POLITIK
13/09/2018 16:45 CEST | Aktualisiert 13/09/2018 17:45 CEST

10 Jahre Finanzkrise: Was sie die Deutschen kostet – und wo der nächste Crash droht

Auf den Punkt.

ullstein bild via Getty Images
Auf und Ab der DAX-Kurve am Handelsplatz der Frankfurter Börse.

Auch knapp zehn Jahre nach der Lehman-Pleite sind die Folgen der Finanzkrise nicht ausgestanden. Noch immer zahlen die deutschen Steuerzahler die staatliche Rettung der Banken vor einem Jahrzehnt ab. 

Damals war die Pleite der US-Bank Lehman Brothers am 15. September 2008 der Brandbeschleuniger der globalen Finanzkrise. Experten befürchten: Schon bald könnte es wieder zu einem Crash kommen.

Was die Finanzkrise uns noch immer kostet und wie stabil unsere Finanzmärkte heute wirklich dastehen – auf den Punkt gebracht.

Was die Bankenkrise für den Steuerzahler bedeutet:

Auch zehn Jahre nach der Finanzkrise fließen noch immer öffentliche Gelder in die Rettung deutscher Banken.

Wie hoch die Steuerzahler bisher belastet wurden und wie hoch das Gesamtaufkommen sein könnte – das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen hervor, die der “Süddeutschen Zeitung” vorliegt.

► Aus der Anfrage ist ersichtlich, dass die Bankenrettung bis 2017 bereits 59 Milliarden Euro gekostet hat. Die öffentlichen Gelder beinhalten demnach Garantien, Kredite und Kapitalspritzen.

► Laut der “Süddeutschen Zeitung” ergibt sich aus der Antwort der Bundesregierung jedoch, dass sich die Gesamtkosten der Finanzkrise auf mehr als 68 Milliarden Euro belaufen könnten.

Auf Anfrage der HuffPost bezeichnete Dorothea Schäfer, Forschungsdirektorin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), diese Einschätzung als realistisch: 

“Bei der Commerzbank gibt es noch ein Aktienpaket. Wenn das vor Veräusserung noch wesentlich an Wert gewinnt, verbessert das die Endabrechnung. Wenn der Kurs noch weiter absackt, können die Kosten auch noch weiter steigen.”

► Grundsätzlich hänge die endgültige Abrechnung aber davon ab, was der Verkauf der Portfolios der Bad Banks von WestLB und Hypo-RealEstate noch einbringen werde, sagte die Finanzexpertin.

Sollte der Verkaufserlös gut ausfallen, könne das die endgültigen Kosten der Finanzkrise reduzieren.

Nach der aktuellen Rechnung würde jeder Privathaushalt in Deutschland laut Schäfer am Ende mit “gut 1500 Euro” für die Krise aufkommen. Sie betonte, dass es sich dabei aber um eine vorläufige Rechnung handle.

Weitere Folgen für die deutschen Steuerzahler:

Der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick zog eine “verheerende” Bilanz zur Bankenrettung. Erstmals werde sichtbar, wie stark die Bürger belastet worden seien, sagte Schick der “Süddeutschen Zeitung”.

Laut seiner Rechnung müsse eine “vierköpfige Familie mehr als 3000 Euro für die Pleitebanken” bezahlen.

Abgesehen von Steuergeldern die in die Banken-Rettung geflossen sind, gebe es noch indirekte Kosten. Gerhard Schick zählte Folgendes auf:

► Es habe in der Folge der Bankenkrise zahlreiche Entlassungen gegeben.

► Auch die von der Bundesregierung beschlossenen Konjunkturpakete zur Stabilisierung der Wirtschaft wurden aus öffentlicher Hand finanziert.

► Außerdem sei dem Banken-Crash die Eurokrise gefolgt, die wiederum den Streit in Europa nach sich gezogen habe.

Ein weiterer Malus: Der Nullzins. Im März 2016 hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins in der Eurozone gesenkt. Dadurch erhielten die Sparer für Bankeinlagen oder Anleihen nahezu keine Zinsen mehr.

► Viele Menschen hätten dadurch auch Probleme mit der Altersvorsorge, sagte Schick. Auch die steigende Mieten seien eine direkte Folge der Bankenkrise.

Das haben wir aus der Krise gelernt:

Seit der Finanzkrise wurden einige Maßnahmen getroffen, um einen erneuten Crash der Finanzmärkte zu verhindern:

► So wurden Rettungsfonds, wie der deutsche Finanzmarktstabilisierungsfonds (FMS) eingerichtet, der bis 2015 illiquide Banken stützte. Der Europäischer Stabilitätsmechanismus (ESM) besteht hingegen dauerhaft.

► Eine 2018 in Kraft getretene Regulierung sieht vor, dass Banken soviel Liquidität bereithalten müssen, dass sie 30 Tage überleben könnten, wenn Kunden ihre Konten plündern würden.

Steht eine Bank vor der Pleite greift der sogenannte Abwicklungsfonds, in den die Banken selbst einzahlen müssen.

► Die Bankenaufsicht kontrolliert zudem verstärkt, dass derartige Regeln auch umgesetzt werden.

Doch reichen diese Maßnahmen, um einer erneuten Krise vorzubeugen?

