WIRTSCHAFT
08/06/2018 16:05 CEST | Aktualisiert 09/06/2018 09:11 CEST

An einem Apfel lässt sich zeigen, wie kaputt unsere Lebensmittel-Industrie ist

Dieses Landwirtschaftssystem zerstört unseren Planeten, es macht uns krank und fügt den Bauern physischen- und psychischen Schaden zu.

Äpfel zu kaufen und zu essen, scheint eigentlich eine sehr gesunde Sache zu sein. Aber eine neue Studie zeigt, dass dem nicht so ist: Jedes Kilogramm konventionell gezüchteter Äpfel hat gesundheitliche Auswirkungen und kostet die Gesellschaft 21 Cent.

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Schuld sind Pestizide und Fungizide, die zu krankheitsbedingten Arbeitsausfällen und schließlich zu einer kürzeren Lebenserwartung führen.

Die Studie erschien Ende Mai und wurde von der niederländischen Organisation “Soil & More Impacts” durchgeführt.

Sie zeigt ein Schlüsselproblem auf: Der Preis, den man im Laden für Äpfel bezahlt, deckt nicht die versteckten Kosten, die bei der Produktion anfallen.

Stattdessen werden diese von der Gesellschaft getragen – durch die immer weiter steigenden Kosten für die Gesundheitsvorsorge und Krankenversicherungen.

Als Kunden bestimmen wir, wieviel uns die Umwelt und unsere Gesunheit wert sind

Das Beispiel mit dem Apfel ist kein Einzelfall; es ist ein Anhaltspunkt für das größere Ganze.

Die Landwirtschaft ist die größte Industrie weltweit. Eine Milliarde Menschen auf der Welt arbeiten im Agrarsektor. Weide- und Ackerland nimmt rund 50 Prozent der bewohnbaren Fläche auf der Erde ein.

Die Agrarwirtschaft ist außerdem eine der umweltschädlichsten Industrien auf dem Planeten – auch wenn es einer der stärksten Einflüsse für das Gute sein könnte.

Es ist einfach, sich von dem Problem zu distanzieren. Die meisten Leute sind keine Landwirte und müssen sich auch nicht täglich mit diesen Themen beschäftigen.

Dabei ist es unsere tägliche Auswahl an Lebensmitteln, die die Produktionsmethoden in der Landwirtschaft bestimmen. 

Das sind die Vorteile der regenerativen Landwirtschaft 

Die herkömmliche Anbaumethode konzentriert sich auf Monokulturen, genetisch veränderte Organismen (GVO) beim Saatgut und auf Pestizide. Diese Praktiken verschmutzen den Pflanzenbestand und das Grundwasser, genau wie die üblichen Pflügetechniken, die zu einer Erosion im Boden führen.

Bei der regenerativen Produktionsmethode kommen keine Pestizide und kein GVO-Saatgut zum Einsatz. Das Augenmerk liegt hier auf einem vielfältigen Ökosystem, der Fruchtfolge (Wechsel der Anbaupflanzen), auf dem Kompostieren und der Bodenbearbeitung ohne Pflug. 

Das Rodale Institute, eine gemeinnützige Organisation zur Unterstützung der regenerativen Landwirtschaft, hat 2014 ein Informationsheft herausgegeben.

Die Daten darin zeigen, dass mit einer kompletten Umstellung auf regenerative Agrarwirtschaft mehr als 100 Prozent der jährlichen Kohlendioxid-Emissionen absorbiert werden könnten.

Der Punkt ist: Es liegt an uns. Und wir treffen diese Entscheidung jeden Tag aufs Neue.

Die Gesellschaft zahlt den Preis für die Umweltsünden großer Unternehmen

Als Ökonom habe ich schon immer daran geglaubt, dass ein Umbruch in der Ökonomie damit beginnt, dass sich bei der Landwirtschaft- und Lebensmittelindustrie etwas ändert. Die jüngste Bewegung zur Regionalisierung von Bauernhöfen und dem Lebensmittelkreislauf hat die Industrie in vielen Gebieten verändert.

