GOOD
02/08/2018 15:07 CEST | Aktualisiert 10/08/2018 22:16 CEST

Diese Menschen essen, was andere wegwerfen – wir haben mit ihnen gekocht

“Jedes Mal, wenn ich eine Mülltonne aufgemacht habe, konnte ich nicht fassen, wie viele gute Lebensmittel darin waren.”

Mehtap von Stietencron
Zu gut für die Tonne: Aus den "Abfällen" der Supermärkte lässt sich ganz leicht etwas leckeres zubereiten.

Als ich mich an der Lebensmittelausgabe melde und nach “Schnibbelware” frage, habe ich zunächst Bedenken. 

Wenn ich an Lebensmittelabfälle denke, sehe ich verwurmte Äpfel, schimmlige Tomaten oder zusammengerottete Pilze vor meinem inneren Auge – keine sehr appetitliche Vorstellung. Und das soll ich jetzt zubereiten und essen, oder wie?

Stattdessen reicht mir eine junge Frau in einem geblümten Kleid zwei frisch gewaschene Blumenkohlköpfe.

“Die sehen ja noch vollkommen okay aus!”, sage ich und starre ungläubig auf das Gemüse. “Wir haben im Voraus ein paar braune Stellen weggeschnitten, aber ja, die sind definitiv noch essbar”, sagt das Mädchen. 

Und trotzdem wären sie eigentlich im Müll gelandet. 

Wenn ich an Lebensmittelabfälle denke, sehe ich verwurmte Äpfel, schimmlige Tomaten oder zusammengerottete Pilze vor meinem inneren Auge – keine sehr appetitliche Vorstellung.

Viele ekeln sich vermutlich vor dem Gedanken, Lebensmittel zu verspeisen, die nicht mehr ganz frisch sind. Bei mir war es jedenfalls immer so. Bis ich auf eine sogenannte “Schnibbelparty” der Aktivistengruppe “Rehab republic” gegangen bin.

“Rehab republic” ist ein Kollektiv aus jungen Menschen, die sich für Umweltschutz und nachhaltiges Leben einsetzen. Für ihre Schnibbelpartys sammeln sie Lebensmittelabfälle aus Supermärkten und kochen daraus ein Drei-Gänge-Menü für Dutzende von Leuten. An diesem Dienstagabend bin ich eine davon.

Essen, das andere weggeworfen haben

Was das Essen angeht, war ich schon immer etwas kompliziert. Unter anderem mag ich keine Paprika, keine Zwiebeln und auch nicht besonders viel Obst.

Und selbst die Lebensmittel, die ich für mein Leben gerne esse, werden bei mir schnell aussortiert, wenn sie nach meinem Empfinden irgendwelche Makel aufweisen. Braun angelaufene Bananen? Werfe ich in den Mülleimer. 

Ähnlich wie mir geht es wohl vielen Menschen in Deutschland. Denn jeden Tag landen kiloweise Lebensmittel in deutschen Mülltonnen, die eigentlich noch verwendbar wären. Und etliche mehr, die zwar verdorben sind, aber nicht hätten verderben müssen.

► Insgesamt 11 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jedes Jahr in Deutschland in der Tonne. Bei “Rehab republic” kommen sie auf den Teller. 

Um die 80 Leute haben sich am Abend auf den Bierbänken im Innenhof der Glockenbachwerkstatt versammelt, einem Kulturverein im Herzen der Münchner Innenstadt. 

Jeder hier ist mit einem Schneidebrett und einem scharfen Messer ausgerüstet. Und jeder schnibbelt, was das Zeug hält: Brokkoli, Tomaten, Ingwerknollen, Petersilie, Äpfel, Zwetschgen, Erdbeeren, Avocado – insgesamt 50 Kisten voller Lebensmittel hat das Team von “Rehab republic” für die ungewöhnliche Kochaktion aus zwei Münchner Supermärkten herangeschafft.