Darum könnte es eine neue Finanzkrise geben: 

In einem Gastbeitrag im “Handelsblatt” sprach der Linken-Politiker Fabio De Masi von einem “Jo-Jo-Effekt der Finanzkrise”, den er in fünf Punkten umreißt:

1. “Die milliardenschweren Rettungspakete für Banken und die Billionen an billigem Geld der Zentralbanken, haben zwar die Finanzmärkte beruhigt, aber bei Kürzung von öffentlichen Investitionen, Löhnen und Renten die Ungleichheit verschärft.”

Das “billige Geld” lande laut De Masi im Dax, bei Immobilien und Aktien statt in der realen Wirtschaft. So würden neue Finanzblasen entstehen. 

2. De Masi bemängelt Ungleichmäßigkeiten: “Deutschland – die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde – lebt weiter von der Nachfrage und Verschuldung des Auslands.”

Laut dem Politker wären selektive Kontrollen und eine Stützung der Wechselkurse durch die Zentralbanken notwendig, um eine neue Währungskrise zu verhindern. 

3. Megabanken, die zu groß und zu vernetzt zum Scheitern seien, betrachtet De Masi als Kernproblem. Als Beispiel nennt er die Deutsche Bank, die immer noch fast so groß wie die Wirtschaftskraft Italiens sei.

Laut Internationalen Währungsfonds sei sie die gefährlichste Bank der Welt.

4. Die Banken sind nicht gesund: Das Eigenkapital der Banken sei zu gering, glaubt De Masi. Vor allem in Südeuropa wären gut 700 Milliarden Euro an faulen Krediten gelagert. Die Banken könnten aber aus faulen Krediten heraus nicht wachsen.

5. Außerdem seien die Finanzmärkte nicht gebremst worden. Noch immer gebe es den “Hochfrequenzhandel, bei dem automatisiert Wertpapiere gekauft und in kürzester Zeit mit Gewinn weiterverkauft” würden.

Steht uns also wirklich eine neue Krise bevor?

Das sagt eine Finanzexperten zur Möglichkeit einer neuen Krise: 

Auch Dorothea Schäfer (DIW) bemängelte auf Nachfrage der HuffPost die Umsetzung der Schutzmaßnahmen nach der vergangenen Finanzkrise und nahm die Politik in die Pflicht.

Nach wie vor hätten die Banken zu wenig Eigenkapital – und das liege auch am fehlenden politischen Willen:

“Politik und Aufsicht erlauben es weiterhin, dass die Großbanken ihre chronische Kapitalarmut durch Erfolgsmeldungen über üppig klingende, weil risikogewichtete Eigenkapitalquoten verschleiern.”

► Von den Großbanken gehe laut Schäfer die größte Stabilitätsgefahr aus. Weil sie weiterhin zu groß seien, um sie abwickeln zu können, bleibe die  Gemeinschaft der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler “unfreiwilliger Garantiegeber für das Finanzsystem”

Darüberhinaus kritisierte die Expertin, dass einige Maßnahmen, die einst nach der Krise ins Gespräch gebracht wurden, gar nicht umgesetzt wurden.

► Eine EU-Trennbankenverordnung wäre hilfreich gewesen, um für eine Aufspaltung der riesigen Megabanken zu sorgen – diese Idee sei aber nie über das Vorschlagsstadium hinausgekommen.

► Auch auf das Fehlen einer Finanztransaktionssteuer machte Schäfer aufmerksam. Dies zeige, dass nicht mal versucht werde, die Finanzmarktspekulation durch eine Gewinn-Besteuerung einzudämmen.

Auch zu den Anzeichen einer möglichen Krise nahm die Finanzexpertin Stellung. “Der Finanzsektor ist grundsätzlich fragil”, so Schäfer. Latent sei man nach wie vor im “Krisenmodus” und “müsse wachsam sein”.

“Die größte Gefahr in naher Zukunft geht von einem unterschätzten und ungeregelten Brexit aus.” 

► Eine akute Krise des internationalen Finanzsektors sehe sie zwar nicht, in Hinblick auf den Brexit müsse man aber auch in Deutschland aufmerksam sein.

“Würde es zu Brexitverwerfungen kommen, wären wir unmittelbar betroffen. Hier kommt es besonders auf die Wachsamkeit der Aufsicht und der Zentralbanken an.”

Auf die Frage der HuffPost, wie sie das Werben von Bundesfinanzminister Olaf Scholz für deutsche Großbanken beurteilt, sagte Schäfer: “Die Politik sollte im  Interesse aller weiterhin auf Distanz zum Finanzsektor bleiben und mit einer gehörigen Skepsis auf die Anliegen von Großbanken reagieren.”

Auf den Punkt gebracht:

Noch heute kommen deutsche Steuerzahler als unfreiwillige Garantiegeber für das Finanzsystem auf.

Nach aktuellen Schätzungen der Bundesregierung wird die Finanzkrise Deutschland 68 Milliarden Euro kosten – das wären für jeden Haushalt in der Republik rund 1500 Euro.

Laut Finanzexperten wurde seit der Lehman-Pleite 2008 zudem zu wenig getan, um die Finanzmärkte zu regulieren.

Der Finanzmarktsektor ist fragil, eine neue Krise nicht unwahrscheinlich. 

Klar ist, der deutschen Wirtschaft scheint es derzeit blendet zu gehen. Doch Experten warnen: Schon der Brexit im kommenden Jahr könnte das ändern. 

(jg)