ELTERN
10/03/2018 10:41 CET

Wie Sexualkundelehrerinnen mit ihren Söhnen über Sexualität sprechen

"Meist beginnen Kinder mit fünf Jahren sexuelle Fragen zu stellen.“

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Eltern sollen schon früh beginnen, mit ihren Kindern über Sexualität zu sprechen. 
  • Sexualkundelehrerinnen plädieren für Offenheit, wenn sie mit ihren Kindern über Sexualität sprechen
  • Sie bringen ihnen bei, ihren eigenen Körper und den eines anderen zu respektieren

Jetzt, da die MeToo- und die Time’s Up-Bewegungen immer stärker und die Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung gegen große Namen in allen Industriezweigen immer lauter werden, da wird es immer deutlicher, dass unsere Gesellschaft eine Diskussion über Einvernehmlichkeit braucht.

Und wenn man den beängstigenden Zustand der Sexualerziehung in den USA bedenkt, dann erscheint es notwendig, dass Eltern diesen Dialog selbst zuhause führen müssen.

Während alle jungen Menschen einen gesunden Sinn für Einvernehmlichkeit entwickeln müssen, so erscheint es für Jungs in letzter Zeit doch besonders dringlich.

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► Tatsächlich werden die meisten Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung, über die in den Medien berichtet wird, gegen Männer erhoben.

► Hinzu kommt noch, dass männlicher Opfer von sexueller Gewalt oft mit einem besonders großem Stigma versehen werden und es für sie weniger Anlaufstellen gibt als für Frauen.

Die HuffPost hat mit Sexualkundelehrerinnen gesprochen, die selber Kinder haben, und nachgefragt, wie sie mit ihren Söhnen und auch mit ihren Schülern über das Thema der Einvernehmlichkeit sprechen.

► Das hier sind ihre Antworten und ihre Ratschläge für Eltern.

Früh beginnen

“Wir müssen Kindern schon wirklich früh eine Vorstellung von Einvernehmlichkeit vermitteln und ihre Herzen und auch ihren Verstand dafür öffnen. Das macht es so viel leichter, dieses Thema auch in einen sexuellen Bezug zu übertragen“, so Amy Lang, eine Sexualkundelehrerin, die selber einen 17-jährigen Sohn hat, gegenüber der HuffPost.

“Es ist wichtig, den Kindern schon früh eine Vorstellung von diesem Konzept zu vermitteln, damit sie verstehen, dass ihre Körper ihnen alleine gehören – und, dass eine andere Person nicht nur fragen muss, bevor sie den Körper berühren darf, sondern auch sicherstellen muss, dass es in Ordnung ist. Und wenn es nicht OK ist, dann dürfen sie einen anderen Körper auch nicht berühren“, so die Sexuallehrerin Robin Wallace-Wright gegenüber der HuffPost.

► ”Das ist ein Schutzverhalten gegen sexuelle Übergriffe, das jedes Kind lernen muss.“

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Wallace-Wright, die auch einen erwachsenen Sohn und eine erwachsene Tochter hat, erklärte weiter, dass Eltern ihren Kindern auch beibringen müssten, was in dem Fall zu tun sei, wenn jemand ihr „Nein“ nicht akzeptieren würde.

In diesem Fall müssten sich Kinder immer an einen Erwachsenen wenden, dem sie vertrauten – selbst dann, wenn der Täter ihnen eingebläut hätte, dass es ein Geheimnis bleiben solle. 

Lydia M. Bowers betonte außerdem die Wichtigkeit, rund um die Einvernehmlichkeit ein Rahmenwerk aufzubauen, und zwar von Geburt an. Das solle Kinder nicht nur schützen, sondern ihnen auch ein gesundes Denken und Verhalten vermitteln.

“Die Nachricht, die wir Kindern heute senden, sei es nun beabsichtigt oder nicht, tragen sie mit sich bis ins Erwachsenenalter“, erklärte Bowers. Sie ist Sexuallehrerin und hat einen dreijährigen Sohn. 

