LIFE
24/07/2018 18:11 CEST | Aktualisiert 03/08/2018 16:50 CEST

Krankenschwester: "Ohne uns würde das System zusammenbrechen"

"Es war mal mein Traumberuf – jetzt ist es nur noch ein Horrorszenario."

Im Video oben beklagt sich eine Krankenschwester mit einem Post bei Jens Spahn über das menschenunwürdige Gesundheitssystem – der antwortet ihr.

Es gab da mal einen Patienten, der mir sagte, ich hätte so schöne Augen, wie ein Husky. Ein paar Tage später lag er im Sterben und ich bin bis weit nach meiner Spätschicht bei ihm geblieben.

Immer wieder hat er seine Augen geöffnet und mich angesehen, wenn ich mit ihm sprach. Ich sagte ihm, das alles gut wird, dass er loslassen soll und gehen. Seine Augen lächelten und er ist irgendwann für immer eingeschlafen.

Es sind diese Momente einer Krankenschwester, die mit keinem Geld der Welt bezahlbar sind. Dieses Gefühl, Menschen zu unterstützen, wenn sie krank sind, wenn sie gesund werden, ihnen Ratschläge zu geben, für die sie unendlich dankbar sind.

Es macht Spaß, wenn Patienten unter deinen Händen gesund werden. Dass du dazu beiträgst, dass jemand wieder gesund nach Hause fahren – oder eben friedlich und nicht alleine sterben kann. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl.

alvarez via Getty Images

Vom Traumberuf zum Horrorszenario

Doch leider habe ich dieses Gefühl immer weniger. Denn es bleibt keine Zeit, keine Zeit für unsere eigentlich Arbeit in der Krankenpflege.

Es war mal mein Traumberuf – jetzt ist es nur noch ein Horrorszenario. Es ist nicht mehr das, was ich vor über 30 Jahren gelernt habe.

Früher waren wir für die Pflege der Patienten zuständig, heute orientiert sich unser Arbeitsalltag an den anderen Arbeitskräften im Krankenhaus – Ärzte, Physiotherapeuten, Service-Kräfte. Nach den anderen Berufsgruppen. Fällt jemand aus, kompensieren und improvisieren wir. Und hinzu kommt: Die Anzahl der Patienten hat sich verdreifacht.

Und alles nur, weil die Politik den Personalschlüssel nicht in den Griff bekommt.

Ich fühle mich hilflos, machtlos und eigentlich auch nicht mehr in der Lage, mich aufzubäumen. Das deutsche Gesundheitssystem ist sinnlos geworden. Und gemeinsam mit Kollegen haben wir schon vor 20 Jahren davor gewarnt, wir wussten, dass das passieren wird.

Mehr zum Thema: 30 Jahre nach Krebsdiagnose: Frau trifft ihre Krankenschwester wieder

Die Situation ist jetzt schon brisant, aber sie wird in den kommenden zehn Jahren noch viel schlimmer werden. Dann wird es noch viel weniger Personal geben als jetzt. Wir älteren Krankenpfleger werden in Rente gehen und es wird nichts nachkommen.

Es ist wie eine Froschsuppe, die jungen Leute hüpfen rein und ganz schnell wieder raus. Lösungsansätze gäbe es viele, aber keiner will sie angehen. Die Halbwertszeit einer Krankenschwester liegt bei 15 Jahren.

Es braucht jetzt eine Veränderung – sonst gehen die deutschen Kliniken zugrunde

Immer wieder überlege ich, etwas anderes zu machen. Aber was soll ich anderes machen? Ich bin 53 Jahre alt, ich finde keinen anderen Job. Ich kann nur versuchen, das alles besser zu machen und die Leute aufzurütteln. Doch ich habe langsam keine Kraft mehr.

Die Jungen machen das nicht mehr mit. Und das erfahrene Pflegepersonal versucht, nicht kraftlos unterzugehen. Deshalb will ich Jens Spahn und allen anderen sagen: Ihr müsst euch JETZT bemühen, das junge Gemüse wertzuschätzen, zu motivieren, Anreize zu schaffen damit sie bleiben. Sonst gehen die deutschen Kliniken zugrunde.

Ohne uns in der Krankenpflege funktioniert nichts. Wir sind die ersten, die Patienten sehen. Wir sind diejenigen, die im Notfall als erstes an Ort und Stelle sind, egal ob tags oder nachts. Wir sind diejenigen, die uns Zeit nehmen für die Befindlichkeiten jedes Einzelnen – sofern es uns möglich ist. Das sind nicht die Ärzte.

Doch wir werden immer weniger – und dabei wird auch noch alles komplexer.

