, wie sie damit umgehen soll.

Ich kenne Beleidigungen in jeder Sprache, auch das ist etwas, was aus meiner Schulzeit hängengeblieben ist. Sie brauchen es also gar nicht versuchen. Dann sage ich: “Du brauchst mich nicht als Esel beschimpfen.” Und sie denken: “Fuck, der kann Türkisch.”

Ich sage Schülern: Lasst euch nicht stigmatisieren

Vor allem aber ist mein Umgang mit den Jugendlichen ein anderer. Ich dringe definitiv besser durch als andere Kollegen. Das ist nicht herabwürdigend gemeint.

Aber ich sage den Schülern: Lasst euch nicht als Hauptschüler stigmatisieren. Ihr seid nicht perspektivlos. Weil ich selber so war wie ihr.

Ich weiß, dass die meisten Schüler keinerlei intrinsische Motivation haben, zu lernen. Aber ich erkenne ihre Interessen. Auch wenn es noch so kleine Dinge sind, auf die sie Bock haben. Es gilt, diese Dinge herauszukitzeln, die Jugendlichen in die richtigen Spuren zu lenken.

Jungs und Mädchen, die zusammen Blumen pflücken und Schmetterlinge fangen gehen? Die Realität ist eine andere

Genau das ist nämlich das große Problem am Lehramtstudium: Dir wird nicht beigebracht, was es bedeutet, Schüler zu formen. Das Studium bereitet doch nicht auf das echte Leben vor.

Es wird immer nur vom absoluten Idealfall ausgegangen. Jungs und Mädchen, die zusammen Blumen pflücken und Schmetterlinge fangen gehen.

Die Realität ist eine andere. Die wenigsten der Schüler wissen etwas mit ihrem Leben anzufangen. Genau hier muss man ansetzen – und nicht bei didaktischen Lehrmethoden. In dieser Hinsicht sind Lehrer leider fachtheoretische Vollidioten.

Ich versuche meinen kleinen Beitrag dafür zu liefern, genau das zu ändern. Bald auch während des Referendariats – hoffentlich an meiner alten Schule.

Das Gespräch wurde von Lennart Pfahler protokolliert.

(ll)