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15/07/2018 21:29 CEST | Aktualisiert 15/07/2018 21:29 CEST

Ich habe unheilbaren Krebs – trotzdem werde ich nie aufhören zu kämpfen

Das Leben hat mir beigebracht, dass Menschen fast jeden Rückschlag bewältigen können.

VANLEY BURKE
Mit 11 Jahren erkrankte Sukhi Kaur unheilbar an Krebs. Heute ist sie 34. 

Meine Mutter glaubte, ich würde sterben. Soviel war mir klar, als ich mich heimlich in ein Telefongespräch zwischen ihr und meiner Tante einklinkte.

Unser kleines Telefon hing im Schlafzimmer meiner Mutter. Ich hätte schon längst im Bett sein sollen. Doch ich wollte herausfinden, was mit mir los war. Und dies gelang am besten durch das heimliche Abhören von Telefongesprächen durch unsere zweite Telefonleitung.

Dabei ging es in dem Gespräch, das ich damals mithörte, zur Abwechslung sogar um gute Nachrichten. Damals war 70 Prozent meiner Bauchspeicheldrüse von einem Tumor befallen.

Die Krankheit hatte begonnen, sich auf meine Milz auszubreiten. Zunächst waren die Ärzte davon ausgegangen, dass ich sterben würde. Eine Biopsie ergab dann aber, dass ich an einer besonders seltenen und weniger tödlichen Krebsart erkrankt war.

Ich hatte einen nur geringfügig bösartigen Tumor entwickelt, der operativ entfernt werden konnte. Ich hatte also eine kleine Überlebenschance.

Meine Tumore waren bereits inoperabel

Als ich zum ersten Mal das Wort “Krebs” hörte, wurde mir ganz schwarz vor Augen. Außer Haarverlust und Tod verband ich mit diesem Begriff nichts. Zumindest hatte ich mir darunter nie etwas anderes vorgestellt.

Zu diesem Zeitpunkt ging mir mein Haar bis zu den Knien. Ich trug es damals in zwei langen, geflochtenen Zöpfen. Meine Familie sind Sikh, unsere Haare lassen wir uns deshalb der Tradition entsprechend nicht schneiden. Ich war unglaublich stolz auf meine langen Zöpfe.

Ich erinnere mich sehr gut an meine damaligen Sorgen: Ich würde zuerst meine Haare verlieren, dachte ich, und danach würde ich sterben.

Glücklicherweise verlief meine erste Operation ohne größere Schwierigkeiten. Viele Jahre lang kehrte ich als ambulante Patientin zu Folgeuntersuchungen ins Birminghamer Kinderkrankenhaus zurück.

Doch im Jahre 2000, als ich gerade 17 geworden war und kurz davor stand, mein Studium zu beginnen, teilten die Ärzte mir mit, dass der Krebs zurückgekehrt war.

Die Untersuchung hätte eigentlich meine letzte sein sollen. Ich war gerade von der Universität nach Hause zurückgekehrt, als ein Anruf auf meinem Handy einging. Auf der anderen Seite der Leitung hörte ich die Stimme meines Arztes: “Sukhi, hier spricht Dr. Stevens.“

Als ich dies hörte war mir sofort alles klar. Das Krankenhaus rief mich sonst nie an. Dr. Stevens sagte: “Es tut mir so sehr leid, aber ich muss dich bitten, zu einer Besprechung ins Krankenhaus zu kommen.“

Die letzte Untersuchung hatte ergeben, dass sich in meiner Leber und in meiner Lunge zahlreiche kleinere Tumore gebildet hatten. Insgesamt waren es elf. Der Krebs hatte sich bereits weit über den Körper ausgebreitet, war metastasiert und deshalb bereits inoperabel.

Ich musste in die Chemotherapie, und zwar sofort.

Meinem Krankenhaus könnte ich dabei niemals genug für ihren Einsatz danken. Seit meinem elften Lebensjahr hatten sich meine die Ärzte um mich gekümmert, bis es ihnen nach meinem 19. Geburtstag dann gesetzlich verboten war, mich noch weiterhin im Kinderkrankenhaus zu behandeln.

Der Tod hing wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf

Die Zeit meiner zweiten Erkrankung war sehr wirr, und meine Erinnerungen an sie sind recht verschwommen. Ich kam mit den falschen Leuten in Kontakt, trank eine Menge Alkohol. Ich erinnere mich, wie ich einmal sogar betrunken bei der Chemotherapie auftauchte.

Zu dieser Zeit fiel mir das Haar in großen Büscheln aus, auch meine Augenbrauen, mein Körperhaar.

Bevor mir das Haar ausfiel, starben meine Haarwurzeln ab. Mein Kopfhaar wurde brüchig wie Stroh, bürsten konnte ich es daher nicht mehr. Ich versuchte, mein Haar so lang wie möglich zu halten und ließ mir einen Bob verpassen.

Doch letztendlich musste ich aufgeben. Ich hatte nicht den Mut, mir den Kopf in einem Frisörladen kahl scheren zu lassen.

