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28/03/2018 20:25 CEST | Aktualisiert 28/03/2018 20:25 CEST

Lag Steve Bannon womöglich ein Stück weit richtig?

© iStock / Maris Zemgalietis

Gastbeitrag von Ingrid E. Newkirk, Mitbegründerin und Vorsitzende von People for the Ethical Treatment of Animals, der größten Tierrechtsorganisation weltweit.

Steve Bannon tut gut daran, nicht um den heißen Brei herumzureden: Wir sind Rassisten. In einer Rede vor dem französischen Front National bestärkte er am 10. März 2018 die nationalistische Haltung der Partei mit den Worten: „Sollen sie euch doch ruhig Rassisten nennen.“ Und an all jene gerichtet, die sich mit der Geschichte und dem rassistischen Image der Partei vielleicht nicht ganz wohl fühlen, ergänzte er: „Seht es als Auszeichnung an. Denn an jedem einzelnen Tag werden wir stärker und sie werden schwächer.“

Bannon bezog seine Äußerungen auf die Welt der Politik. Doch aus biologischer Perspektive muss man darauf hinweisen, dass Rassismus uns allen innewohnt – vom Hydramus-Pavian bis zum Menschen, im Verlauf der Geschichte bis zum heutigen Tag. Aber statt als Auszeichnung sollten wir das als Schande ansehen. Denn nur weil uns ein Instinkt innewohnt, bedeutet das nicht, dass wir ihm nicht entgegenwirken sollten.

Wer es bis an die Spitze schafft oder diese Stellung gewaltsam an sich reißt, ist häufig korrupt und böse. Das sehen wir hier bei uns zu Hause und in anderen Ländern. Doch die breite Masse hat immer dieselben Bedürfnisse. Was also sollen wir tun? Sollen wir Bannons Beispiel folgen und den Rassismus feiern und „Vive la différence!“ rufen? Oder sollten wir versuchen, dem Drang zu widerstehen, „den anderen“ in eine Schublade zu stecken, ihn zu verdrängen oder zu unterdrücken?

Es gibt viele Mittel und Wege, gegen den abscheulichen Wunsch anzukämpfen, uns selbst als überlegen anzusehen.

Ein Beispiel: Bannon und ich sind weiß. Unsere Vorfahren kamen größtenteils aus England nach Amerika. Und schon in den ersten zehn Jahren nach ihrer Ankunft hatten sie viele rassistische Gräueltaten verübt: So hatten sie etwa – im Namen Gottes und mit dem Segen der Kirche – ein Dorf von über 500 amerikanischen Ureinwohnern, Männern, Frauen und Kindern, in Asche gelegt. Den Geruch des verbrennenden Menschenfleisches nannten sie „schrecklich“. Kolonisatoren wollten mit dieser abscheulichen Tat die Ureinwohner davon abhalten, am Pelzhandel teilzuhaben und daraus zu profitieren. Ein Gouverneur beschrieb die Ureinwohner als „Adams degenerierten Samen“.

Und so etwas passierte nicht nur in den USA. Als Tochter englischer Kolonisatoren verbrachte ich meine Kindheit in Indien. Dort gaben sich die Briten nicht damit zufrieden, Inder und Inderinnen zu erniedrigen, indem sie ihr Land besetzten und ihre Reichtümer raubten. „Ungehorsam“ und „Rebellion“ wurden zudem durch öffentliches Erhängen oder kaltblütiges Erschießen der „niederen Menschen“ bestraft.

Daneben darf man allerdings nicht vergessen, dass es in allen Kulturen Grausamkeit gab: In Indien wurden Witwen bei Beerdigungen verbrannt; Hindus töteten muslimische Familien und Muslime töteten Hindu-Familien im Namen des Koran bzw. der Gita. Menschen nähten Schlangen den Mund zu, durchbohrten Bärennasen, um Seile hindurchzuziehen, und fingen Babyelefanten, um sie festzubinden und blutig zu prügeln. Das alles sind Gräueltaten, und einige davon finden noch heute statt.

Und auch die amerikanischen Ureinwohner verübten schon in früheren Zeiten Grausamkeiten: Sie skalpierten Siedler, auch Frauen, und – ja, hier kommen wieder die Tiere ins Spiel – sie fingen Adler ein, um aus ihren Federn Kopfschmuck zu machen. Bisons jagten sie Klippen hinunter.

Es gibt den natürlichen Instinkt, den „Stamm“, dem man sich am meisten verbunden fühlt, über alle anderen zu stellen – ob man nun Pavian oder Brite ist. Der Mensch hat aus einem speziesistischen Denken heraus entschieden, dass die menschliche Rasse nicht zu den Tierrassen gehört – eine biologische Unwahrheit. Es gibt vom Schimpansen, der Stummelaffen jagt, über den Kuckuck, der anderer Vögel Eier aus dem Nest wirft, bis hin zu Katzen, die mit ihrer Beute spielen, jede Menge Grabenkämpfe, Nahrungskriege und selbst Kindsmord. Und sehen wir Letzteres nicht auch häufig in den Nachrichten, wenn Männer Rache verüben, weil sie ihre Fortpflanzungsrechte verletzt sehen? Männer töten ihre Kinder und ihre Freundin oder Frau, nur weil diese es gewagt hat, sie zu verlassen.

Man findet problemlos weitere Beispiele aus der Welt der Menschen. Schauen wir doch nur einmal auf die Kriegsgräuel von Bosnien, Kroatien oder Ruanda. Auf den Hass zwischen irischen Katholiken und Protestanten. Diese Reihe könnte ich ewig fortführen. Und auch hier in Amerika müssen wir nicht lange suchen. Was haben Männer Frauen angetan, was Weiße schwarzen Menschen, was Hetero- den Homosexuellen? Und lassen Sie uns nicht annehmen, die Unterdrückung von Tieren würde nicht zählen, nur weil sie gang und gäbe ist. Vor nicht allzu langer Zeit war es auch gang und gäbe, Frauen nicht wählen oder Besitz erwerben zu lassen, Sklaven in Ketten zu legen, an Waisen zu experimentieren oder Menschen mit Behinderung einzusperren.

Doch wir können Widerstand leisten gegen diese Grausamkeiten – es ist sogar unsere Pflicht.

Lassen Sie uns nicht wegsehen, sondern dagegen ankämpfen; lassen Sie uns anderen gegenüber Mitgefühl zeigen. Bremsen Sie keine anderen Autofahrer aus, nur weil Sie damit davonkommen. Essen Sie keine Lebewesen und tragen Sie keine Lebewesen als Kleidung, nur weil es uns per Gesetz gestattet ist, ihre Gefühle und Interessen zu ignorieren. Wenn wir Unterschiede zwischen uns und anderen feststellen, müssen wir auch die Gemeinsamkeiten erkennen. Wir alle haben Hunger, Durst, Schmerzen, empfinden Freude, Trauer, lieben unsere Familien und die Freiheit. Nichts davon ist abhängig von der Farbe unserer Haut, oder davon, ob unsere Haut nackt oder von Fell, Federn oder Schuppen bedeckt ist.

Wo immer ein Herz schlägt, müssen wir Respekt zeigen. Wir mögen Rassistinnen und Rassisten sein, aber wir müssen uns nicht so benehmen. Mitgefühl ist eine wesentlich bessere „Auszeichnung“ als die, auf die es Steve Bannon abgesehen hat.