Mehr zum Thema:  Wie die Umwelt unter dem weltweiten Avocado-Boom leidet

Supermärkte haben klare Vorgaben, erzählt mir ein Mitglied von “Rehab republic”. Mangelware, egal wie klein der Mangel auch sein mag, wird am Ende des Tages aussortiert. Sie gilt als nicht mehr vermarktbar. “Zudem kommt am nächsten Tag eine neue Lieferung Lebensmittel und die brauchen Platz.” 

Mehtap von Stietencron
Der Großteil aller in Deutschland produzierten Essensabfälle ist vermeidbar.

Ich blicke mich im Innenhof um: Junge, Alte, Pärchen, Freunde, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Die Gruppe, die hier zusammengekommen ist, ist sehr divers. Manche sind mit Freunden gekommen, aber im Großen und Ganzen ist man sich fremd – allerdings bleibt das nicht lange so.

An einer Bierbank im Eingangsbereich nehme ich Platz. Neben mir sitzt Annabel, gebürtige Münchnerin und Heilpraktikerin von Beruf. Sie hat über einen Flyer von der Veranstaltung erfahren und fand die Idee mit Fremden gemeinsam zu kochen, sehr spannend.

Uns gegenüber sitzen Hebamme Feli und ihre Kolleginnen. Auch sie sind mehr wegen der Geselligkeit gekommen und weniger wegen der politischen Botschaft des Abends.

Nach zwei Stunden Schnibbeln ist ein Festmahl zusammengekommen

Und das ist auch gut so, denn wenn nur diejenigen zu den Schnibbelpartys kommen, die sich ohnehin schon mit dem Thema “Food Waste” beschäftigt haben, könne die Veranstaltung kein Umdenken herbeiführen. Aber genau das sei dringend nötig, sagen mir die die Veranstalter von “Rehab republic” im Gespräch.

“Wir schmeißen diese Partys vor allem, weil es Spaß macht. Aber sie sind auch eine gute Möglichkeit, um das Thema Lebensmittelverschwendung greifbar zu machen”, sagt Nina Liebhaber, als wir am nächsten Tag telefonieren.

Die 26-Jährige koordiniert seit diesem Jahr die “Schnibbelpartys” für “Rehab republic”. Sechs finden über das Jahr verteilt in München statt.  

Nach zwei Stunden koordiniertem Schnibbeln ist ein richtiges Festmahl zusammengekommen: die kleingehackten Lebensmittel werden von den Veranstaltern zu Gemüse-Eintopf, Brokkoli-Gratin und Semmelknödeln verarbeitet. Es schmeckt fantastisch! 

Als Vorspeise gibt es verschiedene Salate, zum Dessert gibt es Obstsalat und Joghurt, der das Haltbarkeitsdatum überschritten hat.

Es ist so viel Essen da, dass wir alle einen Nachschlag bekommen. Dass wir alle etwas davon einpacken können.

Und selbst dann sind noch nicht alle Lebensmittel aufgebraucht, die das Team von “Rehab republic” aus den Supermärkten abgeholt hat.

Alles, was jetzt noch übrig ist, wird unter den Schnibblern verteilt. “Mein Gemüseeinkauf für diese Woche hat sich damit erübrigt”, sagt meine Tischnachbarin Feli.

“Ich bin immer wieder krass beeindruckt von dieser unglaublichen Menge”, sagt Organisatorin Liebhaber.

Zum ersten Mal sei sie mit dem Thema Lebensmittelverschwendung in Berlin in Berührung gekommen. “Ich habe zwei Jahre lang vom Containern gelebt”, erzählt die junge Frau. Containern bedeutet, sich von Lebensmitteln aus Mülltonnen zu ernähren.

“Jedes Mal, wenn ich eine Mülltonne aufgemacht habe, konnte ich nicht fassen, wie viele gute Lebensmittel darin waren. Man kann sich kaum vorstellen, welche Unmengen von essbaren Lebensmitteln jeden Tag weltweit vergeudet werden.”