Ein Freund meiner Mutter arbeitete damals bei einem Barbier, er kam zu uns nach Hause und rasierte mir alle Haare ab. Ich erinnere mich gut an ihn, er kam aus Jamaika und schenkte mir zum Trost eine ganze Reihe bunter, ziemlich cooler Bandanas.

Bald darauf hatte ich meine Krankheit wieder vergessen. Meine Mutter jedoch fürchtete sich auch weiterhin vor einer Rückkehr der Tumore.

Zu dieser Zeit ließen sich meine Eltern scheiden. Mein Vater verschwand komplett von der Bildfläche. Er zog damals zurück nach Indien, heiratete neu und verschwand aus meinem Leben.

Damals durchlebte ich ein wahres Gefühlschaos – ich fühlte mich verlassen und der Tod hing wie ein Damoklesschwert über meinem Kopf.

Die nächsten paar Jahre brachten ein Medikament und eine Operation nach der anderen. Wann immer ich eine ansteckende Krankheit bekam, wurde ich in die Quarantäneabteilung eingewiesen. Dort durfte ich keine Besucher empfangen, außer sie trugen Schutzkleidung, Handschuhe und eine Gesichtsmaske.

Meine Kräfte waren am Ende. Mein Körper schmerzte wie verrückt.

Wegen der Chemotherapie hatte ich seit Jahren keinen Appetit mehr auf Essen. Mit 21 beschloss ich daher, meine Medikamentenbehandlung auszusetzen.

Wenn ich sterben muss, dann zu meinen Bedingungen

Ich traf eine Entscheidung: Wenn ich schon an Krebs sterben musste, dann doch zumindest unter meinen eigenen Bedingungen. Nicht im Krankenhaus, nicht unter dem Einfluss von Medikamenten, sondern als normaler Mensch, mit einem ganz normalen Leben.

Wenn du anfängst, über den Tod nachzudenken, denkst du automatisch auch an Gott. Ich begann, meinen Glauben neu zu überdenken, mich auf eine spirituelle Reise zu begeben. Ich ließ mich als gläubige Sikh taufen. Mein Glauben half mir auch dabei, mich letztendlich für die Chemotherapie zu entscheiden.

Mir wurde damals gesagt, ich hätte keine Chance, jemals Kinder zu bekommen, insbesondere wegen der Medikamente gegen Brustkrebs, die ich damals einnahm.

Eine Heirat schloss ich deswegen aus – meine Familie kommt aus Indien, und indische Männer würden eine krebskranke Frau nicht einmal eines einzigen Blickes würdigen, geschweige denn sie zu heiraten.

Doch dann traf ich meinen jetzigen Ehemann. Unsere Verlobung war teilweise von unseren Eltern arrangiert worden. Mein Mann wusste, dass ich an Krebs litt und dass ich deswegen unter Umständen keine Kinder gebären könnte.

Bereits einen Monat nach unserer Hochzeit wurde ich jedoch schwanger.

Durch eine seltsame Fügung des Schicksals erfuhr ich von meiner Schwangerschaft im Kinderkrankenhaus von Birmingham. Dort hatte ich kurz zuvor eine Anstellung gefunden, meinen ersten Schwangerschaftstest machte ich dort.

Die Schwangerschaft selbst war nicht einfach. Ich hatte große Schmerzen und fühlte mich häufig unwohl. In der dreißigsten Schwangerschaftswoche ertastete ich dann eine Beule auf meinem Bauch.

Zunächst dachte ich, es wäre ein Tumor. Die Schmerzen waren unerträglich. Meine Ärzten und meine Hebamme schenkten meinen Bedenken aber kaum Achtung.

Meine Schmerzen wurden aber so schlimm, dass ich mich bald in die Notaufnahme begab. Dort nahm man meine Sorgen sehr viel ernster.

Ein MRT-Scan ergab dann, dass sich ein großer Tumor auf meiner Leber gebildet hatte, den die Ärzte allerdings zu 90 Prozent entfernen konnten. Die Geschwindigkeit, mit der sich der Tumor ausgebreitet hatte, erklärten die Ärzte durch meinen durch die Schwangerschaft durcheinander gebrachten Hormonhaushalt.

Am Tag nach der Operation gebar ich meinen Sohn. Ich war in der vierunddreißigsten Schwangerschaftswoche, entbunden wurde per Kaiserschnitt. Mein Kind wog nur 1700 Gramm.

Es hieß, ich könne keine Kinder kriegen – heute habe ich zwei

In den ersten drei Wochen seines Lebens bekam ich meinen Sohn nicht zu sehen. Er blieb im Krankenhaus in Birmingham, ich wurde nach Wolverhampton überstellt.

Meine Ärzte befürchteten ein akutes Leberversagen. Mit 27 Jahren bekam ich also gleichzeitig mein erstes Kind – und ein eindeutiges Todesurteil.

Meine postnatale Depression ließ danach nicht lange auf sich warten. Ich war verzweifelt.