“Wir denken die Dinge oft mit dem Muster ‘Ich will nicht, dass mein Kind eines Tages mal zu einem Opfer wird’. Dabei vergessen wir, dass auch die Täter einmal Kinder waren. Es ist wichtig, dass wir jetzt das Verhalten im Auge behalten und uns dabei fragen, wie dieses Verhalten wohl in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren aussehen wird.“

 

Aufbauen einer Körper-Autonomie

Das Vermitteln der Idee der Einvernehmlichkeit beginnt mit dem Vermitteln einer Körper-Autonomie. Alle Sexuallehrer, mit denen wir gesprochen haben, sagten, dass sie damit beginnen würden, ihren Kindern beizubringen, ihren eigenen Körper zu respektieren, aber auch die Körper anderer Menschen.

Bei Kindern, die noch nicht sprechen können bedeute das auch, dass man die einzelnen Schritte beim Windeln wechseln, Baden und beim Spielen durchspreche und genau auf ihre Reaktion achte, erklärte Bowers.

“Kleine Kinder brauchen die Berührung und die Geborgenheit, so lernen sie Vertrauen aufzubauen, aber wir vermitteln ihnen auch das Konzept der Einvernehmlichkeit, in dem wir es respektieren, wenn sie nicht berührt werden wollen.“

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“Eltern sollten ihren Kindern nicht das Gefühl geben, dass sie das Kitzeln, Schmusen oder andere körperliche Ausdrücke von Zuneigung zulassen müssen“, fügte sie weiter hinzu. Auch Eltern sollten ein ‘Nein’ ihrer Kinder akzeptieren und damit zeigen, dass Grenzen aufgebaut und akzeptiert würden.

“Wenn mein Kind von mir gekitzelt werden möchte, und ich aber erst aufhöre, wenn es anfängt zu weinen, welche Nachricht sende ich meinem Kind dann? Wie wird man so ein Verhalten in 15 Jahren betrachten, wenn mein Kind auch mit einem Partner oder einer Partnerin körperlich wird?“, erläuterte Bowers weiter.

“Wenn ich aber kitzle, dann eine kleine Pause einlege und frage: ‘Soll ich weitermachen?’ und dann entweder aufhöre oder weitermache, je nachdem, wie die Antwort meines Kindes ausgefallen ist, dann signalisiere ich meinem Sohn etwas ganz anderes: Eine Zustimmung kann gegeben und dann wieder zurückgezogen werden. Und nachzufragen, ob alle noch Spaß haben, verdirbt einem die Freude an der Sache nicht.“

Für die Sexualkundelehrerin Kim Cavill trifft das auch auf Ärzte zu. Cavill erklärte, dass ihr fünfjähriger Sohn unter einem Ekzem an einer empfindlichen Stelle gelitten habe, welches der Arzt sich ansehen musste.

► “Mein Sohn weiß, dass der Arzt ihn erst um Erlaubnis fragen muss, bevor er ihm die Hose auszieht“, erklärte sie.

“Der Arzt muss vor der Untersuchung fragen: ‘Darf ich mir deinen Po einmal ansehen? Ist das in Ordnung?’ Ich gebe hier keine Erlaubnis, das macht mein Sohn.”

Cavill merkt noch an, dass sie und ihr Sohn auch drüber gesprochen hätten, dass es manchmal Situationen geben könne, in denen sie einschreiten dürfe, wenn er seine Erlaubnis nicht geben wolle.

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“Grippeimpfungen machen meinem Sohn keinen Spaß, dann schreite ich ein und sage: ‘Ich bin rechtlich immer noch für dein Wohlergehen verantwortlich und ich bin davon überzeugt, dass diese Impfung gut für dich ist. Das liegt jetzt in meiner Verantwortung und ich werde diese Entscheidung für dich treffen, auch wenn du nicht zustimmst’”, erklärte sie. „Das alles kostet extra Zeit, aber letztendlich ist es das wert.“

Die Körper anderer Menschen respektieren

Körper-Autonomie ist eine zweispurige Straße. Es ist wichtig, Kindern auch beizubringen, dass sie den Körper eines anderen Menschen genauso respektieren müssen, wie sie es sich bei ihrem eigenen Körper wünschen. Das kann schon sehr früh geschehen.

“Wenn Kinder mit Spielzeug spielen, dann kann man ihnen erklären, dass sie erst fragen müssen, wenn sie mit einem Spielzeug spielen möchten, das ihnen nicht gehört, und, dass sie erst ein „OK“ von ihren Freunden abwarten müssen, bevor sie sich das Spielzeug nehmen dürfen. Und wenn die Freundin, der Bruder oder die Schwester ‘Nein’ sagt, dann müssen sie das respektieren“, erklärte Wallace-Wright.

