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13/03/2018 14:04 CET | Aktualisiert 15/03/2018 12:26 CET

Ich organisiere seit 13 Jahren Kuschelpartys – das hat mein Leben verändert

Früher war ich ein einsamer Wolf.

Gerhard Schrabal
Eine Kuschelparty in München.

Ich war skeptisch. Als ich das erste Mal von einer Kuschelparty hörte, wusste ich noch nicht, was das genau sein soll. Und die ersten Veranstaltungen, die ich besuchte, waren auch eher abschreckend.

Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass Kuscheln mein Leben verändern wird. 

Mittlerweile organisiere ich seit 13 Jahren Kuschelpartys. 

Wie die meisten Männer meiner Generation bin ich sehr unkuschelig aufgewachsen. Das fing schon als Säugling an, der – wie damals üblich – direkt nach der Geburt von der Mutter getrennt und auf die Säuglingsstation verlegt wurde.

Damals gab es noch kein “Rooming-In” – dabei schläft das Baby im Bett neben der Mutter – und das Motto hieß: “Schreien ist gut für die Lunge“ oder “Je früher er sich an das Alleinsein gewöhnt, desto besser.“

Kuscheln ist für die Entwicklung eines Menschen wichtig

► Sätze, die auch heute noch nicht ausgestorben sind, obwohl die Wissenschaft die verheerenden Konsequenzen längst erkannt hat. 

Heute wissen wir, wie wichtig körperliche Berührung für die Entwicklung des Säuglings ist – und ebenso bedeutsam für die Gesundheit der Erwachsenen.

Babys, die viel umarmt werden, sind im Erwachsenenalter weniger stressanfällig

Eine Studie der Emory University konnte bei Ratten eine Verbindung zwischen Berührungen und Stressreduktion nachweisen, insbesondere im frühen Stadium des Lebens. Die Forscher kamen bereits 1997 zu dem Schluss, dass das Ergebnis auch auf den Menschen zutrifft. Die Entwicklung von Babys – insbesondere ihre Art und Weise im Erwachsenenalter mit Stress umzugehen – hängt von einer Kombination aus Umwelt und Pflege ab.

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Für mich, wie für viele andere, kamen diese wissenschaftlichen Erkenntnisse allerdings zu spät. Und nicht nur das: Auch meine Kindheit und meine Jugend als Einzelkind verliefen sehr berührungsarm.

Nach den gesellschaftlichen Normen hatte ich eine “glückliche Kindheit“, aber mein tief empfundenes Bedürfnis nach körperlicher Berührung blieb weitgehend unerfüllt.

Sex ist kein Ausgleich für körperliche Nähe

Dadurch hatte ich keine Gelegenheit, einen gesunden Umgang mit körperlicher Nähe zu lernen.

Als ich mich langsam zu Mädchen hingezogen fühlte, hatte ich nicht nur keine Ahnung, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten sollte. Nein, auch jede noch so kleine Annäherung führte zu einer Gefühlsüberflutung – gefolgt von einer regelrechten Panik.  

► Daher suchte ich Sicherheit durch Abstand.

► Gleichzeitig aber wuchs die Sehnsucht nach Nähe ins schier Unerträgliche.

Später erfuhr ich, dass andere Menschen in der gleichen Situation eine scheinbar einfache Lösung für dieses Problem gefunden hatten: Sie haben sich auf Sex eingelassen.

Sex, den sie eigentlich gar nicht wollten, um endlich die körperliche Nähe zu bekommen, die sie sich so sehr wünschten.

Das hat für mich aber irgendwie nicht funktioniert. So blieb ich alleine und unglücklich. Meine innere Anspannung und meine Verzweiflung machten mich für Frauen unattraktiv.

Meine Bedürfnisse wurden endlich gestillt

Die große Wende kam im Jahr 2005, als die ersten Kuschelpartys aus New York nach Deutschland überschwappten.

► Was eine Kuschelparty sein soll, und wie man sie anleitet, wusste ich damals nicht.

