POLITIK
03/01/2018 14:00 CET | Aktualisiert 03/01/2018 17:48 CET

Kriminologe: Man kann nicht erwarten, dass sich unerwünschte Flüchtlinge an Gesetze halten

Sein Lösungsvorschlag: Ein Rückkehrprogramm und mehr Investitionen in die Integration.

dpa
Kriminologe Christian Pfeiffer
  • Eine Studie zeigt, dass die Gewaltkriminalität durch Flüchtlinge steigt
  • Allerdings lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen

Deutschland  führt – nach den Silvester-Übergriffen im Jahr 2016 – erneut eine Debatte über Flüchtlingskriminalität.

Aufhänger diesmal: Ende Dezember tötete ein nach eigener Aussage 15 Jahre alter Afghane seine deutsche Ex-Freundin in der Kleinstadt Kandel in Rheinland-Pfalz. 

Eine Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft liefert im Auftrag des Bundesfamilienministeriums nun weiteren Zündstoff: Laut dem Papier ist die Kriminalität durch Flüchtlinge in Niedersachsen zwischen 2014 und 2016 drastisch gestiegen.

Wasser auf die Mühlen der Flüchtlingsgegner

Mehr noch: Vor allem durch die Straftaten der Flüchtlinge ist die Zahl der Gewaltdelikte in diesem Zeitraum überhaupt so stark angestiegen. Ohne Flüchtlinge wäre die Kriminalität in den letzten Jahren nahezu stagniert.

Mehr zum Thema: Das sind die wichtigsten Zahlen aus der Studie zur Flüchtlingskriminalität

Die Ergebnisse sind Wasser auf die Mühlen von Flüchtlingsgegnern und rechten Hetzern. Sie behaupten schon lange, dass Kanzlerin Angela Merkel mit ihrer Politik der offenen Grenzen eine Bande Krimineller ins Land gelassen hätte.

Aber es lohnt sich, die Studie genauer anzusehen – und zu hören, was die Beteiligten Forscher zu sagen haben.

Fast jede achte Gewalttat geht auf einen Flüchtling zurück

Einer der Autoren der Studie ist der renommierte Kriminologe Christian Pfeiffer. Er hat mit dem Deutschlandfunk über seine Studie gesprochen. Das sind die wichtigsten Aussagen:

Die Gewaltkriminalität ist vor allem durch den Anstieg der Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren gestiegen. Für Niedersachsen hält Pfeiffer fest: Fast jede achte Gewalttat geht auf Flüchtlinge zurück - ihr Anteil an der Bevölkerung ist aber deutlich niedriger.

Für den Anstieg der Gewalt in dem norddeutschen Bundesland nennt Pfeiffer mehrere Gründe:

Wenn Flüchtlinge kriminell werden, führt dies doppelt so häufig zur Anzeige als bei Einheimischen. “Wer die gleiche Sprache spricht, kann Konflikte eher ohne Polizei lösen”, so Pfeiffer.

► Zudem sind im Zuge der Flüchtlingskrise besonders viele Jugendliche und junge Männer nach Deutschland gekommen. Gerade 14- bis 30-Jährige fallen - unabhängig von Nationalität oder Herkunft - besonders durch viele Gewalt- und Sexualstraftaten auf.

“Die Menschen sitzen in der Falle”

Eine pauschales Urteil ist auch aus anderen Gründen nicht möglich.

► Denn Menschen, die in Deutschland als Kriegsflüchtlinge anerkannt und entsprechend verständnisvoll aufgenommen werden, vermeiden es um jeden Preis, Ärger zu machen und auffällig zu werden.

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer sich unerwünscht fühlt, hält sich tendenziell seltener an die Regeln des Landes. Frust darüber, nicht akzeptiert und nicht toleriert zu werden, äußert sich in Straftaten.

Auf die Frage des Deutschlandfunks, ob man deshalb gar nicht erwarten könne, dass sich die, die keine Chance und Perspektive hätten, an Gesetze halten, antwortet Pfeiffer lapidar: “Ja, leider.”

Und das Heer der Frustrierten ist laut Pfeiffer riesig:  

Allein im Jahr 2017 wurde bei 327.000 Menschen der Asylantrag abgelehnt, sagt der Kriminologe. Sie leben meist in einem Zwischenstadium: Sie dürfen nicht arbeiten, müssen Deutschland aber auch nicht verlassen.

“Das sind zu viele, als dass das keine Wirkung im Land hinterließe”, sagt Pfeiffer. “Diese Menschen sitzen in der Falle.”

Aber Pfeiffer beschreibt in seiner Untersuchung nicht nur das Problem - sondern präsentiert auch eine Lösung:

Statt Geflüchtete einfach mit Ausweisung zu drohen, schlägt Pfeiffer einen anderen Weg vor: Er plädiert für ein organisiertes Rückkehrprogramm. Das Wichtigste dabei: Die Rückkehr solle allein auf freiwilliger Basis geschehen.

Fortbildung für Flüchtlinge

Allerdings gibt es diese freiwilligen Rückkehrprogramme schon - doch nur 27.000 Menschen haben sie im vergangenen Jahr genutzt. Und: “Es fällt auf, dass die Länder, aus denen diese Flüchtlinge kommen, sich weigern, ihre Landsleute zurückzunehmen”, betont der Kriminologe.

Eine große Chance sieht Pfeiffer aber auch darin, Geflüchtete fortzubilden: “Wer in Deutschland an Kursen teilgenommen hat und Deutsch gelernt hat, kann in seinem Heimatland beispielsweise in der Tourismusbranche arbeiten.”  

Auch Geld spielt große Rolle: “Man sollte prüfen, ob sich die Einstellung der Herkunftsländer ändert, wenn man diese mit Entwicklungshilfsgeldern fördert.”

Das Fazit von Pfeiffer ist daher deutlich: “Wir müssen in Flüchtlinge investieren, um ihnen die Rückkehr zu erleichtern.” Und so Gewaltausbrüchen vorbeugen.

(mf)