Solche Mengen jedenfalls, dass kein Mensch auf diesem Planeten jemals Hunger leiden müsste. “Wir müssten nur lernen, die Lebensmittel, die wir produzieren, auch gerecht zu verteilen”, bemerkt Liebhaber.

“Jedes Mal, wenn ich eine Mülltonne aufgemacht habe, konnte ich nicht fassen, wie viele gute Lebensmittel darin waren.”
Anna Rinderspacher
Rund 80 Leute kamen zur "Schnibbelparty" in der Münchner Glockenbachwerkstatt.

Lebensmittelverschwendung zerstört unseren Planeten 

Doch nicht nur ethisch gesehen ist die massenhafte Lebensmittelvergeudung eine Katastrophe.

► Wenn wir Essen wegwerfen, schaden wir damit auch unserer Umwelt.

Mit jedem Apfel, den wir wegwerfen, vergeuden wir auch das Wasser, das in seinen Anbau geflossen ist”, klärt mich Liebhaber am Telefon auf. Eine kurze Recherche ergibt: das sind durchschnittlich 70 Liter Wasser.

Mehr zum Thema: Ich unterstütze weltweit Menschen im Kampf gegen den Plastikmüll – von Deutschland bin ich sehr enttäuscht

Besonders verwerflich ist nach dieser Rechnung das Wegwerfen von Milch- und Fleischerzeugnissen. Denn die Tiere aus denen diese gewonnen werden, müssen Wasser trinken und die Produktion erfordert ebenfalls Flüssigkeit. Ein Kilogramm Käse zu produzieren erfordert beispielsweise 5000 Liter Wasser

Mit jedem Apfel, den wir wegwerfen, vergeuden wir auch das Wasser, das in seinen Anbau geflossen ist.

Hinzu kommt die Energie, die es braucht, um Lebensmittel zu kochen, zu reinigen, zu verpacken. 

Darüber hinaus beschleunigt Lebensmittelverschwendung den Klimawandel. Denn die Abfälle werden auf Mülldeponien gelagert.

Dort verwesen unsere Essensreste unter anaeroben Bedingungen – also ohne Sauerstoffzufuhr – und setzen dabei Methangas frei, eines der hartnäckigsten Treibhausgase.

Vieles davon wäre vermeidbar.

Zwei Drittel aller Lebensmittelabfälle sind vermeidbar

Laut einer Studie des Bundeszentrum für Ernährung ist der Großteil aller in Deutschland produzierten Essensabfälle vermeidbar, weltweit sind es zwei Drittel.

Darum haben sich Bund und Länder gemeinsam mit den Vereinten Nationen zum Ziel gesetzt, die Lebensmittelverschwendung bis zum Jahr 2030 zu halbieren.

► Von Industrieseite gibt es bereits zahlreiche Initiativen, um die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren.

Start-Ups wie Knödelkult, Dörrwerk, oder be bananas, aber auch etablierte Firmen wie Coppenrath & Wiese verarbeiten nicht-vermarktbare Lebensmittel in ihren Produkten.

Andere Unternehmen arbeiten mit sozialen Einrichtungen wie der Tafel zusammen, damit Lebensmittel, die zwar nicht mehr verkäuflich, aber immer noch genießbar sind, an bedürftige Menschen gelangen.

Doch das ist leider nur ein Tropfen auf dem heißen Stein: Mehr als 60 Prozent aller Lebensmittelabfälle in Deutschland stammen nämlich vom Endkonsumenten, also herkömmlichen Haushalten.

Jeder von uns kann also seinen Teil dazu beitragen, dass weniger Essen verschwendet wird. 

Anna Rinderspacher
HuffPost-Autorin Anna Rinderspacher (Mitte) und das Team von "Rehab republic".

Für mich war die Teilnahme an der Schnibbelparty geradezu ein Offenbarung.

Nachdem ich gesehen habe, welche Massen an Lebensmitteln weggeworfen werden und wie viele Menschen davon satt werden, habe ich mir fest vorgenommen, ab sofort bewusster und vor allem achtsamer mit Lebensmitteln umzugehen.

