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01/06/2018 13:58 CEST | Aktualisiert 01/06/2018 13:58 CEST

Kreativität: Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft

clu via Getty Images

Wir nehmen die Welt nicht nur wahr, wie sie ist, wir können uns auch alternative Szenarien vorstellen. Anders gesagt: Wir verfügen über eine kreative Software, die wir so recht eigentlich pflegen sollten. Leider ist in unseren Schulen das Gegenteil der Fall: Der Schulplan sieht die Förderung innovativen Denkens nicht vor; die Kreativität wird nicht gefördert, sondern abgewürgt. „Die Unterdrückung der Kreativität spiegelt gesellschaftliche Befindlichkeiten wider. Lehrer unterrichten lieber brave Schüler, denn kreative Kinder und Jugendliche halten sich oft nicht an die Regeln. Eine Umfrage unter amerikanischen Eltern ergab, dass ihnen in ihren Kindern Respekt gegenüber Erwachsenen wichtiger ist als eigenständiges Denken, Anstand wichtiger als Neugierde und Benimm wichtiger als Kreativität“, berichten David Eagleman und Anthony Brandt in Kreativität. Wie unser Denken die Welt immer wieder neu erschafft (Siedler Verlag, München 2018).

David Eagleman, geboren 1971, ist Hirnforscher; Anthony Brandt, geboren 1961, ist Komponist. Die beiden sind seit vielen Jahren befreundet und plädieren mit diesem Buch fürs kreative Denken. Genauer: Sie widmen sich der Frage, wie Neues entsteht.

Wir Menschen sind der Zukunft zugewandt, der Entwurf von Zukunftsszenarien gehört zu den wichtigsten Aufgaben des Gehirns. „Soll ich zustimmend nicken oder dem Chef sagen, dass er Blödsinn daherredet? Will ich heute Abend Chinesisch, Italienisch oder Mexikanisch essen gehen? (...) Wir nehmen das, was ist und spielen damit Was wäre wenn.“ Wir tun das ständig. Kein Wunder also, dass wir gar nicht mehr merken, wie kreativ dieser Vorgang eigentlich ist.

Kreativität entsteht nicht im luftleeren Raum, Erfindungen erfolgen nicht aus spontaner Eingebung, sind nicht das Ergebnis von Geistesblitzen oder eines Aha-Erlebnisses. Stets haben Neuerungen Vorläufer, gründen sie auf unserer Erfahrung und den Rohstoffen in unserer Umgebung, die wir neu verbinden. Kreativität bedeutet, neue Zusammenhänge zu erkennen.

Nehmen wir zum Beispiel unser Gedächtnis. Dieses zeichnet unsere Erlebnisse nicht detailgetreu auf, sondern verzerrt, vermischt und vermengt sie, denn unser Gehrin funktioniert nicht wie ein Computer, der vorhersehbar tut, was er tun soll. Vielmehr stehen die verschiedenen Hirnregionen in ständigem Austausch, keine arbeitet für sich allein. „Bestimmte Fähigkeiten können zwar auf bestimmte Hirnregionen beschränkt sein, aber Kreativität ist eine ganzheitliche Angelegenheit.“

Biegen, Brechen, Verbinden

Gemäss Eagleman und Brandt gibt es „nur drei grundlegende Strategien der Kreativität: Biegen, Brechen und Verbinden.“ Mit „Biegen“ meinen sie die Veränderung eines bestehenden Vorbildes. Verändern lassen sich etwa Grösse, Form, Material, Geschwindigkeit, Abfolge etc. Die Möglichkeiten sind endlos. Unter „Brechen“ verstehen sie, ein Ganzes in Teile zu zerlegen und aus den Bruchstücken etwas Neues zu schaffen. Dabei wird oft Überflüssiges weggelassen. Beim „Verbinden“ werden mehrere Dinge auf kreative Weise miteinander kombiniert. Man denke etwa an den Minotaurus (Mensch und Stier) der alten Griechen oder die Sphinx der Ägypter (Mensch und Löwe).

Oft haben Forscher in der Natur Lösungen für knifflige Probleme gefunden. So stand etwa der japanische Ingenieur Elji Nakatsu vor dem Problem, dass die Lokomotiven bei Zügen, die mit hoher Geschwindigkeit fuhren, einen ohrenbetäubendern Lärm verursachten. Da die Beobachtung von Eisvögeln ihn gelehrt hatte, dass diese dank ihres spitz zulaufenden Schnabels beim Eintauchen ins Wasser kaum eine Welle zurückliessen, kam er auf die Idee, „seiner Lomkomotive einen Schnabel zu verpassen. Und tatsächlich senkt das den Lärmpegel, wenn der Zug mit 300 Kilometern pro Stunde dahinrast.“

Dass auf unserem Planeten Abermillionen von Arten leben, hat damit zu tun, dass sich Mutter Natur vom Grundsatz „So viele Optionen wie möglich“ leiten lässt. Ebenso zeichnen sich besonders kreative Geister aus – sie sind auf ganz unterschiedlichen Gebieten aktiv. So revolutionierte etwa Albert Einstein nicht nur unsere Vorstellungen von Raum und Zeit, sondern er „entwickelte unter anderem einen neuen Kühlschrank, einen Drehkompass, ein Mikrofon, Flugzeugteile, wasserfeste Kleidung und eine neue Kamera.“ Und er liess sich eine Weste patentieren.

„Motivation ist alles“, behaupten David Eagleman und Anthony Brandt. Und diese kann gefördert werden. Wie, das zeigt dieses edel gestaltete, exquisit illustrierte und gut geschriebene Buch – ein Plädoyer für eine Schule der Kreativität, reich an praktischen Beispielen.