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05/05/2018 21:23 CEST | Aktualisiert 05/05/2018 21:28 CEST

Verena ist 21 und hat den Krebs besiegt – das ist ihre Botschaft an alle jungen Menschen

Ihre Welt ist bunt und fröhlich und das soll jeder sehen.

Wenn man sich die Bilder von Verena auf Instagram anschaut, sieht man sehr viel Lebensfreude.

Auf ihren Bildern sitzt sie, die sich dort Verouture nennt, mal bei Sonnenschein in einem Café in Paris, mal flaniert sie an einem Herbsttag durch einen Park in ihrer Heimatstadt Brühl, mal mit, mal ohne ihren Hund Murphy.

Auf allen Fotos dominieren die Farben Rosa und Weiß. 

Verenas bonbonfarbene Dokumentation des Lebens vermittelt den typisch nonchalanten Optimismus, von dem Instagram lebt. Bei vielen ist er konstruiert, um Followerzahlen zu generieren.

Für Verena ist er überlebenswichtig.

Er hilft ihr, einen Schicksalsschlag zu verarbeiten, der sie vor einigen Jahren aus dem Leben gerissen hat: Schilddrüsenkrebs.

Ein Lehrer verwechselt Verenas Krebs-Erkrankung mit Faulheit

Es fing alles damit an, dass sie immer besonders müde war, erzählt mir Verena. Zu dem Zeitpunkt ist sie gerade mal 15 Jahre alt.

Eigentlich ist das ein Alter, in dem junge Teenager aufdrehen. Bei Verena passiert das Gegenteil. Sie wird träge und lustlos.

Auf einer Klassenfahrt nach Berlin schläft sie bei jeder Gelegenheit ein. Als sie im Bundestag bei einer Führung erneut wegnickt, platzt ihrem Lehrer der Kragen. Er leitet ein Disziplinarverfahren ein. Verenas Müdigkeit ist für ihn nichts anderes als Faulheit und Desinteresse.

Ihre Eltern schieben die Müdigkeit auf mangelnden Sport. Dabei ist Verena eigentlich passionierte Reiterin und hat auch schon Turniere bestritten.

Trotz Müdigkeit und Atemnot denkt niemand an Krebs

Zu ihrer Müdigkeit kommt bald Atemnot dazu. Trotzdem findet Verena weiterhin andere Gründe für die Symptome.

Die Atemnot schiebt sie auf eine unentdeckte Allergie, die Müdigkeit versucht sich durch mehr Bewegung auszugleichen. Trotzdem geht es ihr schlechter und schlechter.

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In der Schule bekommt Verena immer mehr Probleme. Der Lehrer schikaniert sie weiter wegen ihrer Antriebslosigkeit, macht sie im Unterricht fertig.

Es ist eine Zumutung für ihre ohnehin angeschlagene Psyche.

Ihre Mutter schickt sie zum Hausarzt

Als dieser Lehrer verkündet, in ein paar Tagen in Rente zu gehen, beschließt Verena, bis dahin zu Hause zu bleiben. Von den freien Tagen erhofft sie sich etwas Erholung.

Verenas Mutter schlägt vor, pro forma einen Gesundheitscheck machen zu lassen. Niemand in Verenas Familie rechnet damit, dass Verena sich in Gefahr befindet.

Irgendwas stimmt mit der Schilddrüse nicht.”

Als der Hausarzt das Ergebnis des Bluttests bekommt, sieht das nicht dramatisch aus. Nur irgendwas stimmt mit der Schilddrüse nicht.

Ihr Arzt vermutet eine Hypothyreose, eine Schilddrüsenunterfunktion, wie sie sehr viele Menschen in Deutschland haben. In der Regel ist das harmlos.

Nur eine Sache macht den Arzt stutzig: Eine Schilddrüsenunterfunktion verlangsamt den Stoffwechsel, die Betroffenen nehmen zu. Verena aber ist extrem schlank. Außerdem bekommt sie Haarausfall, kann sich inzwischen kaum auf den Beinen halten.

Die Ärzte entfernen die komplette Schilddrüse

Der Hausarzt schickt Verena zum Radiologen, der sich ihre Schilddrüse mit Ultraschall genauer ansieht. Und einen viel zu großen Knoten entdeckt.

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Noch während Verena in einer Klinik auf dem Operationstisch in der Narkose liegt, wird der Knoten in der Pathologie untersucht. Die Ergebnisse sind diesmal eindeutig: Schilddrüsenkrebs.