Es dauerte ein wenig, bis ich begriff, dass ich darin endlich das gefunden hatte, was ich mein ganzes Leben lang gesucht hatte: Nähe, Wärme, Körperkontakt, Angenommensein – ohne Vorbedingungen oder weitergehende Verpflichtungen.

Alles bleibt kindlich-spielerisch, ohne sexuellen Touch und dadurch auch ohne die ganzen Probleme, die so etwas mit sich bringen können.

Körperliche Berührung als Selbstzweck, absichtslos, nur zum Genießen und ohne etwas erreichen oder verhindern zu müssen. 

► Hier war der Platz, wo ich meine kindlichen Bedürfnisse nachnähren konnte.

► Hier war es möglich, mit Frauen – und mit anderen Männern – körperliche Nähe zu erfahren. Kuscheln im Rudel, ohne die Probleme der Mann-Frau-Beziehung, so wie es Kinder oder junge Hunde und Katzen tun.

Kuscheln unter lockerer Anleitung

Aber wie ist so etwas möglich? Wie funktioniert eine Kuschelparty?

Das ist im Grunde ganz einfach. Es müssen zwei Dinge zusammenkommen: Erstens ein paar Leute, die grundsätzlich bereit sind, sich auf eine Begegnung mit anderen Menschen einzulassen – in der sicheren Gewissheit, dass sie nichts tun müssen – und, dass nichts passieren wird, was sie nicht wollen.

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Und zweitens eine Leitung, die genau das sicherstellt. Die einen sicheren Rahmen kreiert, der jedem Einzelnen die Möglichkeit gibt, sich auszuprobieren und spielerisch mit den eigenen Grenzen zu experimentieren. Die darauf achtet, dass diese Grenzen von anderen gewahrt werden.

Die die Teilnehmenden mit entsprechenden Vorübungen “aufwärmt“ und dann ermutigt, einen großen “Kuschelhaufen“ zu bilden. Und, die es auf diese Weise allen Teilnehmer/inne/n ermöglicht, sich zu entspannen, sich wohlzufühlen und zu genießen.

Durch das Zusammenwirken dieser beiden Elemente wird das scheinbar Unmögliche möglich: Es entsteht etwas, das Insider als “Kuschelenergie“ bezeichnen. Eine meditative Atmosphäre im Raum, die sich auf alle Anwesenden ungemein beruhigend und entspannend auswirkt.

Auch auf diejenigen, die sich am Berührungsaustausch gar nicht beteiligen.

Mein inneres Kind konnte sich satt kuscheln 

Für mich war es eine Offenbarung. Zum ersten Mal konnte ich inneren Frieden schließen – mit meinem schreienden Säugling, meinem inneren Kind – und ganz bei mir selbst ankommen.

► Ich konnte mich so richtig satt kuscheln. Etwas in mir entspannte sich.

Und plötzlich veränderte sich die Welt: Der einsame Wolf, der ich immer gewesen war, wurde zum “Kuschelmeister“. Frauen signalisierten Interesse, die mich vorher nicht einmal wahrgenommen hatten. Und nun, völlig entspannt, traute ich mich, Kontakt mit ihnen aufzunehmen.

Gerhard Schrabal

Inzwischen habe ich hunderte von Kuschelpartys besucht, und hunderte derartiger Veranstaltungen selbst angeleitet. Ich habe ein Buch darüber geschrieben, Interviews gegeben und Vorträge gehalten. Es gab unzählige Berichte in Presse, Funk und Fernsehen.

Aber immer noch gibt es eine Mauer des Vorurteils.

Warum? Weil der Begriff “Kuschelparty“ bei vielen Menschen genau die Panik auslöst, die früher die Nähe einer attraktiven Frau bei mir ausgelöst hat. Ich kann diese Menschen gut verstehen.

Und ich möchte ihnen sagen: Traut Euch! Es lohnt sich.

Gerhard Schrabal
Gerhard Schrabal ist Autor der Bücher "Kuschel dich glücklich" und "Raufen für Erwachsene".

Mehr Infos zum Autor und den Kuschelparties gibt es hier.