ELTERN
04/06/2018 18:06 CEST | Aktualisiert 05/06/2018 15:42 CEST

Lehrer: Wie Helikopter-Eltern uns die Arbeit unmöglich machen

Sie überschreiten sämtliche Grenzen.

DPA
"Helikopter-Eltern" müssen klare Grenzen gesetzt werden, wie an dieser Schule in Brandenburg.

“Nein, mein Kind schreibt keine schlechten Noten!” Oder: “Die Straßen sind doch viel zu gefährlich, da fahre ich meine Kleinen lieber selbst in die Schule” – solche Sätze stellen nur einen kleinen Auszug von den Dingen dar, die zum täglichen Sprachjargon sogenannter “Helikopter-Eltern” zählen. 

Hartmut Stäker, Präsident des Brandenburgischen Pädagogenvereins, kennt diese Problematik nur zu gut.

In seiner langjährigen Laufbahn als Lehrer von Schülern unterschiedlicher Altersklassen musste sich Stäker selbst mit überbesorgten Eltern auseinandersetzen.

Im Gespräch mit der HuffPost erklärt er, was wirklich hinter dem Begriff Helikopter-Eltern steckt, warum Eltern sich zunehmend um ihre Kinder sorgen und weshalb das übergriffige Verhalten nicht nur für Pädagogen Konsequenzen hat.

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Kein Gefühl für Grenzen 

Herr Stäker, was bedeutet der Begriff “Helikopter-Eltern”?

Der Begriff Helikopter-Eltern beschreibt Eltern, die sich überverantwortlich für ihre Kinder fühlen. Sich verantwortlich zu fühlen, stellt erstmal kein Problem dar, sondern ist auch gewünscht. Doch in diesem speziellen Fall handelt es sich um Eltern, die übergriffig werden, wenn es nicht nach ihrer Nase läuft.

Wenn beispielsweise in der Schule oder der Kita Dinge anders gehandhabt werden, als sie es wollen, dann versuchen diese Heli-Eltern von außen einzuwirken.

Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Ganz übertrieben dargestellt: Helikopter-Eltern sind Eltern, die fahren mit ihrem Kind zur Schule, parken in der der Feuerwehrzufahrt und lassen das Kind dort aussteigen.

► Doch dort hört es noch nicht auf.

Sie gehen mit ihrem Kind gemeinsam in die Schule, tragen sogar dessen Mappe. Im Klassenzimmer packen dann Mama oder Papa die Sachen aus und warten auf den Lehrer. Der wird dann instruiert, wie sich das Kind heute fühlt, damit im Unterricht auch alles gut laufen kann. Und nach Unterrichtsbeginn warten diese Eltern dann auf dem Parkplatz und beobachten die Schulstunde vom Auto aus.

Das klingt doch ein wenig übertrieben. Spiegelt dieses Beispiel wirklich die Realität wieder?

Als Präsident des Brandenburgischen Pädagogenverbands bin ich sozusagen der “Häuptling” der Pädagogen (lacht). Die Lehrerinnen und Lehrer erzählen mir von solchen Ereignissen. Eine Kollegin hat mir wahrhaftig berichtet, dass ein Elternteil sein Kind jeden Tag bis in den Klassenraum bringt und die Lehrerin morgens über dessen Befindlichkeit unterrichtet. Dieses Begleiten geht teilweise bis in die vierte Klasse.

Dann wären die Kinder bereits zehn oder elf Jahre alt.

Richtig und es bleibt nicht nur innerhalb der Klasse. Nach Unterrichtsbeginn gibt es auch Eltern, die hinter der Tür warten und lauschen, ob alles gut läuft. Mir wurde auch vor einigen Jahren berichtet, dass mehrere Eltern an einer Schule einen Verein gegründet hatten, dessen Aufgabe es war, sich während der Pausenzeit am Schulzaun aufzustellen, um sicherzugehen, dass die Lehrer ihre Aufsichtspflicht einhalten. 

“Pro Klasse zwei bis drei Helikopter-Eltern”

Vor einigen Jahren wurde Ihnen das berichtet? Seit wann gibt es das Phänomen Helikopter-Eltern?

Ich schätze, dass es dieses Phänomen schon immer gab. Es hat sich jedoch verschlimmert. Früher war es so üblich, dass die kleinen Kinder zu Beginn in den Klassenraum gebracht wurden. Später nur noch bis zum Eingang und schließlich nahmen sich die Eltern Stück für Stück zurück. Dieses Zurücknehmen geht jedoch seit geraumer Zeit viel langsamer vor sich und hat bei einigen Eltern ins Extreme umgeschlagen. Auch die Autorität der Lehrer hat in den letzten Jahren so gelitten, dass mehr Eltern verstärkt eingreifen.  