Die Ärzte entfernen die komplette Schilddrüse, dazu 39 Lymphknoten, wovon 29 bereits von Metastasen befallen sind, wie Tests später ergeben.

Als Verena aufwacht, blickt sie in die sorgenvollen Gesichter ihrer Eltern. Obwohl sie die genaue Diagnose noch nicht kennt, weiß sie, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. 

Verena H
Ich war ein echtes Strahlemännchen. Leider ein radioaktives Strahlemännchen.”

Verena muss sich zusätzlich einer Radiojodtherapie unterziehen. Dafür schluckt sie eine Kapsel mit radioaktivem Jod, das den Krebs von innen zerstören soll.

In dieser Zeit darf sie sich aufgrund der von ihr ausgehenden Radioaktivität kleinen Kindern nicht nähern. Ihre bloße Anwesenheit hätte sie krank gemacht.

Die meiste Zeit während der Therapie verbringt Verena deshalb in Isolation.

Übelkeit ist eine Nebenwirkung der Radiojodtherapie. Aber sehr bald merkt Verena, dass die Nebenwirkungen noch weiter reichen, bis in ihren Freundeskreis.

In einem Wimpernschlag wird Verena erwachsen.

Von ihrem großen Freundeskreis bleibt am Ende nicht viel über. Verena kann nicht mitmachen, wenn die anderen Grenzen testen, Alkohol trinken, Partys feiern. Sie ist außen vor, wenn es um oberflächliche Diskussionen geht. Sie hat mit Existenziellem zu kämpfen.

Verena fällt in ein Loch, bekommt Depressionen.

Wendepunkt Reha

Mit der Reha 2016 kommt dann der Wendepunkt. Verena lernt andere Krebskranke kennen. Sie schöpft Mut, sich ihrer Krankheit zu stellen. Und lernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

In der Reha wird Verena so akzeptiert, wie sie ist. Sie ist nicht in erster Linie die Kranke, die andere. Sie darf einfach Verena sein.

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Sie muss brutal schnell lernen, wozu andere viele Jahre Zeit haben: Sie muss lernen, wem sie vertrauen kann. Denn sie hat keine Kraft zu vergeuden an Menschen, die dann doch nicht zu ihr stehen.

Sie muss die Gelassenheit entwickeln, ihren eigenen Weg zu gehen, auch wenn die, die sie für ihre Freunde hielt, da nicht mitgehen.

Sie muss als Teenager lernen, dass nichts auf dieser Welt selbstverständlich ist und die kostbarsten Dinge, wie Gesundheit und Freundschaft, kein Geld kosten.

Dieser Crashkurs im Leben, im Überleben kann Menschen verbittern. Verena nicht. Sie hat sich auf das konzentriert, was gut ist

Ich lasse mir meine Lebensfreude nicht nehmen.”

Wenn Verena von ihrer Sicht auf die Welt erzählt sie, hat sie ein Lächeln im Gesicht.

Sie hat eigentlich fast immer ein Lächeln im Gesicht, wie auf ihren Bildern auf Instagram. Ihre Welt ist bunt und fröhlich und das soll jeder sehen.

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Mit ihren Followern ist Verena im ständigen Kontakt. Viele von ihnen bewundern Verena für ihre Stärke. Bewundern ihren scharfen Blick für die kleinen Dinge des Lebens. Sie lassen sich anstecken davon.

Das Feedback ihrer Follower und anderer Blogger zeigt Verena, dass es viele Menschen gibt, die positive und optimistische Menschen wie sie in ihrem Leben brauchen.

Wie sie damals ihre Freunde und Familie brauchte, als bei ihr der Krebs ausbrach.

Und wie sie sie wieder brauchen könnte. Die Gefahr, dass der Krebs erneut ausbricht, ist ihr ständiger Begleiter.

Deswegen kann sie nicht verstehen, wie gesunde Menschen ihr Leben, beispielsweise durch zu schnelles Autofahren, ständig aufs Spiel setzen:

Manche müssen um ihr Leben kämpfen und andere schmeißen es einfach weg.“

Verena hofft, dass sie durch ihren Blog und ihre Geschichte Menschen dazu bringen kann, mehr auf sich und ihre Mitmenschen zu achten.

Denn gesund zu sein, ist nicht so selbstverständlich wie viele denken.

(sk/tb)