“Auf die gleiche Weise kann man Kindern vermitteln, dass sie auch andere Grenzen respektieren müssen, eure eigenen Grenzen miteingeschlossen“, erläuterte sie weiter.

“Wenn euer Sohn, ohne vorher zu fragen, eure Tasche durchwühlt, um mit eurem Telefon zu spielen, dann nehmt ihr ihm das Telefon wieder weg und erklärt, dass man Mama vorher fragt, bevor man einfach so an ihre Tasche geht und etwas herausnimmt.”

“Oder wenn er seiner Schwester an den Haaren zieht und dann wegrennt, weil er das lustig findet, dann erklärt ihr ihm, dass er das vielleicht für einen witzigen Streich hält, aber es sind die Haare seiner Schwester und nicht seine eigenen Haare und er muss sie vorher um Erlaubnis fragen, wenn er an den Haaren ziehen möchte. Und wenn er das nicht will, dann sollte er so ein Verhalten auch nicht an den Tag legen.“

 

The Mother Company
Miles Is the Boss of His Body – ein Buch, mit dem Kindern mehr über persönliche Grenzen lernen können.

Cavill sagte, dass es wichtig sei, soziale Normen und Erwartungen dazu aufzubauen, wie man mit dem persönlichen Raum eines anderen Menschen interagiere.

► Wenn Kinder klein sind, dann würden sie ihren Ärger oft durch Schlagen ausdrücken – das könne zu einem guten Lehrmoment werden.

“Mit einem simplen ‘Wir schlagen nicht!’ ist es hier nicht getan. Ich sage dann zu meinen Kindern ‘Du hast grade den Körper von jemandem geschlagen und jetzt weint dieser Mensch, weil das weh tut. Hast du gefragt, bevor du geschlagen hast? Nein? Das darfst du nicht tun. Wie würde es dir gefallen, wenn dich jemand schlagen würde?’“, erklärte Cavill.

“Hier erklären wir also, dass es nicht nur moralisch falsch ist, jemanden zu schlagen, weil wir gesagt haben, dass man so etwas nicht tut. Es ist auch falsch, weil hier die persönliche körperliche  Autonomie eines anderen Menschen verletzt wurde.“

 

Bowers erläuterte, dass man als Empfänger eines ‘Nein’ auch etwas bezüglich der Einvernehmlichkeit lernen könne, nämlich, wie man ein ‘Nein’ respektiert, ohne die andere Person dafür verantwortlich zu machen.

► ”Es ist vollkommen in Ordnung, enttäuscht zu sein, wenn jemand den körperlichen Kontakt ablehnt, aber wie ihr mit dieser Enttäuschung umgeht liegt in eurer Verantwortung und nicht bei der anderen Person“, erklärte Cavill.

► “Empathie ermöglicht es uns, trotz der Enttäuschung, eine Wertschätzung darüber zu empfinden, dass die andere Person sich selbst respektiert und wir müssen anerkennen, dass eine abgewiesene Umarmung keine absolute Ablehnung bedeutet.“ 

Regeln aufstellen

“Kinder mit einer Kommunikationsstörung oder geistiger Beeinträchtigung entwickeln sich vielleicht etwas anders, aber typischerweise beginnen Kinder im Alter von ungefähr fünf Jahren damit, sexuelle Fragen zu stellen“, so Cavill.

Sie begann zeitgleich mit dem Töpfchen-Training damit, ihren Kindern auch Spielzeug zu geben, mit dem sie die Sexualität und ihre eigenen Körper besser verstehen konnten.

Cavill erklärt, dass sie mit ihren Kindern die anatomischen Namen verschiedener Körperteile durchgegangen sei und ihren Kindern vermittelt habe, was ein angemessenes und auch ein unangemessenes Verhalten Erwachsener bei der Interaktion mit Kindern und ihren Körpern sei.

 

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Sexuallehrerin Kim Cavill ist der Meinung, dass das Töpfchen–Training ein guter Zeitpunkt ist, um Kindern mehr über die verschiedenen Körperteile und über angemessenes und unangemessenes Verhalten Erwachsener zu erzählen.

“Wenn man früh beginnt, dann ist es fast wie angeboren“, sagt sie. “Wenn ich das erste Mal mit einem kleinen Kind über Sex spreche, dann erkläre ich immer, dass das etwas ist, was Erwachsene tun. Denn für ein Kindergartenkind ist fast jeder über 14 Jahre ein Erwachsener.”

