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03/09/2018 11:11 CEST | Aktualisiert 03/09/2018 11:18 CEST

Künstliche Befruchtung: "Bei der Zeugung meiner Tochter waren 5 Menschen anwesend"

Heute muss sich niemand mehr dafür schämen, wenn es nicht einfach so klappt mit dem Kinderwunsch.

PeopleImages via Getty Images
Symbolbild. Zahl der künstlichen Befruchtungen steigt immer weiter 

Bei der Zeugung meiner Tochter waren fünf Menschen anwesend. Nicht was ihr jetzt denkt. Mein Mann und ich natürlich, dazu eine Arzthelferin, eine Laborassistentin und die wichtigste Person: unsere Ärztin Dr. B., die mit einem langen dünnen Katheter – einer Art Spritze mit einem Schlauch vorne dran – zwei zuvor im Reagenzglas befruchtete Eizellen in meiner Gebärmutter platzierte.

Ich lag regungslos auf einem Gynäkologenstuhl in diesem kleinen, kargen Raum unserer Kinderwunschpraxis in Berlin, mein Mann saß neben mir und hielt meine Hand.

Alles, was wir tun konnten, war, das Geschehen auf einem Monitor an der gegenüberliegenden Wand zu beobachten. Wir sahen per Videoübertragung zu, wie die Laborassistentin im Nebenzimmer die beiden drei Tage alten Mehrzeller im Reagenzglas mit einer Art Pinzette vorne am Katheter einfing und die Gerätschaft dann vorsichtig zu uns herübertrug und Frau Dr. B. überreichte.

Mein kleiner Beitrag zur Zeugung unserer Tochter 

Die saß zwischen meinen gespreizten Beinen und hatte unser Schicksal nun im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand: Richtig in der Gebärmutter platziert, würde sich hoffentlich wenigstens eine der beiden Zellen einnisten und unseren Kinderwunsch erfüllen.

Die ganze Aktion war vorbei, bevor wir richtig begriffen hatten, was da gerade passierte. Dann verabschiedeten sich alle, wünschten uns viel Glück und überließen uns unseren Gedanken.

Ich blieb noch 15 Minuten wie angewurzelt auf meinem Stuhl liegen – im Hollywoodfilm hätte ich wohl einen Kopfstand gemacht. Bescheuert eigentlich, denn rausrutschen können einmal eingesetzte Eizellen nicht mehr. Es fühlte sich trotzdem gut an, zumindest einen kleinen Beitrag an der Zeugung unseres Kindes leisten zu können.

Literweise abgezapftes Blut, Spritzen und Medikamente

Dieser Tag im Dezember 2014 war der vorläufige Höhepunkt unserer bis dato anderthalbjährigen Kinderwunschbehandlung. Vom Absetzen der Pille bis zum Ausbleiben meines Zyklus und der Erkenntnis, dass da irgendetwas nicht ganz stimmen konnte, vergingen drei Monate. Dann folgten die ersten Untersuchungen, zahlreiche Besuche bei verschiedenen Ärzten, Stunden des Wartens in zig Praxen und gefühlt literweise abgezapftes Blut; Therapieansätze, Medikamente, Hormonspritzen und unzählige Ultraschalluntersuchungen, die einen für immer jede Scham vor fremden Menschen verlieren lassen.

Schließlich der Gang ins Kinderwunschzentrum, wo neue Untersuchungen anstanden, noch mehr Blut abgenommen wurde, noch mehr Hormonspritzen folgten und letztlich die In-vitro-Fertilisation

Vielleicht geht es euch ja ganz ähnlich wie mir. Womöglich habt ihr schon einige Monate versucht, schwanger zu werden. Oder ihr habt sogar schon eine Diagnose von eurem Arzt bekommen. Fest steht jedenfalls, ihr seid nicht alleine.