Was meinen Sie damit, dass die Autorität der Lehrer gelitten hat?

Erinnern wir uns an die 60er oder 70er Jahre. Zu dieser Zeit war der Lehrer eine absolute Autoritätsperson. Wenn der etwas gesagt hat, dann galt das auch. Das Schulsystem wurde jedoch weiterentwickelt und hat sich zu einem antiautoritären System hinbewegt.

Am Beispiel Brandenburg kann ich sagen, dass mit der Wende auch die Demokratisierung Mitte der 90er Jahre kam und somit neue Erziehungsmethoden ausprobiert und etabliert wurden. An den Schulen herrscht seitdem ein anderer Stil.

Eltern bekamen mehr und mehr Mitspracherecht. Nur hat sich dies leider auch in eine extreme Richtung bewegt. Dann werden zu oft Kompetenzen des Lehrkörpers angezweifelt. Und diese Übersorge ist eigentlich seit den 2000er Jahren auf einem konstanten Niveau geblieben.  

Bleiben wir bei Zahlen. Von wie vielen Helikopter-Eltern sprechen wir?

Konkrete Zahlen kann ich nicht nennen, weil über dieses Thema keine Statistik geführt wird. Ich kann nur mein subjektives Empfinden und dies meiner Kollegen wiedergeben. Eine Einschätzung eines Kollegens lautete: Pro Klasse hätten etwa zwei bis drei Eltern das Potenzial zu Helikopter-Eltern. 

Können Sie sich erklären, warum Eltern in dieses Extrem überschlagen?

Eltern sorgen sich womöglich mehr und wollen ihre Kinder besser beschützen. Eine Kollegin meinte als Erklärung, dass in Fernsehfilmen oder auch in den Nachrichten immer wieder Themen wie Kindesentführung oder Terror präsent sind. Eltern versuchen, diese Gefahren von ihren Kindern fernzuhalten.

Also, was ist dann demnach legitimer, als das Kind mit dem eigenen Auto bis in die Schule zu fahren? So ist es behütet und geschützt.

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Auch Mobbing ist ein großes Thema und steht immer wieder im Fokus bei den Eltern. Diese suchen dann eine Möglichkeit, ihre Kinder vor Hänseleien zu schützen und gehen einfach selbst gegen die vor, die daran beteiligt sind.  

Chaos-Situationen vor und nach dem Unterricht

Hartmut Stäker
Hartmut Stäker kennt sich gut mit "Helikopter-Eltern" aus. 

Stichwort “bis in die Schule fahren”: Sorgen Helikopter-Eltern nicht auch regelmäßig für Probleme im Straßenverkehr?

Auf jeden Fall. Eltern kommen in Massen mit dem Auto zur Schule und chauffieren ihre Kinder, anstatt auf den Schulbus oder den öffentlichen Verkehr zurückzugreifen. Ich selbst komme aus einem schlecht vernetzten Dorf und kann zumindest verstehen, dass manche Eltern ihren Kindern entgegenkommen möchten. Meine Kinder hatten damals auch eine Anfahrtszeit von 60 bis 70 Minuten. Das ist ja auch wertvolle Zeit, Jugendzeit, die verloren geht. Mit dem Auto könnte man den Kindern etwas Gutes tun, wenn man sie hinbringt und wieder abholt.  

Doch für die Schulen ist das eigentlich nichts Gutes.

Natürlich nicht. Das kann auch gefährlich werden. Wenn vor der Schuleinfahrt fünf bis acht Pkws parken, teilweise bis in die Bushaltestelle hineinreichen und dann gleichzeitig drei bis fünf Schulbusse kommen und versuchen, sich damit zu arrangieren. Dann kommen noch die Kinder hinzu, die in diesem Chaos aussteigen und versuchen, sich durch die Autos durchzuschlängeln.

Die Schulen sind meistens auch nicht mehr die neuesten und haben nicht genügend Parkplätze. Viele Bildungseinrichtungen befinden sich dann noch in der Innenstadt, am besten noch in einer Einbahnstraße, dann wird es teilweise richtig gefährlich. 

Wie weit gehen Eltern, um ihre Schützlinge sicher abzuladen?

Ich habe auch eine Zeit lang an einer Grundschule gearbeitet. An einen Tag kann ich mich gut erinnern, da gab es keinen Parkplatz mehr. Ein Elternteil hat dann gemeint, Feuerwehr zu spielen und ist bis nach vorne, vor den Eingang, durchgefahren (lacht).

Man muss sich das wirklich vorstellen, wie im Supermarkt. Wenn viele Menschen versuchen, ein- und auszuparken und die Stimmung entsprechend getrübt ist. Wer das kennt, kann sich vorstellen, wie es an einer Schule zugeht.

