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12/03/2018 20:11 CET | Aktualisiert 12/03/2018 20:11 CET

Lachen ist ansteckend - Trauern berührend

Interview mit der Soziologin Caroline Meder

Frau Meder, ich möchte mit Ihnen über das Thema Trauer in Unternehmen sprechen.

Wollen Sie wirklich? Klasse. Da steige ich gern ein! Viele Menschen tun sich schwer, über Tod und Trauer zu sprechen. Das Ende des Lebens schreckt viele. Andere sind schlicht unerfahren im Umgang mit Sterben, Tod und Trauer. Anders als z.B. beim Thema Kinderkriegen kann man kaum unbefangen in der Kantine über das Sterben plaudern und Kollegen um Rat fragen. Über den Tod sprechen wir nicht.

Und wenn er aber kommt?

Dann laufen wir. Ich kann dieses Fluchtverhalten gut verstehen. Wenn der Tod im Raum steht, wird es schnell moralinsauer. Es geht um Pietät und den angemessenen Umgang mit den Hinterbliebenen. Kein gutes Klima, um offen zu besprechen, was Sterben und Trauer in Unternehmen auslösen.

Weshalb sollte der Umgang mit lebensbedrohlich Erkrankten und Trauernden im Unternehmen in einem neuen Licht betrachtet werden?

Die Fehler, die hier passieren, wirken ausgesprochen herzlos und können sehr teuer werden.

Können Sie ein paar aktuelle Zahlen nennen?

Im Jahr 2016 starben in Deutschland 911 000 Personen, jeder Vierte im erwerbstätigen Alter. Angenommen wir rechnen zu jedem Verstorbenen zwei trauernde Erwerbstätige - vielleicht eine Tochter, ein Bruder, ein Ehepartner, eine beste Freundin - und gehen von einer Trauerzeit von einem Jahr aus, dann waren 2017 rund 4% der Beschäftigten in Trauer: 1,8 Mio. Menschen. Die Zahl ist aber sehr vage, denn die Trauer z.B. um ein Kind kann drei bis fünf Jahre, auch länger, dauern. Viele dieser Trauernden scheinen mir unsichtbar.

Warum tun wir uns so schwer im offenen Umgang mit der Trauer?

Das ist unser historisches Erbe: Nach dem 2. Weltkrieg waren wir Deutschen nicht nur eine schuldige Nation, wir hatten auch Millionen Familienmitglieder und Freunde verloren. Sie waren gestorben, doch Flucht, Not und Hunger machten es für viele unmöglich, der Trauer - also dem monatelangen, gar jahrelangen, unbeschreiblichen Schmerz des Verlusts - Raum zu geben. Die Trauer wurde verdrängt und zum Tabu. Das heißt, die Generation der 68er ist in Familien groß geworden, in denen in der Regel über das Sterben und das Sehnen nach den Verstorbenen kaum gesprochen und die Trauer nicht gelebt wurde.

Und dieses Tabu wirkt noch heute?

Wir Kinder der 68er haben das Vakuum um Tod und Trauer zuhause selten angesprochen. Viele unserer Generation kennen die Unfähigkeit der Eltern und Großeltern, Gefühlen offen zu begegnen. Das macht das Fragen schwer. So fehlt uns schlicht die Erfahrung, dass Trauer zum Leben gehört. Und uns fehlen die Vorbilder: Menschen, die ihre Trauer spüren und authentisch leben. Und Menschen, die Trauernde herzlich und wissend begleiten. Da ist es nur verständlich, dass ein Großteil der Verantwortlichen in Unternehmen überfordert reagieren, sobald z.B. ein Mitarbeiter verstirbt oder ein Teammitglied verwitwet. Nachrufe, die sich wie Arbeitszeugnisse lesen, sind ein deutliches Abbild dieser Schwierigkeiten.

Wie kann man sich die Trauer bei einem frisch verwitweten Kollegen vorstellen?

Die Trauer um eine Person, die einem viel bedeutet hat, gehört zu den schmerzhaftesten Erfahrungen. Die einen sagen, es zerreißt sie. Andere sprechen von dem Gefühl, aus der Zeit zu fallen. Alles steht still. Nichts, was gestern noch richtig und gut war, gilt mehr. Trauer lässt einen nicht los. Sie ist mal schwach, mal stark, und gerade nachts kann sie so überwältigenden sein, dass man vielleicht versucht, sie sich von der Seele zu schreien. Trauer ist eine unbeschreibliche Kraft, die das ganze Leben aus den Angeln heben kann. Sie stellt die eigene Identität in Frage. Die Frage nach dem Sinn unseres Lebens steht im Raum. So lässt sich Trauer als eine existenziell durchwebte Einsamkeit skizzieren.

Trauer ist eine Blackbox, ein unbeschreiblicher Zustand, für den es kaum stimmige Darstellungen in der Literatur gibt. Nur, wer sie erlebt hat, weiß, worum es geht. Und: Jeder empfindet Trauer anders, auch das ist wichtig. Wenn Sie eine trauernde Person im Team haben, wissen Sie, dass Sie nichts wissen. Also kein gutes Setting…

Die trauernde Person ist zweifelsohne in einem Ausnahmezustand, und die Kollegen und Vorgesetzten haben oft keine Ahnung, wie sie sich verhalten können und trauen sich nicht zu fragen.

Da scheint eine Krankschreibung noch die beste Lösung, oder?