Aber die globale landwirtschaftliche Massenindustrie ist weiterhin fest in den Händen von großen Unternehmen wie Monsanto. Deren Geschäftsmodell ist auf dem alten Verfahren aufgebaut.

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hypedesk via Getty Images
Unsere Landwirtschaft ist kaputt – und wir alle, Mensch, Tier und Umwelt, zahlen den Preis.

Landwirte sind bei dieser Praxis abhängig von Pestiziden, Pflanzenschutzmitteln und GVO-Saatgut.

Wie bei den Äpfeln schädigt dieses Verfahren die Umwelt und die Gesundheit der Menschen. Und die Gesellschaft muss dafür zahlen.

In Frankreich wurde 2011 eine Studie über das Wasser durchgeführt. Sie zeigt beispielsweise, dass das Land ungefähr so viele Steuergelder investieren muss, um das Wasser zu reinigen, das in erster Linie durch den Einsatz von Pestiziden bei der konventionellen Landwirtschaft verunreinigt wurde, wie das ganze Land in einem Jahr für Lebensmittel ausgibt.

Mit anderen Worten: Würden die Leute den wahren Preis für ihre Einkäufe zahlen, dann müssten sie doppelt soviel ausgeben. 

 

Bauern leiden unter den Produktionsumständen

Das Gleiche hat man in Großbritannien herausgefunden.

Eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigt, dass der wahre Preis für konventionell produzierte Lebensmittel im Land 100 Prozent über dem derzeitigen Marktpreis liegt. Zu jedem britischen Pfund, das für Lebensmittel ausgegeben wird, muss die Gesellschaft ein Pfund für die versteckten Kosten hinzuzahlen.

Diese Kosten entstehen durch Auswirkungen wie die Umweltverschmutzung, Gesundheitsschäden durch die Produktion und ernährungsbedingte Krankheiten.

Man fängt an, die Irrationalität der jetzigen Lebensmittelindustrie zu erkennen, wenn man dazu noch die schockierend hohe Suizidrate unter Landwirten addiert – inklusive den USA, wo eine Studie 2016 aufgedeckt hat, dass die Landwirtschaft die höchste Selbstmordrate unter allen Berufsständen aufweist.

Zudem sind Dreiviertel der 800 Millionen Menschen, die weltweit an Hunger leiden, Landwirte.

Dieses Landwirtschaftssystem zerstört unseren Planeten, es macht uns krank und fügt den Bauern physischen- und psychischen Schaden zu. Kurz gesagt: unser aller Handeln hat Folgen, die keiner will.

 

Zu viele Lebensmittel werden weggeschmissen 

An diesem Punkt kommt oft das Argument: Sicher, es gibt diese Probleme, aber wir brauchen die industrielle Landwirtschaft, damit es zu keiner dramatischen Essensknappheit kommt.

Oberflächlich betrachtet klingt das nicht verkehrt. Aber das heutige Problem mit dem Hunger hat nichts mit der Versorgung zu tun; es ist ein Verteilungsproblem.

Ungefähr ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel für den Konsum von Menschen geht jährlich verloren oder wird weggeschmissen.

“Wir haben zwei- oder dreimal so viel Essen derzeit, wie man bräuchte, um alle Menschen auf der Welt zu versorgen”, sagt Joshua Muldavin, Professor für Erdkunde am Sarah Lawrence College. In seinem Unterricht beschäftigt er sich speziell mit den Bereichen Lebensmittel- und Landwirtschaft.

Aber das Essen komme nicht bei den Leuten an, sagt Emelie Peine, Professorin für internationale Politik und Wirtschaft an der Universität von Puget Sound. “Und auch wenn sie es bekommen, dann haben sie nicht das Geld, um es zu kaufen”, ergänzt sie.

Das trifft auch auf viele Industrieländer zu.

Laut dem Amt für Agrarwirtschaft, kann es sich schätzungsweise einer von sechs Amerikanern nicht leisten, sich ausreichend nährstoffreiches Essen zu kaufen, um gesund leben zu können – das sind fast 50 Millionen Menschen.

Ein weiteres Kernthema ist die Art, wie wir uns ernähren: Je weniger Fleisch wir essen, desto mehr Menschen können wir ernähren.

