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04/06/2018 16:41 CEST | Aktualisiert 04/06/2018 16:41 CEST

Leben Sie schon ... oder sind Sie immer noch perfekt?

Perfektionismus ist eine gesellschaftliche Grundseuche der westlichen Welt. Höher, Schneller, Weiter, immer noch etwas drauflegen, verbessern, wo es nichts mehr zu verbessern gibt. Konkurrenz bis zum Abwinken - als Ausdruck von einem tiefsitzenden, kollektiven Mangelphänomen, das kaum als solches erkannt wird. Vielmehr wird das Perfekte zum Erstrebenswerten noch immer hochstilisiert. Die Gesellschaft brennt aus - und merkt es nicht einmal.

Ich weiß sehr genau, wovon ich schreibe, war ich doch auch fast 50 Jahre Teil in diesem Perfektionshamsterrad und habe fest mitgetreten und getrieben. Nie war etwas ganz fertig. Immer gab es noch etwas zu tun. Nie war etwas ganz so, wie ich es mir vorgestellt hatte – ohne zu wissen - was ist den meine eigentliche Vorstellung von “fertig”? Immer gab es etwas zu verändern, herum zu mäkeln und in letzter Sekunde noch etwas zu verändern – vor allem an mir selbst. Warten, dass etwas Imaginäres, etwas überirdisch Schönes kommt ... und dabei am Leben vorgelebt.

Wenn diese zugegebenermaßen pointierten Zeilen mit Ihnen resonieren - dann sind Sie hier bestens besetzt, um einen näheren Blick auf den Perfektionismus als Lebensabtöter zu machen. Doch Vorsicht - dies ist kein Plädoyer für Schlamperei, für Oberflächlichkeit und für Halbheiten. Davon kann hier nicht die Rede sein. Es ist vielmehr ein liebevolles Plädoyer für Leben - in seiner vollkommenen Unvollkommenheit. 6 Jahre Erfahrung damit zeugen dafür.

Die Geister, die ich rief ...

Blickt man in die Ratgeberliteratur der üblichen Verdächtigen, dann tauchen rasch innere Figuren wie der Druckmacher, der Antreiber, der Richter, schlicht der komplette Perfektionist auf. Mittlerweile sind es keine Fremden mehr, denn die angebotene Literatur dazu füllt Bibliotheken - in realita und online. Kein Beratungsgespräch kommt ohne diese imaginären Figuren aus, sind sie doch allesamt Spielformen von Perfektionismus. Stehsätze wie ‘Du musst, komm schon, mach endlich weiter, wann kommst du denn endlich in die Gänge, das ist ja schon wieder nicht ganz’ … gehören zum Standardrepertoire einer nicht enden wollenden Hintergrundmusik. Sie erzeugen Druck, der irgendwann - oft unerkannt - in Angst übergeht und unspezifisch bleibt. Ein mulmiges Gefühl, der Druck auf der Brust, Kopfschmerzen, Nackenschmerzen, Schulterprobleme, Rückenprobleme, Magendruck ... der Körper ist ganz wundervoll im Darstellen von inneren Phänomenen - schon vor dem Herzinfarkt und vor dem Burnout. Ich bin sicher, Sie kennen diese und ähnliche Gefühle. In unserer Noch-immer-Wettbewerbsgesellschaft macht jede/r irgendwann mit dieser Gefühlspalette Bekanntschaft.

Wir trauen uns dieses und jenes nicht, weil wir Angst vor Fehlern, vor dem Scheitern, vor dem nicht Entsprechen, vor dem nicht Genügen haben – und dann kommt die Keule von außen. Trotz Perfektionismus, trotz 24/7-Erreichbarkeit, trotz Bestleistungen - der Job ist weg, der Partner ist weg, die Kinder, für die alles getan wurde (Frage: wollen die das überhaupt?!) ... sich machen sich aus dem Staub. Frau/man bleibt mit sich zurück ... oder ist den anderen ein Stück davon gegangen. Alles ist möglich in diesem Spiel.