“Nachdem ich also erklärt habe, worum es sich bei Sex handelt, betone ich, dass niemand jemals etwas mit seinem Körper tun muss, dass er nicht will. Sex ist immer eine Entscheidung. Es ist immer privat.“

Bowers erläuterte außerdem die Regeln der Privatsphäre. “Einvernehmlichkeit beinhaltet den Respekt für Körper, es ist also von enormer Wichtigkeit, dass Kinder verstehen, dass ihre Körper etwas Gutes sind, dass Körperteile eine Aufgabe haben und dazu gehört auch, uns Freude zu bereiten“, erklärte sie gegenüber der HuffPost.

“Kinder können den Unterschied zwischen einem öffentlichen Verhalten, das uns gut tut (z.B. Daumenlutschen) und einem privaten Verhalten dieser Art (z.B. das Berühren von Genitalien) lernen. Wir wissen, dass es uns ein Wohlgefühl bereitet, unsere Genitalien zu berühren, aber das ist etwas Privates, das man im Schlafzimmer macht und nicht vor anderen.“

Den ganzen Weg gehen

Bei der Kindererziehung können auch andere Erwachsene im Umfeld noch etwas lernen. „Kinder beobachten uns dabei, wie wir mit der Welt Tag für Tag interagieren. Das Beste, was wir tun können ist dabei der Mensch zu sein, zu dem unser Kind einmal heranwachsen soll“, erklärte Cavill.

“Es gibt Momente, in denen ich andere Erwachsene bloßgestellt habe. Nicht aus Boshaftigkeit. Ich habe nur ganz offen Dinge angesprochen, die ich nicht in Ordnung fand. Dabei ist es mir egal, wie andere sich fühlen.“

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Cavill erklärte, dass kritische Kommentare nicht einfach so an ihr vorbeiziehen würden. Ganz gleich, ob sie die Person, die die Kritik geäußert hat, kenne, oder nicht. In solchen Situationen habe sie die folgende  Antwort parat:

►”Bei allem Respekt, aber ich stimme dir hier nicht zu, und zwar aus diesem Grund:… .”

► Und sie achte darauf, dass auch ihre Kinder Zeuge dieser Situationen werden.

“Vielleicht kommt es später, wenn meine Kinder älter sind, einmal zu einer Situation, in denen ich mit ihnen sprechen muss, weil sie gegen Belästigungen in ihrem eigenen Freundeskreis vorgehen wollen. Wenn meine Kinder mich nie dabei gesehen hätten, wie ich diese Dinge anspreche, dann wäre eine solche Unterhaltung sehr viel schwieriger.“

Die Unterhaltung entfaltet sich mit dem Alter

Wenn ein Kind plötzlich in das Alter kommt, in dem es sexuell aktiv wird, dann sollte die Einvernehmlichkeit einen sehr hohen Stellenwert einnehmen. Die Diskussion um dieses Thema kann sich jedoch noch weiter entfalten und detaillierter werden.

“Als mein Sohn ein Teenager war, da haben wir darüber gesprochen, dass es ein Zeichen von Respekt ist, wenn man erst fragt, bevor man jemand anderen berührt. Damit schätzt man die andere Person und akzeptiert, dass ihr Körper nur ihr gehört. Respekt beinhaltet auch, dass man diese Person als gleichwertig betrachtet. Ihre Wünsche wiegen genauso viel, wie die eigenen Wünsche“, erklärte Wallace-Wright.

Weiter betonte sie die Wichtigkeit „emotionaler Grenzen“ und die Tatsache, dass man nie wissen könne, wie es um die Gefühle eines anderen Menschen bestellt sein würde.

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Die Einvernehmlichkeit sollte bei Eltern ganz oben stehen, wenn Kinder sexuell aktiv werden.

“Wenn mein Sohn also auf einem Date ist und er gegen Ende des Dates seine Partnerin küssen möchte, dann kann er nicht davon ausgehen, dass sie das ebenfalls möchte, selbst wenn sie lächelt. Vielleicht lächelt sie, weil sie einfach nur Spaß hat, vielleicht ist sie aber auch nervös und kann es kaum abwarten, bis das Date vorüber ist“, erläuterte sie.

