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16/04/2018 18:33 CEST | Aktualisiert 18/04/2018 14:34 CEST

Wie Leer den Aufstieg von der "Arbeitslosenstadt" zur Boom-Region geschafft hat

"Wir haben die Gunst der Stunde erkannt."

Stadt Leer
Die Hafenpromenade von Leer.

Als Wolfgang Kellner früher durch die Straßen Leers ging, roch es noch anders. Der Geruch von Schweröl, Holz und Tabakrauch in der Luft stand damals in den 1980er Jahren für etwas Gutes.

Die Industrie blühte in der ostfriesischen Ortschaft nahe der niederländischen Grenze und in den Werften schwitzten die Arbeiter.

Dann kam die Krise und der spätere Bürgermeister Kellner beobachtete den wirtschaftlichen Niedergang seines Heimatorts.

Die Unternehmen zogen weg, bis schließlich auch die letzte Werft schloss. Die Arbeiter verloren ihre Jobs und in den Schlagzeilen wurde aus Leer das Armenhaus der Bundesrepublik. 1987 lag die Arbeitslosenquote in den Wintermonaten bei 30 Prozent, ein Rekordwert im gesamten Land damals.

Der Geruch der Betriebsamkeit aus Öl und Tabak in Leer war verflogen.

Doch Leer schaffte den Wandel. Zu Beginn der 1990er Jahren sanken die Arbeitslosenzahlen innerhalb weniger Jahre, heute liegt die Quote bei rund sechs Prozent und damit leicht über Bundesdurchschnitt.

Während Deutschland zur Jahrtausendwende noch als der “kranke Mann Europas” verschrien war, boomte in Leer die Wirtschaft. Und sie tut es noch immer. 

Am Hafen riecht es nun nicht nach Öl oder Tabak. Dort schlendern Touristen durch die Altstadt aus alten Giebelhäusern, trinken Tee oder kaufen in den Geschäften ein.

Geschafft hat Leer die Wende mit einem ganzen Bündel an Maßnahmen. Ab 1991 als Stadtkämmerer und von 2001 bis 2014 als Bürgermeister war der heute 69-jährige Wolfgang Kellner maßgeblich an wirtschaftlichen Aufschwung 

Haben er und seine Kollegen in Leer die Formel entdeckt, wie sich eine wirtschaftlich abgehängte Region wieder ein einen attraktiven Standort verwandeln lässt?

“Das war eine prekäre Situation”

“In den 90er-Jahren war Leer und die gesamte Region abgehängt von der wirtschaftlichen Entwicklung”, sagt Kellner und fasst die Ausgangslage mit ostfriesischer Beiläufigkeit mit fünf knappen Wörtern zusammen: “Das war eine prekäre Situation.”

Bei einer Tagung mit Kollegen aus anderen Gemeinden sei dann eine der Ideen entstanden, die Leer wirtschaftlich wieder erfolgreich machen sollte.

“Da haben wir erfahren, dass in anderen Gemeinden schon Steuervergünstigungen für Reedereien praktiziert wurden”, erinnert sich Kellner. Viele Reederei-Betriebe hätten sich daher an der Elbe oder der Weser niedergelassen – und nicht in Leer.

Rechte: Wolfgang Kellner Urheberin: Mechthild Tammena

Kellner erarbeitete dann eine Richtlinie, die Neu-Reeder für die Unternehmensgründung eine geringere Gewerbesteuer versprach. In Leer gab es schon damals eine Seefahrtsschule, Kellner kannte so die frisch ausgebildeten Kapitäne und wollte sie in der Stadt halten.

Die Senkung der Gewerbesteuer war eine ungewöhnliche Idee für einen Sozialdemokraten wie Kellner. 

Der Stadtrat nahm den Vorschlag damals dennoch einstimmig an und das Vorhaben ging auf. Neue Unternehmen siedelten sich an, heute ist Leer mit 35.000 Einwohnern der zweitgrößte Reederei-Standort Deutschlands – nach Hamburg.

“Wie eine Spinne im Netz”

“Wir haben die Gunst der Stunde erkannt”, sagt Kellner dazu. Zum einen sei die maritime Wirtschaft vor einem Aufschwung gestanden, damals zu Beginn der 90er-Jahre. Die Globalisierung sorgte dafür, dass die Logistik-Branche boomte.