Dabei wird oft folgendes übersehen: Der Anspruch, perfekt zu sein, kommt viel öfter aus unserem eigenen Inneren. Wir sind oft gnadenlos in der Selbstverurteilung – wohl auch, weil die Grundmelodie, die Grunddisposition, mit der wir Leben begegnen, angstgetrieben und mangelbasiert ist. Unbewusst hat sich die Mehrheit der Menschen bei ihrer Geburt für den Fluss der Angst und des Mangels entschieden. Sie wissen es oft nicht, arbeiten und schaffen bis zum Abwinken - gleichzeitig bleiben einer großer innerer Druck, gepaart mit einer tiefen Leere - doch womit diese füllen? Viele erkennen diesen Mechanismus gar nicht - wie auch? Er wird kaum verständlich vermittelt. Es gibt keine Betriebsanleitung dafür und auch kein Unterrichtsfach mit dem Titel “Umsteigenanleitung für ein wahrhaftiges, freudvolles Leben”. Doch ob Sie sich dessen bewusst sind oder auch nicht: Der Mechanismus wirkt, unaufhörlich, unbewusst - und zieht sich durch und nährt die angeführten Figuren. Sie sind schon dickgefressen – und wir geben ihnen noch immer Raum in uns. Nachspeise inklusive … ebenso das Ticket mit der Wiedereinladung. Diese Figuren müssen gar nichts tun. Sie sind bereits Inventar des Lebens vieler.

Was ist die erste Reaktion, wenn wir den Zusammenhang entdecken? Oh Gott (die Anrufung könnte durchaus passend sein - lesen Sie es mit einem wachen und offenen Herzen) - was passiert da?! Antwort: nichts, was Sie nicht geschaffen haben. Schweigen, Stille, Negieren. Anstatt die Erfahrung des Fehlers, des Scheiterns als etwas zu betrachten, das wertvoll wie Gold ist – ohne dass man sie bewusst herbeiführt – wollen wir sie wegmachen. Weg, verräumen, am besten in den Keller. Wir sind ja PerfektionistInnen. Scheitern geht gar nicht.

Zur Erhellung der Lage: Erfahrung an sich ist neutral. Denn dabei obendrauf – und dessen sind sich wenige bewusst – sind wir vollkommen, von wo wir herkommen. Die scheinbare Unvollkommenheit ist menschenerdacht und menschengemacht. Sie wird erst dann zur Niederlage, wenn wir sie via unsere allgegenwärtigen Verurteilungen und Bewertungen dazu machen. Es ist also eine Frage, WIE wir auf eine Erfahrung RE-AGIEREN. So könnten wir auch entscheiden, mal nicht zu reagieren, die Lage einfach mal sein lassen. Doch das verlangt größten Mut von PerfektionistInnen. Major Tom an Ground Control ist da nicht ... auch nicht Houston, wir haben ein Problem. ... Lassen Sie doch mal etwas schlicht so sein, wie es ist. Für den Moment lässt es sich nicht ändern, weil es ja schon da ist. Ich weiß, das ist eine ungewöhnliche Denkweise - doch glauben Sie mir - sie entlastet ungemein. Es ist gut wie Sie sind. Lassen Sie es doch mal gut sein. ...

Machen Sie - nach einer Ruhephase - einen mutigen Blick auf Ihre Grunddisposition zum Leben. Die ist sehr einfach: entweder Liebe oder Angst. Sie meinen, das sei zu banal? Die großen Wahrheiten im Leben sind einfach, nicht banal. Also - welche Seite dominiert bei Ihnen? Sie wissen die Antwort schon. Ehrlich dabei sein. Es hört keine/r zu und Sie werden in Ihrer eigenen Stille auch nicht gesehen und es gibt keine Ratings für die Erkenntnis - außer jene, die Sie sich zubilligen. Die Bewertung in besser und schlechter führt zu einem Wettbewerb in einer Welt, die am Zerfall ist, der sinnentleerter und fehlgeleiteter nicht sein kann. Und dann sind die Geister, die ich rief, wiederum mal hyperaktiv – Geister mit offenbarem ADHS … Selbstwert, Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein sind zu wenig ausgebildet. Daher ist Platz für die inneren Quälgeister. Daher ist Raum für Selbstzerfleischung. Wofür das führt? ...

Realität = Menschen- und Lebensbild

Unser Menschen- und Lebensbild prägt unsere Realität. Diese Prägung geschieht oft unbewusst – meistens bei der Geburt - unbewusst - und dann in den ersten Kinderjahren. Wird das Leben als schwer, kompliziert, bedrohlich und unfreundlich empfunden, dann zeigt es sich so im äußeren Bild. Wie im Innen, so im Außen - das ist kein Esologensprech, sondern überprüfbare Realität. Dann folgt frau/man einem inneren Zwang, das Leben zu korrigieren, um einem Idealbild, das oft gesellschaftlich und aus der Sippe kommend vorgegeben ist, zu entsprechen. Nicht aus dem eigenen liebevollen Inneren kommend, aus der eigenen Vollkommenheit, sondern aus der als gegeben angenommenen Trennung – von wem auch immer – die Trennung wird zur Lebenslast.