Zum Beispiel: Gemessen an der Kalorienzahl die produziert wird, benötigen Rinder 160 Mal so viel Fläche und acht Mal soviel Wasser wie Kartoffeln, Getreide und Reis im Durchschnitt. Dabei verursachen die Tiere 11 Mal so viele Treibhausgase.

Wenn die Menschen sich ausgewogener ernähren würden, dazu zählt auch weniger Rindfleisch zu verzehren, und wenn die Verteilungsprobleme entsprechend angegangen würden, dann könnte die regenerative Landwirtschaft den Hunger auf der Welt besiegen.

Dazu braucht es aber eine angemessene Übergangsstrategie, um die derzeitige globale Agrarwirtschaft ins 21. Jahrhundert zu befördern. Damit ein wirtschaftliches Umfeld geschaffen werden kann, das nicht taub ist für Aspekte wie Gesundheit, Wasser, Artenvielfalt und Klimawandel. 

Ilya Naymushin / Reuters
Moderne Pflügetechniken führen häufig zu einer Erosions des Bodens.

 

Wir müssen uns bewusster ernähren

Im Kleinen habe ich so einen Wandel schon erlebt; auf dem Bauernhof meiner Familie, auf dem ich aufwuchs.

Vor sechzig Jahren entschieden sich meine Eltern dazu, von der konventionellen- auf die regenerative Landwirtschaft umzusteigen. Mein Vater hatte damals in einer Zeitschrift einen Artikel über die neue Form der Agrarkultur gelesen.

Diese Geschichte animierte ihn, etwas zu ändern.

Aber als meine Eltern anfingen, die Methode zur Bewirtschaftung ihrer Farm umzustellen, stellten sich viele Freunde und andere Leute aus der Gemeinde gegen sie.

Lange Zeit hatten sie mit Missernten und wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen, bevor sie die neuen landwirtschaftlichen Praktiken vollständig verstanden und Wege für den Direktvertrieb gefunden hatten.

Was ihnen durch diese harte Zeit half, war diese neue Idee, die ihnen eine neue Sichtweise auf die Landwirtschaft und auf ihre Rolle als Bauern in einem umfassenderen System eröffnete.

Zudem profitierten sie von der Unterstützung durch einige Freunde und Experten, die ihnen bei der praktischen Umsetzung halfen und sie mit Wissen versorgten.

Und sie fanden heraus, wie man sich mit Konsumenten vernetzt, die ein Bewusstsein dafür haben und bereit sind, einen fairen Preis für nachhaltige Lebensmittel zu zahlen.

Genau dieses Netz aus Unterstützern braucht es heutzutage.

Es existieren Prototypen, wie das Sustainable Food Lab – ein globales Netzwerk von Organisationen, das sich für nachhaltige Landwirtschaft einsetzt – aber es braucht viel mehr davon. 

Was ist nötig, um das ganze System so zu verändern?

► Zuerst müssen die gewaltigen Zuschüsse für die herkömmlichen industriellen Landwirtschaften und die daraus folgende Umweltverschmutzung gestoppt werden.

► Diese Ressourcen müssen umgeleitet werden und den regenerativen Landwirtschaften und den Kleinbauern zugute kommen. Der Gebrauch von Pestiziden muss Geld kosten.

► Der massive Einsatz von Antibiotika in der Viehwirtschaft muss bis 2020 um 50 Prozent reduziert werden.

► Und regionsübergreifend müssen weitere Unterstützer-Netzwerke wie das Sustainable Food Lab geschaffen werden, damit die Schlüsselfiguren zusammenarbeiten und so die nachhaltige Lebensmittelproduktion salonfähig machen. 

Und zuletzt dürfen wir nie vergessen, dass solch ein Wandel mit unserer eigenen Auswahl an Lebensmitteln beginnt. Die Reise unserer Nahrungsmittel, vom Acker bis zum Teller, wird beeinflusst und verstärkt durch unsere tägliche Entscheidung, was wir essen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei der HuffPost USA und wurde von Patrick Steinke aus dem Englischen übersetzt.

(amr)