Der Stress wird immer höher, die Aufgaben immer komplexer

Es gibt immer höhere Qualitätsstandards. Grundsätzlich ist das ja gut, aber das endet in einem Bürokratie-Wahnsinn. Ich bin seit Jahrzehnten Stationsleiterin und inzwischen verbringe ich sechs von acht Arbeitsstunden mit Papierkram. Risikoprofile erstellen, Pflegescore, Aufnahme- und Entlassprofile, Kontrollen, Visiten dokumentieren usw.

Auch werden die Untersuchungen immer komplexer, auf die wir Patienten vorbereiten und aufwendige Nachsorge betreiben müssen. Das raubt Zeit und Energie. Dass sich die Medizin weiterentwickelt ist natürlich wichtig, aber unser Berufsbild bleibt auf dem alten Stand.

Mehr zum Thema: 70.000 Mal geteilt: Dieses Foto zeigt zauberhaft, was für einen großartigen Job Hebammen machen

Es gibt oft nur einen Arzt auf Station. Als Pflegekraft bist du oft diejenige, die offene Fragen zu Untersuchungen beantworten muss, weil bei der Arzt-Visite nicht genügend Zeit dafür ist.

Eigentlich sollten auf eine Pflegekraft nur sechs Patienten kommen – bei uns sind es 8 bis 12. Auch gibt es eine immer höhere Fluktuation, früher blieben Patienten zehn Tage, heute sind es fünf. Das ist ein zusätzlicher Stressfaktor.

Und weil nicht nur bei uns Personalmangel herrscht, sondern auch in anderen Abteilungen im Krankenhaus, müssen wir Arbeiten im Service, der Reinigung und anderes mit übernehmen. Ausreichend Zeit zu pflegen habe ich schon lange nicht mehr.

Ich versuche immer, mich bei den Patienten zu entschuldigen, bis ich mich darauf besinne, dass ich eigentlich ja nichts dafür kann. Ich agiere nur noch, man wird so fremdgesteuert, weil man selber die Arbeit nicht machen kann, was man sich vornimmt.

Manche Situationen sind frustrierend

Ich musste schon nachts einen Patienten auf dem Boden liegen lassen, weil er ständig hingefallen ist. Ich habe ihn auf eine Matratze gelegt, aus Hiflosigkeit und aus Sicherheit für den Patienten. Nachts alleine als Pflegekraft muss man schwierige Entscheidungen treffen. Solche Situationen sind frustrierend.

In der Ausbildung werden die jungen Pflegerinnen und Pfleger nicht auf all das drumherum vorbereitet. Wenn sie bei uns ankommen und sehen, wie die Zustände sind und was alles zu tun ist, sind sie überfordert.

Mehr zum ThemaLiebe Krankenschwestern, erst als mein Sohn Krebs bekam, begriff ich, wie viel ihr leistet

Wenn wir Praktikanten haben, kann ich die Situation schwer kaschieren. Ich will die jungen Menschen ermutigen, den Pflegeberuf zu ergreifen, aber wer arbeitet schon gerne mehr als zehn Stunden am Tag und springt regelmäßig an Wochenenden ein?

Ich versuche ihnen dann aber zu zeigen, wie breit das Wissensspektrum einer Pflegekraft ist und was für ein wichtiger Teil des Gesundheitswesens wir sind.

Es gibt nur einen Ausweg: Mehr Personal

Mehr Geld verdienen? Das brauche ich nicht, was nützen mir 1000 Euro mehr im Monat, wenn ich mir Nacht für Nacht mehr als zehn Stunden um die Ohren schlagen muss, manchmal nicht mehr weiß, wie ich nach Hause fahren soll vor Müdigkeit oder eine Doppelschicht einlegen muss, weil ein Kollege krank geworden ist?

Es gibt immer mehr pflegebedürftige Menschen, die wir auch in den Krankenhäusern versorgen müssen. Um die Versorgung und Qualität unserer Arbeit garantieren zu können, muss ein gutes Personalwesen her. Krankenschwestern müssen wieder ihre gelernten Aufgaben machen können und aufhören, Fremdarbeiten für Ärzte, Reinigungspersonal etc. zu übernehmen.

Das System funktioniert so nicht. Es gibt nur einen Ausweg: Wir brauchen einen höheren Stellenschlüssel und mehr Hilfskräfte. Nur so können wir wieder mehr Zeit für unsere eigentlich Arbeit haben und junge Menschen für unseren Beruf begeistern können.

Denn ohne uns Krankenpfleger könnten Krankenhäuser nicht mehr existieren.

Der Artikel basiert auf einem Gespräch zwischen Elke W. und Uschi Jonas.