Damit wird die Unvollkommenheit zur weiteren Lebenslast, zum scheinbaren Stigma, das wir uns selbst auferlegt haben und uns unbewusst auferlegen ließen. Es greift förmlich nach der Sucht zum Perfektionismus. Kaum eine/r erkennt, dass jeglicher Perfektionismus dem Tod entspricht, weil das Perfekte nie erreichbar ist und übrigens auch gar nicht lebensfähig wäre. Wir leben mit aller Kraft somit am eigentlichen Leben, das vollkommen und gut ist, wie es ist, vorbei. Es ist uns im Grunde wohlgesonnen und will unsere Entfaltung. Es tut alles dafür, bringt uns tägliche unzählige Geschenke. Das Leben macht nie Fehler. Es ist immer an und auf unserer Seite. Doch - wir, wir wollen haben, hier und jetzt und sofort. Wir bewerten und verurteilen und trennen - trennen uns von uns selbst und vom Leben. Herzlichen Glückwunsch für diese Meisterleistung - sehr reif!

Aus lauter Angst, einem imaginären Ideal und Anspruch nicht gerecht zu werden, machen wir uns eng und ziehen uns krampfhaft zusammen. Von Ausweitung, einem grundlegenden Lebensprinzip, ist da nicht mehr die Rede. Würden wir geben und teilen, dann gingen wir von innen nach außen, also dorthin, wo wir hingehören mit unserem Geburtsrecht auf innere Ausweitung und eine liebevolle Entfaltung. Auch hier sei angemerkt: das ist kein Sprech der Liebe-Licht-Frieden-Esologenfraktion. Es geht um etwas ganz Grundsätzliches in unserem Leben. Hören Sie auf, sich Unmengen an schlauen Büchern zu kaufen, die Sie bestenfalls überfliegen; machen Sie keine Seminarvagabondierei mehr, denn im Alltag hält wenig von tollen Empfehlungen stand. Das ist mittlerweile alles Oberflächenpolitur. Kann man es natürlich betreiben, ist jedoch nur sehr mäßig sinnstiftend, wenn es um Grundsätziches im Leben geht.

Wenn man es schafft, die eigene Vollkommenheit aus sich heraus schlicht anzuerkennen als das, was sie ist, dann hat man unglaublich viel gemeistert und eine richtig gute Lebensbasis gelegt. Das braucht Bewusstsein und Achtsamkeit – und ein wenig Disziplin und Hingabe. Alles, was von Außen kommt, ist bestenfalls ein Impuls, der jene Saite in Ihnen zum Schwingen bringt, die sowieso schon vorhanden ist - IN IHNEN!

Der Weg zu Vollkommenheit

Die Basis wird also mit der mehrfach erwähnten Grunddisposition zum Leben gelegt. Ich kann sie nicht oft genug betonen, denn sie wurde bislang sträflich vernachlässigt und als selbstverständlich angesehen. Ist doch eh klar ... ein meiner Meinung nach gefährlicher Satz, denn damit werden unbewusst die Lasten weiterübernommen und weitergetragen. Veränderung im Tiefgang ausgeschlossen! ... und das Leben spaziert an Ihnen vorbei mit seinen Geschenken und Sie sind weiterhin nicht empfangsbereit ... was soll es tun, das liebe Leben?! Doch es bekanntermaßen geduldig. ...

Der Weg zu Vollkommenheit geht meistens über die Angst, die Angst nicht liebenswert zu sein, nicht genug zu sein. Angst wird zum Treiber für Perfektion – siehe die gewählte Grunddisposition. Das vielzitierte Sicherheitsbedürfnis ist oft angstgetrieben. Ordnungsfreaks haben oft Angst vor ihrer eigenen Unordnung. So entsteht ein Druck, zu müssen, zu sollen, zu übertriebener Sorge. Das Unperfekte wird ausgegrenzt und rutscht ins Unbewusste. Die Schwächsten werden abgeschoben – Kinder, Alte, Flüchtlinge. Das Nichtideale wird unter die Decke geschoben.

Doch was geschieht nun? Um auch diesem Ausdruck des Gaunzen Raum zu geben, kommt es seit einiger Zeit zu Enthüllungen, zu Aufdeckungen, zur Apokalypse. Sei des Facebook, sei es #metoo, seien es Korruption, Schmiergeldskandale, seien es Affären, Verhältnisse, was auch immer – sie treten in dieser Aufdeckungszeit zu Tage, um alles rund und ganz zu machen. Was wie ein Widerspruch und als Paradoxon gilt, ist eine natürliche Entwicklung. Das Ganze strebt in ein neues Gleichgewicht - auch wenn wir uns noch so sehr im Einzelnen und im Kollektiv dagegen sträuben. Die aktuelle Zeitqualität kann dafür nicht besser geeignet sein, weil durch grundlegend veränderte Hauptbedingungen - auch wenn Sie es noch nicht merken sollten, sie sind verändert - also, weil diese grundlegend veränderten Hauptbedingungen ideal sind, bislang bekannte und akzeptierte Werte zu hinterfragen und zu wandeln.