Durch die neue Dynamik war es auch egal, dass Leer am Rand der Bundesrepublik lag. Die Distanzen wurden mit dem Internet immer kürzer.

Hinzu kam aber auch, glaubt Kellner, dass die Distanzen in Leer selbst kurz waren. Er habe alle möglichen Investoren und interessierten Gründer in der Stadt persönlich gekannt. “Es ist ein Standortvorteil, wenn man eine kleinere Stadt ist. Jeder kennt jeden”, sagt der 69-Jährige heute dazu.

Leer hatte allerdings noch einen dritten Vorteil: Die Verkehrsanbindungen über die Autobahn oder die Bahn sind günstig gelegen. “Leer liegt wie die Spinne im Netz”, sagt Kellner.

Sein Rezept für den Aufschwung lautet daher: Die Stärken der eigenen Stadt entwickeln, Kontakt zu den wichtigsten “Playern” aufnehmen und die wirtschaftlichen Trends in der Region erkennen und für sich nutzen.

“Wir haben große, teure Gutachten anfertigen lassen, welche Art von Industrie angesiedelt werden sollte”, erzählt Kellner über die Phase vor dem Aufschwung. “Die haben wir aber schnell nicht mehr beachtet, das ist manchmal einfach zu akademisch.” Man müsse die Möglichkeiten vor Ort erkennen. “Da ist man als Bürgermeister der beste Experte.”

“Es gab nie offensichtliche Armut”

Reicht das schon aus als Anleitung für anderen Kommunen, um die Erfolgsgeschichte von Leer zu wiederholen?  

Wahrscheinlich nicht. Es gibt noch einen weiteren Faktor, der maßgeblich für den Boom sein sollte, der nach wenigen Jahren in Leer einsetzte: die Menschen der Stadt selbst.

Der “Spiegel” schickte 1987 einen Reporter nach Leer, um die “Arbeitslosenstadt” zu porträtieren. Doch statt Elend fand der “Spiegel” ein “ausgelassenes Stadtfest” vor.

Auch wenn die Menschen arm waren, sie ließen es sich offenbar nicht ansehen.

Stadt Leer
Der Hafen von Leer.

“Es gab nie offensichtliche Armut, in dem Sinne waren wir nie ein klassisches Armenhaus”, sagt der stellvertretender Bürgermeister Heinz Hauschild heute. 2014 übernahm die CDU vom mittlerweile parteilosen Wolfgang Kellner das Rathaus. “Wir hatten allerdings Zeiten mit hoher Arbeitslosigkeit, wo die Menschen nicht viel Geld hatten. Aber die Ostfriesen fühlen sich der Region sehr verbunden. Viele Bewohner sind daher nicht der Arbeit hinterhergezogen, sondern blieben.

Als sich dann die Neu-Unternehmer ansiedelten, mussten sie nicht nach Fachkräften suchen.

Die waren immer noch hier.

Dann kam Glück hinzu

Die Maßnahmen der Stadt entwickelten dann ein Eigenleben. “Wenn sie etwas haben, das funktioniert, dann kommt häufig noch mehr hinzu”, sagt Hauschild. Mit den Reedern kamen Wirtschaftsfachleute und IT-Kräfte.  

Mittlerweile gibt es etwa in Leer mit Orgadata ein international erfolgreiches Software-Unternehmen mit mehr als 300 Mitarbeitern und einem jährlichen Umsatz von 18 Millionen Euro. Dazu kommen mehrere Zulieferbetriebe für das ostfriesische Unternehmen Enercon, den größten deutschen Hersteller für Windkraftanlagen. 

Ein Patentrezept für den Erfolg gebe es aber nicht, sagt Hauschild. “Ein ganz großer Schlüssel war, dass viele günstige Umstände zusammenfielen”, sagt er. “Wir hatten Menschen hier, die der Region verbunden waren, aber Ideen hatten, die weiter über die Region hinausgehen. Das Glück ist eben mit den Tüchtigen.”

Die ostfriesische Work-Life-Balance

Und tüchtig waren sie in Leer. Das Rathaus förderte und fördert nicht nur die Wirtschaft. Auch die Stadt sollte weiterentwickelt werden.