Der Anwalt soll die Noten regeln

DPA/Ralf Hirschberger
Brandenburg: Schulkinder steigen in ein privates Fahrzeug. 

In die Schule fahren, bis in die Klasse gehen – gibt es noch weitere Bereiche, bei denen “Heli-Eltern” übergriffig werden?

Ja, besonders wenn es um den Übertritt von der Grund- in eine weiterführende Schule geht. Um beispielsweise auf das Gymnasium zu kommen, müssen Kinder einen bestimmten Notendurchschnitt vorweisen und brauchen zusätzlich ein Gutachten des Lehrers. In diesem empfiehlt der Pädagoge, dass das Kind für den Bildungsgang Abitur geeignet ist.

Wenn dann diese beiden Voraussetzungen nicht dem entsprechen, was sich die Eltern wünschen, dann kann das durchaus beim Anwalt enden.

Eltern würden bis vor Gericht ziehen, um den Werdegang des Kindes mitzubestimmen? 

Diesen Fall haben wir öfters. Das Verhalten der Eltern wird wirklich teilweise extrem, wenn es um den Werdegang des eigenen Kindes geht. Wenn die weiterführende Schule nicht den Wünschen der Eltern entspricht, werden alle rechtlichen Mittel ausgereizt. Das kann dann bis zu Gericht führen.

Ich sehe das auch bei Zeugnissen. Die Eltern ärgern sich, wenn die Zensuren nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. So geht es vom Lehrergespräch, über das Rektorat bis hin zum Anwalt. Aber Zensuren können nicht eingeklagt werden.    

Wie wirkt sich solch ein Verhalten auf die Kinder aus?

Wenn die Eltern sich anhaltend auf ihr Kind fokussieren, dann sprechen wir von einem überbehüteten Kind. Dieses wird sich im Umkehrschluss keine Sorgen mehr um sich selbst machen. Es wird ja schließlich beschützt.

► Und diese Kinder sind die perfekten Mobbing-Opfer.

Sie werden gehänselt und wissen sich nicht selbst zu helfen. Dann wird die Mama oder der Papa eingeschaltet, weil die oder der sich dann für das Kind wehrt. Für Helikopter-Kinder wird es im späteren Leben wohl schwer, sich durchsetzen zu können. 

Welche Lösungsansätze gibt es von Schulen und Lehrern?

Die einfachste Variante wäre, vier bis sechs Wochen nach Schulbeginn bei der Elternversammlung auf die Probleme, wie das Parken, aufmerksam zu machen und die Eltern darum zu bitten, die Situation zu entschärfen. Das hilft normalerweise.

Oder ein weiteres Beispiel einer einfachen, aber sehr effektiven Methode, welche ich an der Grundschule meiner Enkelkinder gesehen habe: Dort hängt an der Eingangstür ein DIN-A4-Zettel auf dem steht “Ab hier kann ich alleine gehen”. Das respektieren die meisten Eltern auch. 

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Wie sollte mit hartnäckigen Fällen umgegangen werden?

Helfen die leichteren Maßnahmen nicht, dann muss mit den Eltern individuell gearbeitet werden. Das heißt, der Schulpsychologe wird konsultiert und Schritt für Schritt werden diese überbesorgten Eltern “umerzogen”.

► Ziel ist es, dass diese Mutter oder dieser Vater ihren Fokus ausweiten und nicht nur auf ihr eigenes Kind legen.

Man involviert sie beispielsweise in die Schularbeit und lenkt ihre Fürsorge auf alle Kinder. Das kann richtig gut laufen, weil man dann ein Elternteil hat, das Anteil am Schulgeschehen nimmt. Das ist für die Schulen meistens super, weil diese Eltern bei Klassenfahrten mitmachen, Schulfeiern organisieren oder sogar auf Probleme aufmerksam machen, die man selber vielleicht nicht erkannt hätte.

Was würden Sie den Eltern raten, denen es schwer fällt, ihr Kind langsam loszulassen? 

Liebe Eltern, ihr solltet nicht nur die Gefahren sehen, die den Kindern im Laufe des Schulalltags passieren können. Vielmehr solltet ihr die Entwicklungsmöglichkeiten eurer Kinder sehen.

Es gibt Probleme, die die Kinder alleine meistern können und ihr könnt wiederum altersgerechte Hinweise liefern und Unterstützung bieten. Es ist wichtig, dass die Kinder lernen, ihren Schulweg alleine zu gehen und wenn es einen Bus gibt, diesen auch zu benutzen. Wer nur Autofahren gewohnt ist, wird sich später schwer tun.

Denn, ihr könnt euch das sicher vorstellen, die Kinder werden irgendwann als Erwachsene auch mal einen Bus nehmen müssen.

(ks)