Deshalb habe ich mich darüber informiert, wie ich meine Lebensmittelverschwendung reduzieren kann. Und auch ihr könnt das.

Hier sind ein paar Tipps: 

1. Bewusster einkaufen

Überlegt euch genau, was ihr kochen wollt, bevor ihr einen Supermarkt betretet.  “Wie viele Bananen brauche ich wirklich für mein Müsli, wie viele Avocados für meinen Toast?”

Oder noch besser: Gibt es vielleicht saisonales Obst oder Gemüse aus der Region, das Importwaren wie Bananen oder Avocado in eurem Ernährungsplan ersetzen kann? 

Gerade im Sommer ist es sinnvoll, leicht verderbliche Lebensmittel wie Milchprodukte, Obst und Gemüse nur in kleinen Mengen und dafür vielleicht mehrmals in der Woche zu kaufen.

Das spart auch Geld, denn –  aufs gesamte Jahr gesehen – wandern laut Bundeszentrum für Ernährung pro Person Lebensmittel im Wert von rund 235 Euro in den Müll.

2. Restekochen

Ihr habt keine Lust, in einen Apfel zu beißen, der schon ein paar Druckstellen hat? Dann kocht doch Apfelmus daraus. Die Tomaten sind schon etwas matschig? Ab in den Suppentopf!

Die eine übrige Karotte und die halbe Aubergine, die schon seit Tagen im Kühlschrank liegt, könnt ihr gleich mit dazu schmeißen, dann findet alles eine Verwendung. 

Aus überreifen Avocados und Bananen lassen sich außerdem ganz leicht Gesichtsmasken und Haarkuren herstellen.

So findet sich für fast alle Lebensmittel noch eine Verwendung – auch wenn sie nicht mehr ganz frisch sind.

3. Nicht allein am Haltbarkeitsdatum orientieren

Einer der Hauptgründe dafür, dass wir Lebensmittel wegwerfen, ist sicherlich, dass wir fürchten unserer Gesundheit zu schaden, wenn wir verdorbenes Essen zu uns nehmen.

Das Haltbarkeitsdatum gibt jedoch wenig Aufschluss darüber, wann ein bestimmtes Erzeugnis gesundheitsschädigend wird. Deshalb sollte man abgelaufene Lebensmittel grundsätzlich nochmal überprüfen, ehe man sie in die Tonne wirft.

Riecht die Milch schlecht? Schmeckt sie säuerlich? Wenn ja, dann weg damit. Wenn nicht, braucht man auch keine Bedenken zu haben, sie zu konsumieren, auch wenn das Haltbarkeitsdatum überschritten ist.

4. Einfrieren

Ihr habt einen ganzen Brokkoli gekauft, habt aber nur Verwendung für die Hälfte? Dann könnt ihr den Rest des Gemüses ganz einfach einfrieren. Es sollte dazu jedoch möglichst frisch sein.

Dasselbe gilt für saisonale Kräuter wie Petersilie, oder Minze.

Fertige Speisen wie Suppen oder Eintöpfe eignen sich ebenfalls gut zum Einfrieren. Am problemlosesten sind jedoch Backwaren.

5. Foodsharing

Wenn ihr über’s Wochenende verreist, oder längere Zeit in den Urlaub fahrt, müsst ihr eure Lebensmittel vorher nicht wegschmeißen. Ihr könnt sie zum Beispiel euren Nachbarn oder Freunden anbieten.

Die Plattform Foodsharing ermöglicht es außerdem, übrige Lebensmittel online anzubieten und von interessierten Menschen aus derselben Stadt abholen zu lassen.

Mehtap von Stietencron
Beim Schnibbeln mit Fremden wird es gesellig.

Die nächste Schnibbelparty von “Rehab republic” findet am 14. September in der Glockenbachwerkstatt in München statt. 

(ujo)