Leer ließ die Altstadt sanieren und den Hafen in die Mitte der Stadt verlegen. Rundherum entstand eine Hafen-Promenade, die jetzt am Samstagabend in der ZDF-Krimireihe “Friesland” zu sehen ist.

“Heute würde man sagen: Das Gleichgewicht von Arbeit und Wohnqualität, die sogenannte Work-Life-Balance, war uns schon immer wichtig”, sagt Hauschild. Leer sollte nicht nur eine Stadt zum Arbeiten, sondern auch eine Stadt zum Leben werden. Dazu habe die Stadt auch versucht, die Fördermittel des Landes Niedersachsen möglichst auszuschöpfen.

Mittlerweile kämen zwei Millionen Tagestouristen jährlich nach Leer, sagt Hauschild. Zum Vergleich: Nach Bremerhaven mit drei Mal mehr Einwohnern kommen jährlich 1,8 Millionen Tagesgäste.

Der Tourismus kurbelt auch die Wirtschaft vor Ort in Leer an. Vor Jahrzehnten habe es ein Hotel in der Stadt gegeben, mittlerweile sind es zehn, sagt Hauschild.

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Pragmatismus vor Parteibuch

Auch für die Bewohner hat sich die Stadtentwicklung so ausgezahlt.

“Als ich vor 40 Jahre hierher kam, sah es ja ganz anders aus”, sagt Johannes Dröge. Er ist Inhaber eines Sportgeschäfts in der Altstadt von Leer. Ein rastloser Mensch, der viel über Leer zu erzählen hat.

Damals, als er nach Leer zog, seien viele Geschäfte in der Altstadt leer gestanden, doch die Stadtverwaltung sanierte den Bereich. Als Vorsitzender der Werbegemeinschaft habe Dröge auch oft mit Bürgermeister Kellner gesprochen.

Dröge glaubt, dass Kellner auch daher Erfolg hatte, weil er kein typischer Parteipolitiker. Kellner startete mit einem Parteibuch bei der SPD in die Politik, später trat er aus, als die SPD einen anderen Kandidaten bei der Bürgermeisterwahl auf die Liste setzte. Kellner war ein Pragmatiker war – mit vielen auch unpopulären Ideen, wie Dröge erzählt.

Leonhard Landes
Die Altstadt von Leer.

Kellner habe die Verwaltung modernisieren und dazu auch die Gemeindesatzung ändern wollen, erzählt Dröge. “Da haben sich die gewehrt, die nur auf ihrem Stuhl sitzen wollten.” Das Vorhaben scheiterte – aber es macht deutlich, welchen Plan der Bürgermeister während seiner Zeit im Rathaus verfolgte. Er wollte weiterentwickeln, nicht nur verwalten.

Leer, das Paradies für Unternehmer?

“Ich weiß, wie Diskussionen ablaufen”, sagt Kellner selbst dazu. “Aber irgendwann muss es ein Ergebnis geben.” Während seiner Ausbildung zum Betriebswirt habe er gelernt, “entscheidungsorientiert zu denken”. Davon hat er sich offenbar nie abbringen lassen.

Sorgen gibt es natürlich immer noch viele in Leer. Es fehlt an Erziehern und den Unternehmen mangelt es an Fachkräften, erzählt der stellvertretende Bürgermeister Hauschild. Hinzu komme, dass der Wohnraum teuer wird und notwendige Investitionen für Straßen und Gebäude überfällig wären.

Zufrieden sind daher auch nicht alle in Leer mit der CDU im Rathaus. “Viel hat sich geändert aber nicht zum Guten”, sagt eine Geschäftsinhaberin aus der Altstadt, die ihren Namen nicht in diesem Bericht lesen will. Gebäude würden leer stehen, zu viele Geschäfte derselben Art hätten sich angesiedelt.

Ex-Bürgermeister Kellner aber ist stolz auf Leer. Die Stadt nennt er ein “Paradies für Unternehmen und Investoren”.

“Es gibt allerdings keine Stadt, die ideal ist”, betont er. “Manche sagen, Singapur sei es. Aber da war ich noch nie.”