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08/06/2018 13:54 CEST | Aktualisiert 11/06/2018 14:35 CEST

Krank im Urlaub: Lücke im System kann Reisende in den Ruin treiben

Wir haben uns das angesehen.

  • Wer im Ausland erkrankt, muss in vielen Fällen selber für die Behandlungs-Kosten aufkommen.
  • Denn die gesetzliche Krankenkasse zahlt nur innerhalb der EU – und auch dort gibt es einen Haken.
  • Oben im Video: Diese ADAC-Retter holen verletzte Urlauber aus der ganzen Welt zurück – wir haben sie begleitet.

Die Urlaubssaison steht vor der Tür. Laut der Versicherung Europ Assistance planen 64 Prozent der Deutschen, 2018 in den Urlaub zu fahren.

Es geht vor allem ins europäischen Ausland, aber auch in exotische Länder wie Sri Lanka oder Thailand. Doch aus dem Traum von Entspannung und Ruhe kann innerhalb von Sekunden ein Albtraum werden. Ein Autounfall auf dem Weg ins Hotel, ein Schlaganfall an der Pool-Bar oder ein Herzinfarkt während des Frühstücks – all diese Szenarien sind bittere Realität.

Wie komme ich wieder nach Hause?

Doch bei vielen Urlaubern kommt das böse Erwachen erst nach einem solchen Schicksalsschlag. Bin ich im Ausland überhaupt versichert? Wie sind hier die medizinischen Zustände? Und wie komme ich wieder nach Hause?

Viele Patienten stellen sich solche Fragen erst dann, wenn es schon zu spät ist.

Rund 50 Prozent der Urlauber haben in einer Befragung angegeben, eine zusätzliche Reisekrankenversicherung zu besitzen. Das heißt im Umkehrschluss: Jeder Zweite ist ohne zusätzlichen Versicherungsschutz im Ausland unterwegs.

Dass die Absicherung medizinischer Notfälle im Ausland für Deutsche immer unwichtiger wird, ist auch für Bastian Landorff von der Verbraucherzentrale Bayern ein besorgniserregender Trend:

“Manche Versicherte sehen die Thematik des Versicherungsschutzes unbeschwert, da sie davon ausgehen, ohnehin bereits einen Schutz im Ausland zu haben. Das kann aber ein trügerisches Gefühl sein.”

Einige Urlauber verlassen sich beispielsweise uneingeschränkt auf den Schutz ihrer Krankenkasse. Deutschland hat mit einigen Staaten sogenannte bilaterale Sozialversicherungsabkommen geschlossen. Durch ein solches Abkommen wird der soziale Schutz des Versicherten geregelt, der sich in dem jeweiligen Land aufhält. Aber die Krankenversicherung ist nicht mit inbegriffen. Und so kann, nach Informationen der Allianz-Versicherung, beispielsweise die Behandlung eines Insektenstiches mit allergischem Schock in den USA plötzlich 6000 US-Dollar kosten.

Immerhin: In der Europäischen Union sollte das doch, zumindest in der Theorie, anders aussehen. Mit der Europäischen Krankenversicherungskarte, die auf der Rückseite der nationalen Krankenversicherungskarte abgedruckt ist, hat jeder Versicherte in allen EU-Mitgliedsstaaten Anspruch auf Behandlung. Theoretisch.

Doch in der Praxis bleiben Kosten oftmals trotzdem am Urlauber hängen.

GKV-Spitzenverband
Mit der Europäischen Krankenversicherungskarte hat man in der EU Anspruch auf Behandlung.

In der EU ist man versichert – zumindest in der Theorie

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen nämlich in der Regel nur die Kosten, die auch von den Kassen im jeweiligen Land erstattet würden. So müssen bestimmte Medikamente oder Untersuchungen aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Das Gleiche gilt für den Aufenthalt in bestimmten Krankenhäusern.

Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt im europäischen Ausland nur die Kosten für Ärzte und Krankenhäuser, die zur Versorgung der Versicherten berechtigt sind. Viele Ärzte behandeln zudem nur gegen Privatrechnung, die die Krankenkasse zu Hause in der Regel nicht ersetzt. Im schlimmsten Fall muss ein Aufenthalt in einer Privat-Klinik komplett selbst bezahlt werden.

Diese gefährliche Lücke im System der Krankenversicherungen wird finanziell besonders kritisch, wenn der verletzte Urlauber zurück nach Deutschland geholt werden soll. Dieser Fall tritt meistens bei schlimmen Verletzungen oder Erkrankungen auf, die im Ausland nur unzureichend behandelt werden können. Verbrennungen, Hirnblutungen oder Herzinfarkte sind alltägliche Beispiele.