Der Schatten will schlicht angesehen werden, angenommen, integriert werden, um Ganzwerdung (also eine Form von Heilung) zu ermöglichen. Die Schokoladenseite schmilzt dahin. Es kommt der Kern mit all seinen Flecken zum Vorschein. Wer immer versucht zu verhindern, Angst hat, Fehler zu machen, der trifft auch keine mutigen Entscheidung. Sie/er stagniert - das lässt die aktuelle Zeitqualität nicht mehr zu. Es vibriert und kracht an allen Ecken und Enden. Sich dagegen zu wehren und auf Himmel komm raus zu bewahren zu versuchen, ist grundverkehrt und widerspricht den Energien diametral. Ergebnis: Scheitern! Wir strangulieren uns mit etwas, das sowieso längst gehen darf, weil Neues nachkommen will. Dafür muss der Platz freigemacht werden. Perfektionismus ist dabei eines der größten Hindernisse.

Wie geht man mit der sich mehr und mehr zeigenden neuen Situation um?

Die Lösung liegt im Bewusstsein, dass zum ersten vieles eine Frage der unbewusst gewählten Grunddisposition ist. Danach ist es eine Frage des Erkennens, dass Integration die Lösung ist und nicht die Verdrängung und die Trennung, um ein nach außen perfektes Bild abzugeben. Wenn der Kern mit seinen Flecken erkannt und integriert wird, dann verschmilzt er mit der zitierten Schokolade zu etwas Neuem – denken Sie sich etwas Schönes aus, was das Neue ist – seien Sie durchaus fantasievoll dabei. Flexible Sicherheit heißt das ‘Zauberwort’. Neu? Natürlich ...

Das bedeutet auch, dass man den Mut hat, zurückgewiesen zu werden und nicht akzeptiert zu werden. So what?! Wenn mich Altes zurückweist, was soll’s? Ich bin bereits im Neuen. Warum soll ich mich vom Alten abgrenzen, es verurteilen und verdrängen? Mein Fokus geht auf das Neue. Dem verhelfe ich zum Leben. Ob es perfekt ist? Das ist mir reichlich gleichgültig und wird sich weisen. Das Neue darf sich entfalten, darf wachsen, darf sich ausweiten und zeigen. ... Flexible Sicherheit ... und so.

Es geht mittlerweile um Gefühle wie Mut, Klarheit, Entschiedenheit und Vertrauen. Sie erschaffen ein Genugsein als inneres Gefühl. Hinzu kommen Respekt, Mitgefühl, Toleranz und die Liebe des bislang Abgetrennten und Verdrängten. All das ermöglicht Integration, als das in sich Hereinholen und Seinlassen – des scheinbar Perfekten und des scheinbar Unperfekten.

Ist es einfach? Nein – es verlangt nach stetigem Bewusstsein und nach gründlicher Achtsamkeit. Sie mögen dies als Schlagworte lesen, doch für mich sind dies untrennbare Lebensbestandteile, die Leben für sich ermöglichen und in den Fluss bringen. Sie sind mittlerweile für mich unabdingbar, um Leben in Qualität zu gestalten.

Wenn alle gleich sind, leben wir in und als Kopien. Das bringt keine Bewegung. Und Leben ist Energie und daher gleichzeitig immer in Bewegung. Wenn scheinbare Gegensätze auftreten, dann lösen sie ein Mehr an Bewegung aus. Das wird oft als hochgradig unangenehm empfunden, weil wir uns mit aller Kraft dagegen wehren. Also muss der Gegensatz noch unangenehmer werden, denn er will ja Teil des Ganzen sein. Daher macht er sich deutlich bemerkbar.

Das scheinbar Unperfekte macht das Leben dynamisch, bunt, kraftvoll und lebendig. Wer sich für diese – vielleicht – neuen Gedanken öffnet, der kann sie auch leben – und damit das Leben in seiner Vielfalt leben. Im Übrigen auch mit einer neuen Grundmelodie zum Leben.

Seien Sie doch endlich Ihr eigenes Original – und Sie sind auf der GewinnerInnenseite des Lebens.