Zahl der künstlichen Befruchtungen steigt immer weiter 

Ganz im Gegenteil: Jedes Jahr steigt die Anzahl der Behandlungen wegen Unfruchtbarkeit in Kinderwunschzentren in Deutschland. Über 100 000 Mal wurde allein im Jahr 2016 eine Frau auf die künstliche Befruchtung vorbereitet – und dabei sind diejenigen, die eine Insemination oder Hormontherapie gemacht haben, gar nicht mitgerechnet.

Heute muss sich niemand mehr dafür schämen, wenn es nicht einfach so klappt mit dem Kinderwunsch. Zumindest theoretisch. Jeder kennt jemanden, der ähnliche Schwierigkeiten hatte. Aber im Gegensatz zu früher, als darüber nur mit den engsten Freunden und hinter vorgehaltener Hand geredet wurde, ist es heute eher eine Tatsachenbekundung:

“Ach, ihr macht gerade eine Hormontherapie? Mein Schwager und seine Frau haben auch eine künstliche Befruchtung hinter sich.” Im besten Fall bekommt man noch Tipps, wie andere mit der Situation umgegangen sind oder findet jemanden, mit dem man sich austauschen kann und der einem Mut macht.

Ich habe immer offen über meine Unfruchtbarkeit gesprochen  

Denn auch wenn eine Kinderwunschbehandlung heute kein Stigma mehr ist, belastend, nervenaufreibend und verunsichernd ist die Zeit noch immer. Auch mir ist es so ergangen: Ich habe den größten Teil des klassischen Behandlungswegs einer Frau mit Empfängnisproblemen durchlaufen, von der ersten Hormonuntersuchung bis zur künstlichen Befruchtung. Ich habe mir unzählige Fragen gestellt und mich nach klaren Antworten gesehnt.

Als die ausgeblieben sind, habe ich sie mir selbst gesucht. Und zum größten Teil auch gefunden. Aber nicht nur das: Ich habe immer offen über meine Situation und meine akute Unfruchtbarkeit gesprochen. Dabei habe ich viel Zuspruch bekommen – und von einer überraschend großen Zahl anderer Betroffener in meinem Umfeld erfahren.

Ich habe mir ihre Geschichten angehört und diese gesammelt, ergänzt durch weitere Beispiele aus Internetforen und Facebook-Gruppen. Wir alle haben etwas Ähnliches erlebt, auch wenn wir an unterschiedlichen Stellen ins Stocken geraten sind. Und wir hätten uns während dieser aufregenden und anstrengenden Zeit etwas mehr Orientierung gewünscht, eine Art Fahrplan, der uns zeigt, wo es langgeht und was auf uns zukommt.

Ich hatte Glück - trotzdem habe ich Narben zurückbehalten 

Ich selbst hatte wahnsinniges Glück: Nach dieser ganzen Prozedur, den Untersuchungen und Behandlungsansätzen war gleich unsere erste In-vitro-Behandlung erfolgreich. Einer der beiden Eizellen gefiel es bei mir, ich wurde schwanger und habe im August 2015 eine Tochter zur Welt gebracht.

Ich bin verhältnismäßig gelassen geblieben und tatsächlich mit einem eigenen Kind aus der Kinderwunschbehandlung gegangen. Aber sie hat auch Narben hinterlassen – und den Wunsch, anderen Betroffenen etwas Orientierung zu geben und vielleicht ein paar Tipps, ebenfalls gelassen zu bleiben in dieser anstrengenden Zeit.

Und darum habe ich meine Geschichte aufgeschrieben. Sie führt wie ein roter Faden durch mein neues Buch. Was ich selbst nicht erlebt habe, schildere ich durch die Augen anderer Betroffener. Es soll Paaren helfen, die sich in eine Kinderwunschbehandlung begeben. Sie sollen wissen, wie andere sich dabei gefühlt und welche Ängste und Zweifel sie begleitet haben, aber auch welche Hoffnungen dabei helfen, immer einen Schritt weiterzugehen. 

“Wenn der Storch nicht von alleine kommt” von Melanie Croyé erscheint am 17. September im Beltz-Verlag

Beltz

(glm)