► „Deshalb muss er fragen: „Das war ein wirklich schöner Abend, ist es in Ordnung, wenn ich Dich küsse?“

Auch wenn die erste Reaktion ihres Sohnes ein ‘Das ist total bescheuert, Mama – das werde ich ganz sicher nicht tun!’ war, so erzählte Wallace-Wright doch, dass sie das Thema weiter besprochen hätten und sich das Verhalten nur deshalb bescheuert anfühle, weil es in der Popkultur so selten propagiert werde.

► “In Kinofilmen kommt es so gut wie nie vor, dass jemand zunächst fragt“, erklärte sie.

► “In dem Film ‘Call me By Your Name’ aber wird genau diese Einvernehmlichkeit gezeigt – und diese Szene ist einer der aufregendsten Szenen des ganzen Films. Und so wird die Annahme, das Fragen nicht sexy sei, widerlegt.“

Wallace-Wright erzählte außerdem, dass sie und ihr Sohn sich besonders darauf konzentrieren würden, Empathie aufzubauen. „Wir haben darüber gesprochen, wie sich sein Date fühlen würde, wen er sie einfach so küssen würde und sie das gar nicht wolle. Wie würde er sich fühlen, wenn jemand ihn einfach so berühren würde, obwohl er das nicht möchte? Es kann sich sehr verletzend anfühlen.“

Sie betonte außerdem, dass es in jeder romantischen Beziehung erst dann am schönsten sei, wenn auch der Partner oder die Partnerin voll und ganz mit der Interaktion einverstanden sein würden. Wenn sich der Partner oder die Partnerin nicht wohl fühle, und man versucht, sie umzustimmen, dann sei das Bedrängung und kein Einvernehmen.

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“Du hast gerade demonstriert, dass deine Wünsche Priorität haben und, dass die Tatsache, dass auch noch eine zweite Person involviert ist, erst an zweiter Stelle steht. In einer gesunden Beziehung werden die Wünsche von beiden Parteien gleichermaßen respektiert und gewürdigt“, so Wallace-Wright.

„Dein Partner oder deine Partnerin verdient es, sich entscheiden zu dürfen. So wie auch dir eine eigene Entscheidung zusteht. Und wenn einer von euch das komische Gefühl, zunächst zu fragen, überkommt, dann wird das letztendlich auch zu einer tollen gemeinsamen Erfahrung führen, weil es zeigt, dass man sich gegenseitig schätzt und respektiert.“

Wenn man persönliche Grenzen und Einvernehmlichkeit diskutiert, dann ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass sexuelle Belästigung in vielerlei Formen auftreten kann. Es muss nicht einmal gewalttätig oder gezwungen sein.

“Sprecht auch darüber, dass auch Gesten, ein unangebrachter Kommentar und Starren schon Grenzen verletzen können. Es ist ein Unterschied, ob man ein ehrliches Kompliment wie ‘Ich mag, was du heute trägst!’ macht oder, ob man eine Person mit den Augen auszieht und das Ganze mit ‘Nicht schlecht!’ unterstreicht. Die erste Aussage ist ehrlich, die zweite Aussage ist eine Demonstration von Macht: Ich lasse dich wissen, was ich von deiner Erscheinung halte – ob du das willst oder nicht!”

Es ist ein großes und wichtiges Thema

Diese Lehren sind nur ein Teil des großen und komplizierten Bildes einer gesunden, einvernehmlichen Beziehung.

Lang sagte, dass sie mit ihrem Sohn über verbale und non-verbale Einvernehmlichkeit gesprochen habe. “Lasst eure Söhne wissen, dass das mündliche Einverständnis wichtig ist, wenn sie lernen, mit einer anderen Person sexuell aktiv zu sein. Wenn sich die Beziehung mit der Zeit festigt und tiefer geht, dann werden sie auch lernen, das non-verbale Einverständnis zu erkennen“, erklärte sie.

► “Und wenn ihr Bauchgefühl ihnen sagt, dass ihre Partnerin zwar ‘Ja’ gesagt hat, sich damit aber nicht wohlfühlt, dann müssen sie aufmerksam sein und eventuell einen Rückzieher machen.“

Cavill betonte weiter, dass die Einvernehmlichkeit nicht der einzige Faktor sei, der guten und gesunden Sex definiert. Vielmehr handle es sich dabei um ein Tor zu einem größeren Dialog.