Trauer ist keine Krankheit. Man geht davon aus, dass 10% aller akut Trauenden für die Bewältigung psychologische Hilfe benötigen. Die anderen 90% erleben eine gesunde Reaktion auf einen schmerzhaften Verlust. Die meisten sind nicht nur arbeitsfähig, sie arbeiten auch ganz gern. Arbeit bedeutet eine vertraute Routine, in der man sich als kompetent erlebt. Das wird in einem Leben, in dem kein Stein auf dem anderen steht, oft als hilfreich empfunden. Außerdem lachen Trauernde auch mal gern. Sie brauchen die Gemeinschaft. Statt einer Krankschreibung wäre in vielen Fällen eine Anpassung des Arbeitsgebiets sinnvoll. Holzschnittartig: Wer morgens mit verweinten Augen kommt, ist im Kundendienst nicht gut aufgehoben. Wer allein im Büro ins endlose Grübeln abgleitet, freut sich temporär über Gemeinschaft. Und wer Konzentrationsschwächen hat, findet einfache Abläufe mit klaren Ergebnissen angenehm.

Für die Belegschaft ist es also eine enorme Herausforderung, eine trauernde Person im Team zu integrieren?

Ja, und dieses Miteinander geht oft schief. Das liegt an unseren Ur-Mustern, mit denen wir auf Unvorhergesehenes reagieren: Weglaufen, Totstellen oder Kämpfen. Da wir nicht mehr in Höhlen leben, heißt Weglaufen heute: „Ich habe keine Zeit. Ich habe Termine, die vorgehen." Totstellen ist schlicht das Ignorieren der Umstände. Und Kämpfen zeigt sich handlungsorientiert in strategischen Meetings und Maßnahmenplänen. So lassen sich berufliche Herausforderungen grundsätzlich ganz gut bewältigen. Im Fall einer frisch verwitweten Kollegin sähe das so aus: Sollte sie in der Teeküche sein, gehen Sie schnell zum Kopierer. Oder Sie ignorieren sie vielbeschäftigt. Oder Sie bitten die Trauernde zum Gespräch und fragen, wie sie ihr helfen können, um möglichst schnell in den Alltag zurückzufinden. All diese typischen Reaktionen sind unangemessen. Hier ist viel Unsicherheit im Spiel und keine Führungskraft, die so reagiert, fühlt sich wohl in ihrer Haut. Andere, passendere Reaktionsmöglichkeiten müssten im Vorfeld gezielt entwickelt und etabliert werden.

Soweit ist die Situation vielleicht bedauerlich, aber warum teuer für das Unternehmen?

Trauernde wirken vielleicht abwesend, doch sie sind oft sehr wach und mit feinsten Antennen ausgestattet. Sie spüren jede Unsicherheit. Sie müssen es z.B. über Wochen verkraften, dass Kollegen die Treppe nehmen, wenn sie im Fahrstuhl stehen. Oder dass das Lachen verstummt, wenn sie um die Ecke biegen. Sie spüren die Inkompetenz im Umgang mit ihrer Trauer und werten sie oft als persönliche Ablehnung und Herzlosigkeit. Wer will es ihnen verdenken?

Sobald sie die akute Trauer überwunden haben - und das kann im Fall eines verstorbenen Ehepartners gut zwei Jahre dauern - spüren viele den Impuls, das bisherige Leben in Frage zu stellen: Auf wen konnte ich mich in der Not verlassen? Was ist wirklich wichtig in einem Leben, das so schnell zu Ende gehen kann? Bin ich noch am richtigen Ort? Im richtigen Beruf? In der richtigen Firma? Viele, die die dunklen Nächte der Trauer überwunden haben, gewinnen an Kraft und Klarheit, um das Leben neu auszurichten. Kündigung bzw. innere Kündigung sind ein häufiges Phänomen, wenn die Trauer nachlässt. Hier zahlen die Unternehmen einen hohen Preis für ein Fehlverhalten aus Unsicherheit.

Andererseits haben Mitarbeiter/innen mit Trauererfahrungen viel zu bieten…

Ja, aus der Dankbarkeit, in der Krise sensibel begleitet worden zu sein, kann eine tiefe Verbundenheit entstehen. Die Zeit der Halbheiten ist nun vorbei. Viele tun das, was sie jetzt tun, mit mehr Klarheit und Herzblut. Sie können sehr schnell entscheiden, was in Belastungssituationen die wichtigsten Parameter sind und lassen sich nicht mehr so leicht blenden. Und: Trauererfahrene haben oft einen so gewinnenden Humor, dass die Zusammenarbeit mit ihnen ein Geschenk ist. Unternehmen tun gut daran, diese tollen Mitarbeiter zu halten!

Zur Person:

Caroline Meder

Caroline Meder, Jahrgang 1967, arbeitet als Soziologin an der Schnittstelle zwischen Institutionen des Mittelstands, unternehmerischer Praxis und Forschung. Nach einer Ausbildung im Handwerk studierte sie an der Hochschule für Wirtschaft und Politik in Hamburg Soziologie, BWL, VWL und Recht und an der FU Berlin Soziologie, Philosophie und Publizistik. Sie ist Dipl. Sozialwirtin und Dipl. Soziologin. Caroline Meder war fünf Jahre als Geschäftsführerin einer Agentur für Softwarelösungen und acht Jahre als Dozentin an der Universität der Künste, Berlin tätig. Seit 2007 arbeitet und publiziert sie zum Schwerpunkt Corporate Social Responsibility (CSR) im Mittelstand. In dieser Arbeit entwickelte sie das Thema Abschied und Trauer als einen der relevanten Kristallisationspunkte für den wertschätzenden Umgang mit Mitarbeiter/innen. Aktuell baut sie dieses Themenfeld zu einem eigenständigen Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt aus und versteht sich als Impulsgeberin für den herzlichen, unverkrampften und professionellen Umgang mit Sterben, Tod und Trauer in Wirtschaft und Kultur.