Der Transport mit einem Linienflugzeug ist in solchen Fällen nahezu ausgeschlossen. Stattdessen kommen Ambulanz-Jets zum Einsatz. Privat-Flugzeuge, die zu “fliegenden Intensivstationen” umgerüstet wurden. Mit den Geräten an Board kann der Patient überwacht werden. Außerdem haben Ambulanz-Jets im Luftraum Vorrang vor allen anderen Flugzeugen.

Der ADAC betreibt beispielsweise über ein Tochterunternehmen in Nürnberg vier eigene Ambulanz-Jets, die verletzte Urlauber aus der ganzen Welt zurückholen. Andere Versicherungen haben zwar keine eigene Flotte, chartern aber für die Rückholung der Patienten entsprechende Flugzeuge. 

Die Zahl der Rücktransporte steigt an

Hauptursachen für die Krankenrücktransporte per Flugzeug sind beim ADAC in rund 70 Prozent der Fälle Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfälle und Hirnblutungen. 15 Prozent gehen auf Unfälle zurück, besonders auf Verkehrs- und Sportunfälle.

Die Zahl der Rücktransporte steigt an: Für rund 12.900 verletzte Urlauber organisierte der ADAC einen Krankenrücktransport in eine Klinik in der Heimat – das sind rund 800 Patienten mehr als im Vorjahr. Rund 4.400 dieser erkrankten oder verletzten Urlauber (plus zehn Prozent) wurden per Flugzeug zurückgebracht. 

Tim Grubl
Bis zu 10 Personen können in so einem Ambulanz-Jet nach Hause gebracht werden.

Im schlimmsten Fall ist der Patient finanziell ruiniert

Ein Krankenrücktransport in eine Klinik in Deutschland ist, egal in welchem Land, nicht über die Krankenkasse abgedeckt. Für den Patienten kann das im schlimmsten Fall den finanziellen Ruin bedeuten, erklärt Jochen Oesterle vom ADAC:

“Je nach Maschinentyp kostet ein ADAC Ambulanz-Sonderflug etwa von Ägypten oder den Kanarischen Inseln nach Deutschland bis zu 45.000 Euro. Ein Intensivtransport von Mexiko kann bis zu 70.000 Euro und von Asien oder Australien bis zu 130.000 Euro kosten. Arzt- und Krankenhauskosten sind dabei noch nicht berücksichtigt.”

Auch das Auswärtige Amt bestätigt, dass verletzte Urlauber vor Ort anfallende Kosten ohne ausreichenden Versicherungsschutz selbst tragen müssen. Diese Kosten könnten nicht von deutschen Auslandsvertretungen übernommen werden:

“Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass der Arzt, beziehungsweise das Krankenhaus eine Ausreiseverweigerung erwirkt, wenn die Rechnung nicht beglichen wird.”

Neben dem Finanziellen ist auch die Qualität der medizinischen Versorgung im Ausland von entscheidender Bedeutung. Und die unterscheidet sich – selbst innerhalb Europas. Nicht jedes Land hat Spezialkliniken, die zum Beispiel für die Behandlung von Verbrennungen ausgestattet sind. Die 38-jährige Susanne Tröster ist seit 2010 Flugärztin beim ADAC – und hat auch im europäischen Ausland schon einiges erlebt:

“Es gibt halt auch im europäischen Ausland Orte, wo man schon ein bisschen über die Versorgung schockiert ist. Ich hatte einen Flug nach Südfrankreich in einen kleineren Ort. Dort sollten wir einen Patienten im Krankenhaus abholen und da kam es einem so vor wie vor 20 bis 30 Jahren. Hygienisch mangelhaft, personell nicht gut ausgestattet und die Geräte wurden in Deutschland gefühlt vor 10 Jahren ausgemustert.”

Dass sich nur jeder zweite Urlauber für einen zusätzlichen Reisekrankenschutz entscheidet, kann fatale Folgen haben. Denn viele sind sich nicht bewusst, was diese Lücke im Sozialsystem für Auswirkungen haben kann. Dabei bekommt man eine Reisekrankenversicherung bei vielen Anbietern wie zum Beispiel der Allianz, Hanse-Merkur, ADAC oder DRK schon für unter zehn Euro im Jahr.

Abgedeckt sind alle Behandlungskosten im Ausland, die Rückholung in ein deutsches Krankenhaus, die Überführung im Todesfall, die Personen-Bergung und die aktive Unterstützung und Beratung durch deutsche Ärzte.

Eine Investition, die einem das Leben retten und den finanziellen Ruin ersparen kann.

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(jds)