“Die Arbeit hört hier nicht auf“, sagte sie. “Man muss trotzdem weiter über Sex sprechen. Die Einvernehmlichkeit ist nur der erste Schritt in dem Prozess. Sie ist noch nicht das Ende. Und das ist nur schwer zu vermitteln, bei Jugendlichen, wie auch bei Erwachsenen.“

Medien nutzen

Bowers empfahl eine Reihe von Kinderbüchern über Einvernehmlichkeit.

“Einige meiner liebsten Bücher für Kinder sind “Miles Is the Boss of His Body” von Samantha Kurtzman-Counter und Abbie Schiller. Hier geht es um Einvernehmlichkeit und Körper-Autonomie, ganz ohne Sexualität. Auch viele Bücher von Jayneen Sanders sind empfehlenswert.“

Deborah Chilcoat, die für das Healthy Teen Network in Baltimore tätig ist, empfahl Eltern, sich mit altersgerechten Quellen zu befassen. Diese können tiefergehend sein, es können geplante Lektionen sein oder aber Videos, z.B. “Consent for Kids.” von den Blue Seat Studios.

Lang erklärte, dass sie die Medien auch bei der Erziehung ihres Sohnes nutzt. “Wir schauen gemeinsam fern, z.B. die Serie ‘Riverdale’. Dabei gibt es viele Gelegenheiten, um über Einvernehmlichkeit zu sprechen“, bemerkte sie.

Über Pornografie sprechen

“Die vielleicht wichtigste Unterhaltung für junge Menschen, nicht nur für Jungs, aber ich betone die Jungs hier besonders, dreht sich um Pornografie“, sagte Cavill.

► Sie empfahl, dieses Thema zu diskutieren, wenn das Kind zwischen zehn und 13 Jahren alt sei. In diesem Alter würden Kinder Pornografie für gewöhnlich online entdecken.

“Das liegt nicht daran, dass Pornografie generell unmoralisch oder schlecht ist, sondern daran, dass Pornografie online meistens von Männern für Männer produziert wurde. Vieles davon ist ganz einfach nur frauenfeindlich“, erklärte Cavill.

“Wir müssen ganz deutlich sagen, dass es sich bei Pornografie um Sex zu Unterhaltungszwecken handelt und nicht um den richtigen, wahren Sex. Das sind zwei verschiedenen Dinge“, fügte sie noch hinzu.

“Wenn man Pornos schaut, um sich auf den richtigen Sex vorzubereiten, dann ist das in etwa so, als würde man Star Wars schauen, weil man glaubt, schon morgen das nächste Space Shuttle steuern zu können.“

Wenn Eltern diese Unterhaltung nicht führen, dann können die Frauenfeindlichkeit und die Gewalt, die in vielen Pornos zu finden sind, erheblichen Einfluss auf ihre Kinder ausüben. Kinder verfügen noch nicht über das kontextuelle Verstehen, um zu erkennen, dass es sich nur um Unterhaltung handelt und nicht um das wahre Leben.

Cavill empfahl für ein gutes, zielführendes Gespräch den Clip “Amaze’s short animated video” über Pornografie.

Es gilt für alle

“Diese Grundsätze gelten für Mädchen genauso wie für Jungs und auch für alle anderen Geschlechter“, erklärte Wallace-Wright gegenüber der HuffPost.

► „Sie gelten für gleichgeschlechtliche Beziehungen sowie für Beziehungen zwischen verschiedenen Geschlechtern. Jeder muss die Grenzen respektieren und um Erlaubnis fragen.“

Wallace-Wright warnte aber auch vor gefährlichen Geschlechter-Vorurteilen.

″‘Jungs sind nun einmal Jungs’ ist nur eine Entschuldigung für respektloses Benehmen. Tatsächlich ist dieses Benehmen vielen Jungs und Männern gegenüber respektlos. Es impliziert, dass Jungs nicht imstande sind, ihre Impulse zu kontrollieren, und dass schlechtes Benehmen ganz normal ist, ja sogar erwartet wird.”

“Jungs und Männer sind denkende menschliche Wesen, sie können kontrollieren, was sie sagen und was sie tun – genauso wie Frauen. Alle Menschen sollten die Verantwortung für ihre Entscheidungen tragen.“

 

Dieser Artikel erschien zuerst in der HuffPost USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.