Mehr zum Thema: Jennifer bekam die Diagnose Krebs – von da an hielt ihr Mann alles mit der Kamera fest

Rund acht Monate nach der Geburt meines Kindes hatte ich eine weitere Operation.

Der Tumor hatte sich nach der Geburt nicht weiter über meinen Körper ausgebreitet, was bedeutet, dass es zwischen meinen Schwangerschaftshormonen und dem Ausbruch des Leberkrebses eine Verbindung gegeben haben muss.

Ich wünschte mir damals sehnlichst ein zweites Kind. Mein Sohn sollte nicht als Einzelkind aufwachsen müssen.

Im Jahr 2015 bekam ich also mein zweites Kind. Dieses Mal verlief meine Schwangerschaft ohne Komplikationen, aber trotzdem bestand ich auf eine rigorose Vorbeugung. Ich ging regelmäßig zu meinem Onkologen und bekam häufig Kernspintomographien.

Auch mein Glaube half mir damals sehr. Ich war mir hundertprozentig sicher, ein zweites Kind bekommen zu können. Auch in mentaler und spiritueller Hinsicht bereitete ich mich durch intensives Beten und Meditieren auf die Schwangerschaft vor.

Schon mein ganzes Leben kämpfe ich mit dem Tod

Heute habe ich noch immer Krebs im Endstadium, die Krankheit hat mich nur aus irgendeinem Grund bis heute noch nicht umgebracht.

 

Mein Ehemann sagt immer, ich würde schon ein ganzes Leben mit dem Tod kämpfen. Dadurch habe ich viel gelernt.

Ich habe gelernt, immer auf meine Instinkte zu vertrauen. Wenn sich etwas schlecht anfühlt, dann vertraue immer auf dein Bauchgefühl.

Wenn nötig, vermeide auch bestimmte unangenehme Situationen. Bemühe dich immer um Antworten auf alle deine Fragen, und lass nicht locker bis du sie erhältst.

Mit meinem älteren Sohn unterhalte ich mich bereits ganz offen über alle Körperteile und über die Gesundheitspflege. Bereits in ihrer frühen Kindheit klärte ich meine Jungs zum Thema Hodenkrebs auf und brachte ihnen bei, sich selbst zu ertasten.

Ebenfalls verstehen sie bereits, dass es keine Schande ist, sich vor Ärzten oder Krankenschwestern entkleiden zu müssen. Ich will, dass meine Kinder sich in ihren Körpern wohlfühlen und gut auf ihre Gesundheit Acht geben. Dazu ist es wichtig, dass beide keine Scham empfinden, wenn sie sich einer Untersuchung unterziehen müssen.

Das Leben hat mir beigebracht, dass Menschen fast jeden Rückschlag bewältigen können. Dabei lag meine wichtigste Lektion nicht einmal nur darin, sondern in der Feststellung, dass wahre Stärke nicht darin liegt, sich mit allem “gut abzufinden“.

Wahre Stärke liegt in der Fähigkeit, sich aus eigener Kraft aus den dunklen Momenten des Lebens herauszuarbeiten, den Gesamtkontext nicht aus den Augen zu verlieren und sich selbst einen Ort der mentalen Stabilität zu bewahren.

Dies lässt sich auf verschiedenste Arten erreichen: Mir hat es beispielsweise sehr geholfen, in Therapie zu gehen, sich manchmal auch einfach nur auszuheulen, ein Tagebuch zu führen oder alleine zuhause zu meditieren.

Mein ältester Sohn hat ADHS und ist zudem auch Autist. Tagtäglich versuchen wir, ihm durch verschiedenste Techniken einen Ort der Ruhe und geistigen Entspannung zu schaffen.

Wenn ich selbst nicht all die schlimmen Erfahrungen mit meiner Krankheit gemacht hätte, dann würde es mir sehr viel schwerer fallen, meinem Sohn an seinen schlimmeren Tagen beiseite zu stehen.

Ich würde Anderen gerne nahelegen, offener mit dem Thema Krebs umzugehen, vor allem auch anderen Südostasiaten.

Die Art, wie bei uns über das Themen Gesundheit gesprochen wird, schockiert mich zwar – ich bin davon aber wiederum kaum überrascht. Sexuelle Gesundheit, geistige Gesundheit, Krebs, HIV/AIDS – all diese Themen gelten bei uns als Tabu und werden, wenn überhaupt, nur selten thematisiert.

Wenn ich einen Gedanken mit meinen Mitmenschen teilen würde, wäre es wohl dieser: Unterhaltet euch mit Freunden über eure Gesundheit, insbesondere, wenn euch etwas wirklich Sorgen bereitet.

Ein Knoten in der Brust? Geschwollene Hoden? Blut im Stuhlgang oder Urin? All diese Dinge dürft ihr keinesfalls ignorieren – geht zum Arzt. Für die eigene Gesundheit braucht sich wirklich niemand schämen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei HuffPost UK und wurde von Lukas Wahden aus dem Englischen übersetzt. Das Gespräch wurde von Brogan Driscoll protokolliert. 

(amr)